Elgg/Zürich

«Wir setzen uns keinem grossen Risiko aus»

Wird es uns mit elektromagnetischer Strahlung ergehen wie mit Asbest? In Elgg gibt es solche Befürchtungen. Gregor Dürrenberger, Geschäftsleiter der Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation, sagt: Kaum.

Laut Gregor Dürrenberger sind die Vorgaben, an die sich Schweizer Anbieter halten müssen, strikt.

Laut Gregor Dürrenberger sind die Vorgaben, an die sich Schweizer Anbieter halten müssen, strikt. Bild: Johanna Bossart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gleich zu Beginn: Sind Handyantennen, so wie sie heute in der Schweiz stehen, gefährlich für Mensch und Tier?
Gregor Dürrenberger: Die kurze Antwort ist Nein. Es braucht aber gewisse Einschränkungen, weil man die Abwesenheit eines Effektes nie wird beweisen können. Das heisst, man kann immer zweifeln.

Wie lautet die lange Antwort?
Wenn ich die Fakten anschaue, die in der Forschung vorliegen – und man untersucht dieses Thema schon seit vielen Jahren –, dann gibt es in Bezug auf die Handyantennen nur ganz wenige Hinweise auf eine gesundheitliche Gefährdung. Diese Hinweise betreffen vor allem das Unwohlsein, also unspezifische Gesundheitssymptome. Die Indizien sind nicht wahnsinnig robust und es spricht mehr dafür, dass sie nicht ursächlich von der Strahlung verursacht werden, sondern dass das Empfinden der Leute, die Angst, mit den Symptomen verknüpft ist.

Also sind die Symptome psychologischer Natur?
Es spricht einiges dafür. Man hat zu diesem Thema recht viele Laborstudien gemacht, die alle in diese Richtung weisen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Viele Leute sagen, sie können schon nach kurzer Zeit spüren, wie es ihnen schlechter geht, wenn sie im Einflussbereich einer WLAN-Antenne oder eben einer Handyantenne sind. Das hat man im Labor verblindet getestet. Die Leute wussten also nicht, ob eine Antenne aktiviert ist oder nicht. Man hat so weltweit um die tausend Personen getestet und keine Untersuchung konnte den Zusammenhang zwischen Strahlung und Wohlbefinden überzeugend nachweisen. Was man herausgefunden hat, ist, dass, wenn die Leute glauben, die Antenne sei aktiviert, es ihnen tendenziell schlechter geht.

«Ein Handy bestrahlt den Körper bis zu 10'000-mal stärker als eine Antenne.»Gregor Dürrenberger

Wird man je Gewissheit haben?
Von der Endgültigkeit muss man sich in der Wissenschaft sowieso ein Stück weit verabschieden. Bei der elektromagnetischen Strahlung liegt eine Hauptsorge im Bereich der Tumorbildung. Dort hat man ein gutes «Thermometer» zur Überprüfung: die Krebsstatistiken. Mobilfunk ist seit knapp 20 Jahren im breiten Einsatz. Die Entwicklungszeit bei gewissen Hirntumoren, um diese geht es vor allem, beträgt 15 bis 20 Jahre. Wenn man die heutigen Statistiken anschaut, sieht man in der Entwicklung keinen Anstieg. Wenn wir noch einige Jahre warten und die Statistiken keine Auffälligkeiten zeigen werden, kann man mit grosser Sicherheit ausschliessen, dass es einen Zusammenhang gibt.

Sie sprechen von den Handys. Ist dort das grössere Gefahrenpotenzial als bei den Antennen?
So wird es in der Wissenschaft angeschaut. Der Grund dafür ist, dass beim Telefonieren das Endgerät direkt am Körper benutzt wird. Ein Handy strahlt massiv schwächer als eine Basisstationsantenne. Aber die Tatsache, dass es so nahe am Körper benutzt wird, führt dazu, dass die Bestrahlung am Kopf sehr viel grösser ist als die einer Antenne, die 50 oder 200 Meter entfernt steht. Und massiv grösser heisst nicht einfach ein bisschen, sondern 100-, 1000-, 10 000-mal so viel.

Was ist mit WLAN?
Die Wissenschaft betrachtet WLAN nicht als bedeutende Quelle.

Die Distanz macht also einen grossen Unterschied?
Bei den Endgeräten ist sie das A und O. Nur schon wenn Sie die Freisprechanlage nutzen oder ein Headset anhaben, ist die Bestrahlung am Kopf bis 1000-mal kleiner. Es kommt auch auf die Technologiegeneration an. Bei neuen Technologien wie 3G/UMTS oder 4G/LTE strahlen Handys massiv weniger als noch bei 2G/GSM.

Weshalb das?
Das Gerät meldet sich bei der alten Technologie immer mit maximaler Leistung bei der Antenne an. Danach fährt es die Leistung auf das nötige Minimum herunter. Die Leistungsspitzen sind entscheidend, wenn man Strahlung ausgesetzt ist. Bei der neuen Generation funktioniert es umgekehrt. Das Gerät fängt bei null an und erhöht die Leistung, bis sie gerade ausreicht.

Wir haben von Distanz beim Handy gesprochen. Was, wenn ich aber sehr nahe an einer Antenne mit grosser Leistung wohne?
Man kann sich die Strahlung einer Antenne wie einen Autoscheinwerfer vorstellen. Der Strahl ist allerdings breiter und zeigt nach unten, dorthin, wo die Leute telefonieren. Unter der Antenne ist die Feldstärke meist klein und in einigen Hundert Metern maximal. Das ist dort, wo der «Scheinwerfer» auf den Boden trifft. Wenn man Messungen macht, gibt es keinen konsistenten Zusammenhang zwischen der Distanz zur Antenne und der Feldstärke.

Wieso?
Die Felder können von Hauswänden reflektiert oder durch Gegenstände gedämpft werden. In jedem Fall muss die Antenne so eingestellt sein, dass sie die Grenzwerte einhält. Die Feldstärken in fast allen Wohnungen liegen massiv unterhalb der vorgeschriebenen Limiten.

Über Messwerte wird aber auch oft gestritten.
Bei Messungen kommt es sehr auf den Zeitpunkt an. Häufig senden Antennen nicht an der Kapazitätsgrenze. Dann zeigen die Messwerte tiefe Feldstärken.

In der Schweiz seien die Grenzwerte zehnmal tiefer als im Ausland, heisst es. Die Gegner sagen aber, es werde das Falsche gemessen.
Die Grenzwerte sind tief in der Schweiz und sie sind als Maximalwerte definiert. Sie regeln also den Worst Case. Man gibt nicht einen Durchschnittswert an und die Antenne kann dann trotzdem mehr leisten. Die Werte werden auch tatsächlich kontrolliert. In einigen wenigen Ländern und einzelnen Regionen sind die Grenzwerte vergleichbar tief oder tiefer, aber es wird nicht so systematisch kontrolliert wie hierzulande. Die Anbieter in der Schweiz haben strikte Vorgaben, das kann man nicht wegdiskutieren.

Aber Strahlung kann Auswirkungen haben?
Ja. Man kann etwa berechnen, wie stark sich das Gewebe bei welcher Frequenz und Feldstärke erwärmt. Das, was auch bei einem Sonnenbrand passiert. Die ganzen Grenzwerte, die wir haben, stützen sich auf diese Erwärmung. Man weiss, ab wann sie gesundheitsgefährdend ist.

«Ich habe keine Bedenken.»Gregor Dürrenberger

Gibt es Effekte, die nichts mit Wärme zu tun haben?
Wenn man in der Forschung ein Feld einsetzt, bei dem die Erwärmung sehr klein ist, und man trotzdem einen Effekt feststellt, fragt man sich natürlich, wie der Effekt zustande gekommen sein könnte. Etwa durch die Form des Signals? Diesen Fragen ist man intensiv nachgegangen und man hat bis heute keine Klarheit über sogenannte nicht thermische Effekte. Wenn man damit argumentiert, bewegt man sich wissenschaftlich auf recht wackligem Terrain.

Was ist mit dem sogenannten «oxidativen Stress» als Folge von Strahlung?
Die Vermutung ist, dass die Strahlung die Bildung von Sauerstoffradikalen im Körper fördert. Man weiss, dass diese Radikale Zellen beziehungsweise Zellfunktionen schaden können, wenn sie in zu hoher Konzentration vorkommen. Wir arbeiten mit Leuten zusammen, die international mit an der Spitze dieser Forschung stehen. Aus ihrer Sicht sind sich die Experten einig: Die bisherigen Resultate lassen keine Schlussfolgerungen auf gesundheitliche Wirkungen zu.

Aber es gibt Hinweise?
Ja, doch sie sind unklar. Sie treten etwa nicht bei allen Zelltypen auf und können selten in Nachfolgestudien bestätigt werden. Es ist nicht auszuschliessen, dass es Zufallsresultate sind. Aber man nimmt sie ernst und geht ihnen nach in der Hoffnung, etwas Robustes zu finden.

Also besteht das Risiko, dass die heutigen Grenzwerte «oxidativen Stress» nicht verhindern?
Es gibt keine klare Abhängigkeit von Dosis und Wirkung. Mit den bisherigen Zellexperimenten konnte nicht gezeigt werden, dass eine grössere Dosis Strahlung zu mehr freien Radikalen führt. Von daher ist es absolut spekulativ, daraus Schlussfolgerungen für Grenzwerte zu ziehen.

Wenn man davon ausgeht, es könnte gesundheitliche Schäden geben, müssten sie dann nicht logischerweise dort am schlimmsten sein, wo die meisten Antennen stehen?
Überall, wo es Siedlungen hat, hat es Antennen. In Siedlungen leben Menschen, wo Menschen leben, kommen Erkrankungen vor. Es ist methodisch sehr anspruchsvoll, Zusammenhänge zwischen Antennenstandorten und Erkrankungsfällen herzustellen. Kommt hinzu, dass die Nähe zu einer Antenne ein ungeeignetes Mass für die Strahlen­belastung ist.

Kann man nicht feststellen, ob Menschen in der Nähe von Antennen mehr Krebs haben?
Rein beobachtend schon. Aber das sagt nichts über eine ursächliche Beziehung aus. Man hat immer irgendwo eine Häufung von Krebsfällen, weil diese nie schön gleichmässig verteilt sind. In England hiess es einmal, Radiosender seien für Krebs verantwortlich. Da hat man eine auffällige Häufung von Erkrankungen nahe einem Sender gefunden. Dann hat man gesagt, wir schauen alle Sender an, und das Muster ist verschwunden.

Gibt es genug Forschung in diesem Bereich, sichern wir uns genügend ab?
Jetzt können Sie mir natürlich Eigeninteresse vorwerfen, aber ich finde tatsächlich, dass es Fragestellungen gibt, denen man gezielt nachgehen sollte. Auch weil die Leute eine gewisse Besorgnis haben und die Wissenschaft Antworten geben sollte.

«Es spricht einiges dafür, dass das Unwohlsein psychologischer Natur ist.»Gregor Dürrenberger

Welchen Fragen würden Sie denn nachgehen wollen?
Zum Beispiel den Wirkungsmechanismen. Wie kann schwache Strahlung eine Wirkung in der Zelle verursachen? Welche molekularbiologischen Prozesse sind beteiligt? Das wären Laborarbeiten, keine Feldstudien. Richtige Detektivarbeit.

Haben Sie persönlich Angst vor elektromagnetischer Strahlung?
Nein, ich habe keine Bedenken. Es gibt immer ein Restrisiko, das ist das Wesen des Lebens. Aber in Bezug auf Handyantennen muss ich sagen, da kann ich mir aufgrund von all dem, was ich aus der Forschung kenne, wirklich nicht vorstellen, dass wir uns einem nennenswerten Risiko aussetzen.

Welche Quellen zum Thema empfehlen Sie?
Ich persönlich finde, man sollte, wenn man sich für Sachinformationen interessiert, bei forschungsnahen und bei behördennahen Informationsangeboten bleiben. Etwa bei den Bundesämtern für Umwelt (Bafu) und Gesundheit (BAG) , unserer Website (FSM) oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Weshalb?
Was eine WHO sagt und was eine Bürgerorganisation sagt, ist wie Tag und Nacht. Wir haben kürzlich die unterschiedlichen Aussagen betreffend Risiken untersucht. Es hat sich gezeigt, dass die wissenschaftlichen Institutionen, die die Forschungsliteratur relativ systematisch und umfassend auswerten, die Risiken recht einheitlich einschätzen. Kritische Organisationen picken eher selektiv Informationen heraus. Will man ein ausgewogenes Gesamtbild des Wissens, rate ich deshalb zum Besuch der Web­sites von Behörden oder wissenschaftlichen Organisationen. Man kann aber durchaus kritische Websites anschauen, man muss sich einfach im Klaren sein, dass die Fakten dort durch eine ganz andere Brille angeschaut werden. (Landbote)

Erstellt: 25.07.2017, 10:43 Uhr

Umfrage

In Elgg wehren sich Anwohner seit Jahren gegen eine Handy-Antenne. Nun behauptet ein ETH-Experte im Landbote-Interview die von dort ausgehenden Strahlen seien unbedenklich. Glauben Sie ihm?

Ja – das Unwohlsein der Anwohner ist bloss psychologisch bedingt.

 
45.3%

Nein – ich möchte auch keiner Handy-Antenne ausgesetzt sein. Die Sorgen müssen ernst genommen werden.

 
27.7%

So oder so – Handy-Antennen braucht es halt einfach.

 
27.0%

481 Stimmen


Artikel zum Thema

Experte hat keine Bedenken bezüglich Handyantennen

Elgg/Zürich Eine Antenne in Elgg hat zu verhärteten Fronten geführt. Die Strahlung schade Mensch und Tier, so der Vorwurf. ETH-Experte Gregor Dürrenberger ist anderer Ansicht. Mehr...

Person und Stiftung

Gregor Dürrenberger hat an der ETH Zürich Naturwissenschaften studiert und seine Promotion gemacht. Es folgten ein Forschungsaufenthalt in Newcastle upon Tyne (GB) und Anstellungen an ETH und Eawag im Bereich der Umweltforschung. Seit 2000 ist er Geschäftsleiter der an der ETH Zürich angesiedelten, gemeinnützigen Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation. Diese ist von der Industrie finanziert. Sponsoren sind mit einem Sitz im sieben­köpfigen Stiftungsrat vertreten. Forschungsgelder werden durch ein externes Expertengremium vergeben. (nid)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben