Bezirksgericht

Wer half dem Rickenbacher Bankräuber?

Am Montag verhandelte das Bezirksgericht den Fall des Rickenbacher Bankräubers. Die dabei laut Staatsanwaltschaft involvierten Geschwister stritten ab, vom Überfall gewusst zu haben. Der Täter gab an, unter Druck spontan gehandelt zu haben.

Diese Filiale der Zürcher Landbank in Sulz wurde im Januar 2019 überfallen.

Diese Filiale der Zürcher Landbank in Sulz wurde im Januar 2019 überfallen. Bild: Marc Dahinden

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Nach den Befragungen sitzt einer der Beschuldigten des Rickenbacher Banküberfalls im Foyer das Bezirksgerichts Winterthur: der Kopf rot, die Handflächen im Gesicht. Dem dreifachen Vater, seit 2001 in der Schweiz, droht ein fünfjähriger Landesverweis. Die grosse Frage: Was wusste er vom Banküberfall seines Cousins?

Dieser war an Heiligabend 2018 aus Mazedonien in die Schweiz gereist. In seinem Gepäck: ein Feuerzeug, das aussah wie eine Pistole, mit der er am 7. Januar 2019 um 11.16 Uhr die Landbank in Sulz bei Rickenbach überfallen und 18500 Franken erbeuten sollte. Der mutmassliche Bankräuber ist geständig. Er sei wegen Schulden aus Mazedonien geflüchtet, sagte er. Das Feuerzeug habe er mitgenommen, «um Zigaretten anzuzünden». (Hier gehts zur Vorschau des Prozesses)

«Ich kenne Rickenbach seit drei, vier Jahren und fühle mich dort einfach wohl, es ist eine Art Heimat für mich»Der Angeklagte

Denn den Entschluss, die Rickenbacher Bank zu überfallen, habe er erst «im letzten Moment» gefasst. Etwa eine halbe Stunde vorher, sagte er. Grund: Seine Familie und Eltern seien wegen seiner Geldschulden bedroht worden. «Am Vorabend der Tat waren sie bei meinem Vater und haben im Hof herumgeschossen», sagte der Mann. Sie hätten ihm ein Ultimatum gestellt, das Geld bis am 7. Januar um 14 Uhr zu besorgen. Einer der Gläubiger habe ihn dann nach Rickenbach gefahren, wo er die Bank überfiel. «Aus Sicherheitsgründen kann ich keine Namen nennen», sagte er, als die Richterin Details zu diesem ominösen Fahrer wissen wollte.

Doch stimmt diese Erzählung? Eine Auswertung des Mobiltelefons ergab, dass sich der Täter bereits am 1., 3. und 6. Januar in Sulz aufgehalten haben muss. Die Erklärung des Täters: «Ich kenne Rickenbach seit drei, vier Jahren und fühle mich dort einfach wohl, es ist eine Art Heimat für mich», sagte der Räuber vor Gericht. Wenn er sich schlecht fühle, dann gehe er jeweils nach Rickenbach.

Handys in Nähe der Bank

Die Staatsanwältin sollte diese Aussage später als «absolut lebensfremd und ohne jeglichen Sinn» bezeichnen. Er sei ja jeweils nur etwa eine halbe Stunde lang in Rickenbach gewesen. Es sei auch unklar, was genau dieses Heimatgefühl auslöse.

Und war er überhaupt alleine dort? Das Handy seines Cousins, der in der Region wohnhafte Vater, loggte sich am 1. und 6. Januar zeitgleich in das Rickenbacher Netz ein und wieder aus wie jenes des Täters. «Auf keinen Fall» sei er am Tag vor dem Überfall mit dem Täter in Rickenbach gewesen, sagte er gestern. Ob er am 1. Januar dort gewesen sei, wisse er nicht mehr. Am Tag des Überfalls habe er den Täter aber bei der Autobahnausfahrt Oberwinterthur abgeladen. Beweisen lässt sich dies nicht, da er sein Handy, wie auch der Täter, in der Wohnung liess.

Von einem Banküberfall habe er nichts geahnt. Auch die hier wohnhafte Schwester stritt ab, Mitwisserin und -planerin gewesen zu sein. Obwohl sie in der Nacht auf den 7. Januar mit dem Täter gechattet hatte. Er verlangte von ihr 50 Franken, um schwarze Kleider kaufen zu können, und wollte, dass sie ihn am Morgen weckt. Im Chat schrieb der Cousin, «weil ich morgen dort reingehen will». Was er damit gemeint habe, wollte die Richterin von der Frau wissen. «Ich weiss es nicht, sicher nicht, dass er eine Bank ausrauben will.» Sie habe befürchtet, dass er «einen Scheiss» machen wolle, habe aber seine Aussagen nicht ernst genommen. Es sei zudem immer wieder vorgekommen, dass ihr Cousin wegen der Schulden Geld von ihr verlangt habe. Einmal habe sie deswegen gar einen Kredit aufgenommen.

Regionale Banken gegoogelt

Die Staatsanwältin tat das vom Bankräuber skizzierte Drohszenario als «untaugliche Schutzbehauptung» ab. Der Mann habe am Tatmorgen keine Anrufe von seinen Gläubigern oder einer anderen unbekannten Nummer erhalten. «Absolut unglaubhaft» sei zudem die Tatsache, dass er das Geld nach dem Raub nicht dem Gläubiger im Auto gebracht habe, nachdem dieser doch offenbar seine Familie und den Vater bedroht haben soll. «Das widerspricht jedem gesunden Menschenverstand», sagte sie.

Der Vater des Bankräubers hat mittlerweile einen Kredit aufgenommen, um die Schulden zu zahlen. «Wenn er das jetzt konnte, hätte er das mit Sicherheit auch vor einem Jahr gekonnt», sagte die Staatsanwältin. Verdächtig erscheinen auch die Internet-Suchbegriffe des Täters am 31. Dezember: Bank Winterthur und Zürcher Kantonalbank Seuzach.

Die Staatsanwaltschaft fordert 4 Jahre Gefängnis und zehn Jahre Landesverweis für den Räuber. Sein Cousin soll nebst dem Landesverweis mit 12 Monaten Freiheitsentzug bestraft werden, ebenso dessen Schwester, die aber nur die Hälfte absitzen müsste. Das Gericht fällt die drei Urteile am Mittwoch.

Erstellt: 20.01.2020, 18:35 Uhr

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