Recycling

Wie aus Grüngut Dünger wird

Viele Gemeinden der Region führen das Grüngut ihrer Bevölkerung in die Kompogasanlage am Winterthurer Stadtrand. Dort liefern die Abfälle Biogas und Dünger, der wiederum in den Gärten landet.

Das Grüngut aus den Gemeinden der Region landet in der Kompogasanlage bei Oberwinterthur. Dort wird es zu Biogas vergärt. Übrig bleibt Naturdünger, der teilweise wieder in die Gemeinden zurückgeführt wird.

Das Grüngut aus den Gemeinden der Region landet in der Kompogasanlage bei Oberwinterthur. Dort wird es zu Biogas vergärt. Übrig bleibt Naturdünger, der teilweise wieder in die Gemeinden zurückgeführt wird. Bild: Marc Dahinden

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Der süsslich-faulige Geruch von Kompost liegt in der Luft. Dampf steigt auf, wenn sich der riesige Greifer in die braune Masse gräbt, die ein grosses Betonbecken in der Winterthurer Kompogasanlage füllt. Sein Maul entleert der Greifer über einem Schredder. Er zerkleinert alles, was bei der Kompogasanlage am Stadtrand bei Oberwinterthur angeliefert wurde. Äste, Blätter, Rasenabschnitt, Essensreste, zum Beispiel aus der Küche des Winterthurer Kantonsspitals, oder Abfälle aus der Mosterei.

«Anstatt alles zu verbrennen, produzieren wir hier Gas und Dünger aus dem Material, so schliessen wir den Kreislauf.»Michael Schoch, Verkaufsberater Axpo Biomasse AG

Im Winter wird der Kompostgeruch im Innern der Anlage von einer zarten Zitrusnote begleitet. Mandarinen- und Orangenschalen landen derzeit zuhauf in den Grünkübeln. Der Schredder setzt ihre ätherischen Öle frei. Ein Unterdruck im ganzen Gebäude verhindert, dass der Geruch nach aussen dringt. Die Abluft wird durch einen speziellen Biofilter geleitet: Ein Betonbecken so gross wie ein Schwimmbad ist mit zerrissenen Wurzelstöcken gefüllt und mit Holzschnitzeln bedeckt. Der Geruch bleibt an diesem Biofilter hängen, wenn die Luft aufsteigt.

Mehrwert aus Abfällen

Seit 2014 wird in der Anlage, die der Axpo, der Stadt Winterthur und der Stadt Frauenfeld gehört, Biogas aus organischen Abfällen gewonnen: etwa elf Gigawatt pro Jahr aus bis zu 25000 Tonnen Grüngut. Theoretisch kann man mit diesem Gas 1100 Haushalte ein Jahr lang versorgen. «Mit dieser Anlage holen wir einen Mehrwert aus den Abfällen», sagt Michael Schoch, Verkaufsberater der Axpo Biomasse AG. «Anstatt alles zu verbrennen, produzieren wir hier Gas und Dünger aus dem Material, so schliessen wir den Kreislauf.»

Das geschredderte Grün gut. Bild: mad

Fast 80 Prozent dieser Abfälle liefern die Gemeinden der Region an, darunter auch Dinhard, Ellikon an der Thur oder Altikon. Auf dem Gelände des Altiker Werkhofs wird bald ein grosser Presscontainer stehen, in dem die Einwohner ihr Grüngut selbst entsorgen können. «Die Abholtouren am Samstag haben nicht mehr dem Bedürfnis der Bevölkerung entsprochen», sagte Gemeinderat Roland Schenk an der Budgetversammlung der Gemeinde. Für die Entsorgung des Grünguts zahlen die Gemeinden 125 Franken pro Tonne, die sie anliefern.

Samen überleben nicht

Nachdem das Grüngut im Schredder zerkleinert worden ist, transportiert ein Förderband die Biomasse für die Vergärung in den sogenannten Fermenter. Dieser ist 32 Meter lang und funktioniert unter Ausschluss von Sauerstoff. In ihm herrschen rund 55 Grad Celsius, Wohlfühltemperatur für Milliarden von Mikroorganismen, die sich über die organischen Abfälle hermachen und dabei Biogas produzieren. Chemie ist dafür keine nötig, die Mikroben arbeiten selbstständig.

Zudem wird die Masse so hygienisiert, wie der Fachmann sagt. Samen von Blumen, Gräsern und Sträuchern werden abgetötet. Durch ein kleines, gläsernes Guckloch kann man von aussen einen Blick in den Fermenter werfen. Zu sehen ist eine braune Sauce, die von einer Welle im Zeitlupentempo umgewälzt wird. «Dadurch steigt das Gas besser auf», erklärt Schoch.

Anschliessend wird das Rohbiogas gereinigt und zu Erdgas veredelt. Zudem wird es «parfümiert», es erhält den typischen Gasgeruch, bevor es ins Erdgasnetz eingespeist wird. Dieses Parfüm kann Menschen vor dem Tod bewahren. Denn Gas ist normalerweise geruchlos.

Überdüngen möglich

Die braune Masse aus dem Fermenter landet schliesslich in einer Presse. Dort trennen sich die Wege des flüssigen und des festen Naturdüngers. Landwirte kommen die Flüssigkeit mit Tankwagen abholen, um ihre Felder damit zu düngen. Der feste Rest wird mit einem Magneten von Metall befreit und danach durchgesiebt, um Fremdstoffe zu entfernen.

Übrig bleibt bester Dünger mit Biozertifikat. Bild: mad

In der sogenannte Gärguthalle dampfen meterhohe schwarz-braune Haufen vor sich hin: bester Dünger mit Biozertifikat, der wieder Nährstoffe in die Gärten der Region bringen kann. «Wenn er gut gereift ist, riecht er wie Walderde», sagt Schoch und greift in den Haufen. Langsam lässt er die braune Masse durch die Finger rieseln. «Aber aufgepasst», warnt er. Es sei ganz klar ein Naturdünger, der gemäss Beschreibung angewandt werden muss, und keine gewöhnliche Erde.

Erstellt: 13.01.2020, 19:54 Uhr

Dünger

Zum Gratisabholen, Verschenken oder für günstigen Verkauf

Der Dünger aus der Kompogasanlage kann von der Bevölkerung gratis direkt aus der Gärguthalle abgeholt werden. Dann allerdings muss man selbst zur Schaufel greifen und auch den Kübel selbst zum Auto tragen. Auf dieses Angebot machte der Gemeinderat von Altikon die Anwesenden an der Gemeindeversammlung aufmerksam. Einwohnerinnen und Einwohner von Dinhard haben es da bequemer. Seit letztem Herbst verkauft die Gemeinde den Dünger sauber verpackt an bestimmten Tagen auf dem Werkareal. Fünf Franken kostet ein 50-Liter-Sack. «Düngerverkauf ist nicht gerade das Kerngeschäft einer Gemeinde», sagt Präsident Peter Matzinger. Dennoch habe sich der Gemeinderat nach der Anfrage von Kompogas dafür entschieden, den Kreislauf zu schliessen. «Es ist ein hochwertiges Produkt unserer Grüngutsammlung», sagt Matzinger. Das Angebot sei gefragt. An den ersten zwei Verkaufstagen seien 45 Säcke verkauft worden. Im März gibt es weitere Verkaufstage. Auch für Martin Bührer, Präsident von Ellikon an der Thur, macht es Sinn, den «Stoffkreislauf zu schliessen», wie er sagt. Die Gemeinde will deshalb ab April auch Naturdünger anbieten. «Wir haben aber noch nicht entschieden, ob wir diesen gratis oder sehr günstig abgeben», sagt Bührer. (rut)

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