Eulachtal

«Wie die Lösung aussieht, ist sekundär»

Barbara Claus-Schenker behandelt als Friedensrichterin rund 60 Fälle im Jahr. Kompromisse zu finden, sei die Hauptsache und weshalb sie gerne Anwälte mit am Tisch hat.

«Es ist wichtig, alle Betroffenen ernst zu nehmen», sagt Friedensrichterin Barbara Claus-Schenker.

«Es ist wichtig, alle Betroffenen ernst zu nehmen», sagt Friedensrichterin Barbara Claus-Schenker. Bild: Johanna Bossart

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Zur Verhandlung lädt Barbara Claus-Schenker in den Gemeinderatssaal: «Mein Büro ist viel zu eng, darin kann man nicht «grad» denken.» Anfang Jahr sprang sie ad interim als Friedensrichterin im Eulachtal ein, seit Juni ist sie in allen vier Gemeinden offiziell gewählt. In Brütten führt sie das Amt bereits seit neun Jahren aus.

Eine entspannte Atmosphäre sei ihr wichtig, sagt Claus-Schenker: «Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck und eine Anfangs-Stimmung lässt sich nur schwer wieder ändern.»

Je wohler sich die Leute an der Schlichtungsverhandlung fühlten, desto eher könnten sie sich auf einen Kompromiss einigen. Deshalb setzt sie sich mit den Parteien an den grossen Tisch im Gemeinderatssaal und nicht in ihr Büro, das sich gleich daneben befindet.

Meistens gehts ums Geld

«Wie die Lösung aussieht, ist sekundär. Hauptsache, beide Parteien können Ja dazu sagen», sagt Claus-Schenker. Die meisten Fälle drehten sich um Geldforderungen, auf dem zweiten Platz kämen arbeitsrechtliche Streitigkeiten.

Man merke anhand der Fälle, in welcher Umgebung man sich befinde. In Brütten habe es etwa weniger Gewerbe als im Eulachtal. «Oft geht es um unbezahlte Rechnungen oder um Überstunden und Arbeitszeugnisse.» Rund um die Stadt Zürich, wo gröss ere Firmen angesiedelt seien, verhandle man anders gelagerte Fälle.

«Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck und eine Anfangs-Stimmung lässt sich nur schwer wieder ändern.»Barbara Claus-Schenker, Friedensrichterin

Seit im Kanton 2011 die Zivilprozessordnung angepasst worden ist, müssen sich Friedensrichter nicht mehr um Scheidungs- und Trennungsklagen kümmern. «Das ist sinnvoll. Es ist abwägig, dass sich ein Ehepaar nach einer Stunde bei mir plötzlich nicht mehr scheiden lassen will», sagt Claus-Schenker.

Die Einigungsquote der Friedensrichter ist grundsätzlich gut. In über 60 Prozent der Fälle werden Lösungen gefunden und es kommt nicht zu einem Gerichtsverfahren. Für Claus-Schenker beweisen die Zahlen, dass es sich um ein Erfolgsmodell handelt: «Ich finde es genial.

In anderen Ländern müssen sich die Gerichte mit jeder Mini-Forderung befassen.» Manchmal gehe es nur um 50 Franken, was nicht wirklich nachvollziehbar ist für Unbeteiligte, aber: «Manche Leute beschäftigt das trotzdem sehr stark, ihnen geht es oft ums Prinzip.» Da ist es wichtig, dass die Betroffenen ernst genommen werden.

Anwälte sind willkommen

Die geänderte Zivilprozessordnung erlaubt es den Parteien, einen Rechtsanwalt zur Verhandlung mitzubringen. Zu Beginn seien die Vorbehalte unter den Friedensrichtern gross gewesen, doch mittlerweile halte sie es für einen positiven Schritt, sagt Claus-Schenker: «Manchmal verrennen sich die Leute oder verkennen die Situation.

Da kann es sehr nützlich sein, wenn in der Pause jemand vom ‹eigenen Lager› etwas zu ihnen sagt.» Die Zusammenarbeit mit den Anwälten erlebe sie als durchwegs konstruktiv.

«Es ist wahrscheinlich zu heiss zum Streiten. Darum muss ich wohl jetzt den Sommer geniessen.»Barbara Claus-Schenker, Friedensrichterin

Selten seien Fälle wirklich eindeutig, meistens liege die Wahrheit irgendwo dazwischen, sagt Claus-Schenker. Sie bringe dann das Beispiel von einem Elefanten im Zirkus. Zwei Personen sehen ihn, die eine erzählt vom Rüssel und den Stosszähnen, die andere vom Hinterteil und Schwanz.

Wer hat recht? «Manche Fälle kann man auf der Sachebene gar nicht lösen.» Ein Kompomiss sei aber wichtig, um die oftmals belastenden Situationen aufzulösen. Bei Forderungen bis 2000 Franken kann Claus-Schenker zudem selbst ein Urteil sprechen – sie muss aber nicht.

«Behördenschreck» verhindert

Ursprünglich hat Claus-Schenker Literatur studiert, danach war sie in der Ausbildung tätig, machte Coachings, Teamentwicklungen und Konfliktmoderationen. «Das war ein gutes Übungsfeld mit Menschen», sagt sie.

Zum Amt in Brütten kam sie vor neun Jahren, um einen «Behördenschreck» aus Zürich zu verhindern, der sich auf alle möglichen Ämter bewarb. Seit einiger Zeit leitet sie zudem die Bibliothek in Brütten: «Ich mag die Abwechslung.» Auch wenn sich der Aufwand als Friedensrichterin nicht immer gleich verteilen lasse.

Im April habe es Fälle gehagelt, zwei bis drei in der Woche hätten sie erreicht. Dafür sei nun im Sommer wenig los. «Es ist wahrscheinlich zu heiss zum Streiten. Darum muss ich wohl jetzt den Sommer geniessen», sagt sie lachend.

(Der Landbote)

Erstellt: 25.07.2018, 15:32 Uhr

Zuständigkeiten und Ablauf

Friedensrichterinnen und Friedensrichter sind in Zürich unter anderem für Forderungs-, Unterhalts- und Nachbarschaftsklagen sowie arbeitsrechtliche und erbrechtliche Klagen zuständig.

Nicht zuständig sind sie für Scheidungs- und Trennungsklagen, Mietrecht, Ehrverletzungsklagen und Gleichstellungsfragen von Frau und Mann.

Die klagende Partei reicht ein Schlichtungsgesuch ein, woraufhin beide Parteien zum Schlichtungsverfahren geladen werden. In der Regel geschehe das innerhalb von vier bis sechs Wochen, sagt Friedensrichterin Barbara Claus-Schenker.

Erzielt man im Verfahren keine Einigung, so erteilt die zuständige Friedensrichterin eine Klagebewilligung, die als «Eintrittsticket» für das Gericht gilt.

Unter www.friedensrichter-zh.ch finden sich Erläuterungen, Hinweise und Tipps zu Schlichtungsverfahren.

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