Geschichte

Wie die Gemeinde zu ihrem Wappen kam

Ein engagierter Winterthurer half mit, das Wappenchaos vor hundert Jahren zu lösen. Zuvor hatten ein Zürcher und Kaffeekleber die Leute im Kanton verwirrt.

Die Zürcher Wappenrolle von 1340 ist die älteste bekannte Zusammenstellung von Wappen auf der Welt. Und macht den ursprünglichen Zweck der Wappen deutlich.

Die Zürcher Wappenrolle von 1340 ist die älteste bekannte Zusammenstellung von Wappen auf der Welt. Und macht den ursprünglichen Zweck der Wappen deutlich. Bild: Antiquarische Gesellschaft Zürich

Der Magen knurrt, das Hungergefühl lähmt den Körper. Weit und breit kein Essen. Es ist das Jahr 1917 und die Lebensmittel werden vom Kanton rationiert. Im Frühling Reis und Zucker, im Herbst Brot und Mehl.

Im Nordwesten kämpfen Franzosen gegen Deutsche, im Südosten Italiener gegen Österreicher.Verständlich, dass da der Fragebogen von Dr. Friedrich Hegi-Naef auf den Gemeindeverwaltungen verstaubt. Der Archivar wollte Klarheit über die Zürcher Gemeindewappen schaffen.

Falsche Wappen im Umlauf

Denn es herrschte ein allzu buntes Treiben bei den Wappen. Zwar brachte Mitte des 19. Jahrhunderts der Zürcher Lithograph Johannes Krauer eine Tafel mit allen Zürcher Gemeindewappen heraus, die sich auch rasch verbreitete, doch von den 158 Wappen waren über die Hälfte ganz oder teilweise falsch und 22 Gemeinden überhaupt nicht vertreten.

Zusätzlich brachte die Firma Kaffee Hag aus Meilen zu Werbezwecken ein Sammelalbum mit aufklebbaren Gemeindewappen heraus. Statt Messi und Ronaldo klebten sich die Zürcher Marthalen und Rickenbach ein. Allerdings waren auch diese Wappen fehlerhaft.

Stempel, Glocken und Fahnen

Am Tag vor Weihnachten 1923 unternahm der Winterthurer Hans Hess deshalb einen neuen Anlauf. Er brachte die Idee einer Gemeindewappenkommission auf und teilte dies dem Vorstand der Antiquarischen Gesellschaft mit. Begeistert nahm diese die Idee auf und begann, in den Gemeinden nachzufragen, ob es etwa auf Stempeln, Grenzsteinen, Feuerkübeln, Glocken, Glasgemälden oder Fahnen Hinweise auf die Gemeindewappen geben könnte.

Die Kommission arbeitete ebenfalls mit Fragebögen, schaute selber bei den Gemeinden nach und publizierte in Fachzeitschiften wie der «Schweizerischen Feuerwehr Zeitung» Aufrufe, sich auf «wappengeschmückte Gerätschaften» zu achten. Auch in den Staatsarchiven wurde nach den Ursprüngen (siehe Interview – Artikel zum Thema) geforscht.

Widerstand gegen Anpassung

Die Kommission war während elf Jahren aktiv und lieferte den Gemeinden Vorschläge. In den meisten Ortschaften entschied der Gemeinderat über das zukünftige Wappen. In dreizehn Ortschaften war das Wappen ein Traktandum an der Gemeindeversammlung, darunter etwa auch Humlikon und Marthalen. Nach und nach wurden die neuen Wappen als Postkarten gedruckt, damit deckte die Kommission ihre Spesen.

Aufruhr herrschte dann wieder einige Jahrzehnte später. Das Buch «Gemeindewappen des Kantons Zürich» sollte erscheinen und die Wappen deshalb im Stil vereinheitlich und dem Zeitgeist angepasst werden. Die Arbeit dazu begann 1969, das Buch erschien erst acht Jahre später, weil viele Gemeinden kein «Lifting» ihres Wappens wünschten.



Wappen aus der Region und ihre Geschichte


Seuzach

Das «aufbäumende, rotgezäumte und gesattelte, schwarze Pferd auf silbernem Hintergrund» stammt von den Herren von Heimenstein. Sie waren Habsburger, die zwischen 1279 und Anfang des 15. Jahrhunderts Land und eine Burg oberhalb des Dorfes besassen. Historiker Peter Ziegler schreibt: «Es erinnert an das Pferd Bayard in der Sage von den Haimonskindern.» Diesem Tier werden übernatürliche Kräfte zugeschrieben. In einigen Gemeinden fand die Wappenkommission keine alten Wappen. Nebst Bertschikon (heute Wiesendangen), Hofstetten, Humlikon, Marthalen und Trüllikon betraf das auch Seuzach.



Zell

Eine Schnecke im Gemeindewappen ist nebst all den Bären, Wildschweinen und anderen wilden Tieren aussergewöhnlich gemütlich. Weshalb eine Schnecke durch das Zeller Wappen kriecht, ist nicht genau überliefert. In den 1920er-Jahren entdeckte die Wappenkommission ein Windlicht von 1845 mit dem Bild einer weissen Schnecke mit gelben Fühlern. In der Heraldik wird der Schnecke keine besondere Symbolik zugewiesen. Auf der Website der Gemeinde Zell steht, dass die Symbolik der Schnecke (langsame Fortbewegung, sich verkriechen) «nicht automatisch das Wesen der Bewohner der Gemeinde charakterisiert».



Berg am Irchel

In der Heraldik gilt ein aufrechter Eber als «kampflustig». Das Wappen von Berg am Irchel geht auf Werner von Betmaringen zurück, der das Dorf 1361 besass und in seinem Familienwappen ebenfalls einen Eber hatte. Ein Pfarrer wollte Ende des 19. Jahrhunderts jedoch keine «Sau» als Wappen in seiner Kirchenscheibe haben und liess eine ausgerissene grüne Linde auf einem silbernen Hintergrund anfertigen, das Symbol der damaligen Dorfwirtschaft. Die Wappenkommission schlug jedoch das alte Wappen vor, der Gemeinderat bekannte sich im Dezember 1943 offiziell zur Wildsau.



Elgg

Das Wappen der Gemeinde Elgg ist eines der ältesten im Kanton. Nur jene von Winterthur (1276), Grüningen (1370), Rhein­au (1374) und Zürich (1384) sind noch etwas älter. Die drei Bären mit den goldenen Halsbändern finden sich bereits 1388 auf einem Banner und sieben Jahre später auf einem Siegel wieder. Denn 1371 hatte Elgg von den Habsburgern das Stadtrecht erhalten. Dass die drei Bären gerne mal mit Hunden verwechselt werden, kam bereits 1513 vor, als ein Chronist von «Rüdenköpfen» schrieb. Auch später kam es laut Historiker Peter Ziegler aufgrund schlechter Zeichnungen zu dieser Verwechslung.



Humlikon

Die Gemeinde Humlikon hatte sich im 19. Jahrhundert ein eigenes Wappen zugelegt: eine Pflugschar und ein Rebmesser, die sich überkreuzten. Dabei wurden jedoch heral­dische Regeln verletzt. Die Wappenkommission schlug deshalb das halbe Einhorn vor, das bereits auf einem Siegel aus dem Jahr 1292 ersichtlich ist und dem Ritter Johannes von Humlikon zugeordnet wird. Das Fabelwesen wird bereits in der Bibel und von Aristoteles beschrieben. Dem Horn wurden im Mittelalter Heilkräfte zugesprochen. Die gehandelten Hörner stammten damals allerdings vom isländischen Narwal.



Wiesendangen

Die Wiesendanger besitzen ein sogenanntes redendes Wappen. Das Symbol soll dabei eine Eselsbrücke für den Ortsnamen sein. Nur: Die glatten Hörner des Wisents stimmen nicht mit denjenigen der Abbildung auf dem Wiesendanger Wappen überein. Trotzdem entschied sich der Gemeinderat 1929 für obige Variante, die von den Herren von Wiesendangen stammt und sich bereits 1340 auf der Zürcher Wappenrolle finden lässt. Der Gemskopf, der auf einem Eimer von 1794 abgebildet ist und im 19. Jahrhundert regelmässig als Gemeindewappen eingesetzt worden war, hatte das Nachsehen. (Der Landbote)

Erstellt: 22.06.2017, 16:12 Uhr

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