Wochengespräch

«Wie aus einem Feuer treten»

Fidan Daoud floh vor Bomben und Männern mit Schwertern in die Schweiz. Nun hat die 24-jährige Syrerin ihre Pflegelehre abgeschlossen und ist froh, kann sie Steuern zahlen.

Statt Studium in Aleppo Lehre in Elgg: Fidan Daoud.

Statt Studium in Aleppo Lehre in Elgg: Fidan Daoud. Bild: Madeleine Schoder

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Fidan Daoud wollte Buchhalterin werden. Im Sommer 2012 war sie 18 Jahre alt und auf dem Weg, sich an der Universität in Aleppo einzuschreiben. Es war die Woche, in der ihr Bruder sie ausnahmsweise allein in der gemeinsamen Wohnung gelassen hatte, um Verwandte auf dem Land zu besuchen. Und es war der Tag, an dem der Krieg endgültig in der Stadt im Norden Syriens ankam.

Vor dem Eingang der Universität lagen drei ermordete Menschen. Daoud kehrte um, wollte zurück in ihre Wohnung, doch die Taxifahrer weigerten sich, sie zu fahren. Sie beschloss, die fünf Stunden Weg bis zur nächsten Bushaltestelle zu Fuss zu gehen, während über ihrem Kopf Kampfflugzeuge hinweg zischten und Bomben fielen. Sie dachte an ihre Eltern und dass sie nie erfahren würden, was mit ihrer jüngsten Tochter passiert war, sollte sie es nicht bis zu ihnen schaffen.

Fidan Daoud erzählt schnell und viel in ihrer Wohnung in Oberwinterthur. Sie ist 24 Jahre alt und seit vier Jahren in der Schweiz. «Es ist ein Wunder», sagt sie oft. Ein Wunder, hier zu sein. Ein Wunder, dass sie im Asylheim einfach so 21 Franken in der Woche bekommen hat. Ein Wunder, dass die Pflege Eulachtal in Elgg ihr eine Lehre als Fachangestellte Gesundheit angeboten hat – mit nur drei statt zwölf Monaten Praktikum. «Weil meine Maturnoten so gut waren, haben sie gesagt», sagt Daoud.

Sie wechselte dann aber doch zur Assistentin Gesundheit und Soziales im selben Betrieb. In Syrien habe sie nicht mit Computern gearbeitet. Dinge, wie ein Lernjournal nebst der Arbeit zu führen, waren neu und schwierig.

«Ich zittere, wenn ein Polizeiauto vorbeifährt.»Fidan Daoud

Schwierig war auch, dass es zwei Jahre dauerte, bis ihr Mann von Italien zu ihr in die Schweiz kommen durfte. Und als die Migrationsbeamtin auf Daouds Erklärung, sie könne keine Reisedokumente aus der Heimat holen, dort herrsche Krieg, herablassend entgegnete: «Ich lebe ja nicht auf dem Mond.» Schwierig sind Traumata und Angst, etwa vor willkürlicher Polizeigewalt. «Ich weiss, es ist hier anders, aber ich zittere trotzdem, wenn ein Polizeiauto vorbeifährt», sagt Daoud.

Daouds Familie, ihre Eltern und die zwölf Geschwister, ist kurdisch. «In Syrien zählt man dann nicht viel.» Eine Schwester sei von der Strasse weg verhaftet worden, weil sie einen farbigen Schal getragen und die Polizei ihr das als Provokation ausgelegt habe. Drei Tage lang sei sie im Gefängnis gewesen, habe stundenlang auf einem Bein stehen müssen mit den Armen in der Höhe. Nur dank Beziehungen und Olivenöl kam sie frei.

«Man hatte nur einen Versuch, ihre Fragen richtig zu beantworten.»

Das Öl kam von den fast 250 Olivenbäumen, die ihr Vater in einem Dorf ausserhalb Aleppos besessen habe, erzählt Daoud. Es öffnete mehr als einmal Türen, die ihrer kurdischen Familie ansonsten verschlossen geblieben wären.

Im Dorf der Eltern lebte sie zwei Jahre lang, nachdem sie es aus Aleppo heraus geschafft hatte. Die sonst zweistündige Busfahrt dorthin habe dreizehn Stunden gedauert, sie seien unablässig kontrolliert worden: PKK, IS, Assad-Soldaten. «Manche der Männer hatten lange Schwerter und man hatte nur einen Versuch, ihre Fragen richtig zu beantworten.»

Die Familie nahm weitere 40 Geflüchtete bei sich auf, aber Nahrung und Wasser wurden knapp. Dann der Anruf eines Bruders von Fidan Daoud, der vor mehr als 20 Jahren in die Schweiz ausgewandert war: Familiennachzug. «Ich weiss noch, er sagte am Telefon etwas von Sommaruga.» Am 7. Januar 2014 überquerten sie frühmorgens zu Fuss die Grenze zur Türkei.

«Ich war ganz kaputt, eine einsame Person mit einem gebrochenen Herzen.»

In die Schweiz flogen sie zweieinhalb Monate später. «Das war wie aus einem Feuer zu treten», sagt Daoud. Keine Bomben, keine Kontrollen und der Bruder holte sie mit dem eigenen Auto vom Flughafen ab. «Er sagte, ich könne hier auch Fahren lernen und das stimmte», sagt sie und etwas Ungläubigkeit schwingt auch nach Jahren immer noch in ihrer Stimme mit – ein weiteres kleines Wunder.

Daoud war in Sicherheit, aber gut ging es ihr nicht. «Ich war ganz kaputt, eine einsame Person mit einem gebrochenen Herzen», erzählt die 24-Jährige. Sie war in psychologischer Behandlung, doch richtig geholfen habe ihr erst der Glaube und die Freie Evangelische Gemeinde Winterthur, die sie mit ihrem Mann regelmässig besucht.

Der christliche Hintergrund war auch ausschlaggebend für ihre neue Stelle in der Heimstätte Rämismühle, die sie nun nach Abschluss ihrer Lehre bald antreten wird. «Nach einem Schnuppertag war für beide Seiten klar, dass es passt», sagt Daoud. Als nächstes möchte sie, die gut Deutsch mit Akzent spricht, Mundart lernen. Die Patienten sollen nicht das Gefühl haben, von einer Fremden betreut zu werden.

«Ich bin froh, bin ich hier und kann Steuern zahlen.»

Die Schweizer Kultur sei ihr wichtig, sagt Daoud. «Mein Mann und ich machen Tschüss-Adié, wenn jemand die Wohnung verlässt und wir haben uns angewöhnt, Danke zu sagen.» Dazulernen, austauschen, Brücken bauen, sie lacht schüchtern, aber betont es mehrmals.

Von ihren zwölf Geschwistern leben heute noch drei in Syrien, die meisten sind in der Schweiz. Ihre beste Freundin sei tot und eine Nachbarin habe ihr Bilder ihrer ehemaligen Wohnung in Aleppo geschickt: Sie liegt in Trümmern. «Ich bin froh, bin ich hier und kann Steuern zahlen», sagt Daoud. Sie wolle zum System beitragen, dass ihr geholfen habe – auch wenn es manchmal schwierig war. (Der Landbote)

Erstellt: 12.08.2018, 19:51 Uhr

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