Hofstetten

«Wir verteilen 400 Pilzarten auf einem langen Tisch»

Gemeinderat Andreas Zwicky organisiert als Pilzkontrolleur die Schweizer Pilzbestimmertagung 2017 mit. Die meisten Leute hätten keine Ahnung von Pilzen, sagt er.

Andreas Zwicky ist Hofstetter  Gemeinderat und Pilzkontrolleur.

Andreas Zwicky ist Hofstetter Gemeinderat und Pilzkontrolleur. Bild: zvg

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Schauen Sie sich im September ein Wochenende lang Pilz-Dias an oder wie muss man sich diese Tagung vorstellen?
Andreas Zwicky: Nein, wir tischen einen Haufen Pilze auf, und die werden dann über eineinhalb Tage bestimmt. Die Tagung ist eine Weiterbildung für Pilzkontrolleure aus Gemeinden und Schweizer Pilzvereinen.

Oh, dann gibt es am Ende ein grosses Pilzessen?
Leider nicht, die Schnecken sollen auch noch was haben. Wir setzen die Pilze wieder im Wald aus. Da wir von jeder Art nur einige wenige Exemplare haben, lohnt sich ein Essen nicht. Ausserdem wandern die Pilze durch so viele Hände und werden manchmal auch mit Chemie behandelt, dass sie nicht mehr geniessbar sind.

«Die Schnecken sollen auch noch was haben.»

Wie muss man sich das Bestimmen genau vorstellen?
Es gibt drei unterschiedliche Schwierigkeitsstufen. Auf der ersten werden angehende Kontrolleure ausgebildet. Auf der zweiten bestimmen wir Pilze makroskopisch, also von Auge und mit Handbüchern. Auf der dritten Stufe untersuchen wir die Pilze mikroskopisch. Das sind diese Arten, die man von Auge nicht mehr unterscheiden kann. Da muss man etwa die Lamellen ganz genau anschauen. Für jede Stufe ist an der Tagung ein Experte anwesend.

Woher bekommen sie die Pilze?
Der organisierende Verein ist verantwortlich für das Material. In diesem Fall also wir. Als zuständige Pilzkontrolleure für Elgg, Hofstetten, Elsau, Hagenbuch, Aadorf und Bichelsee-Balterswil sind meine Frau und ich auch Mitglieder im Verein für Pilzkunde Thurgau. Dieser wurde vom Verband Schweizerischer Vereine für Pilzkunde mit der Durchführung der Tagung im September 2017 beauftragt. Konkret bedeutet das, dass in den Tagen vor dem Anlass diverse Personen im Wald unterwegs sein werden, um das Material zu sammeln.

Sie nehmen alles mit, was Sie finden?
Von jeder Art nehmen wir zwei bis drei Exemplare mit. Am Schluss kommen jeweils 300 bis 400 Arten zusammen. Wir verteilen sie auf einem langen Tisch und fangen an, zu bestimmen. Auch während der Tagung ist immer ein Pilzler-Team unterwegs, damit das Material sicher nicht ausgeht.

Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?
Etwa 80 bis 100, vor allem aus der Deutschschweiz.

Mit wie viel Aufwand rechnen Sie für den Anlass?
Wir sind zu viert im Organisationskomitee und werden etwa 15 Helfer haben. Die Arbeit am Tag vorher wird sicher viel. Im Moment geht es vor allem um Organisatorisches wie eine Lokalität finden und Sponsoren suchen.

«In der Schweiz gibt es etwa 5000 bis 6000 Pilzarten»

Wer sponsert denn die Pilzbestimmertagung?
Es geht um kleine Beiträge, etwa für den Begrüssungsapéro. Dafür fragen wir in den Gemeinden an. Die Teilnehmer bezahlen das Tagungsgeld und das Hotel selbst.

Ist die Tagung obligatorisch?
Nein, ist sie nicht. Pilzkontrolleure sind zwar zu Weiterbildungen verpflichtet, diese werden aber von einem anderen Verband organisiert. Alle fünf Jahre muss man einen Wiederholungskurs besuchen.

Gibt es denn alle fünf Jahre etwas Neues zu lernen?
Nun ja, in der Schweiz gibt es etwa 5000 bis 6000 Pilzarten, ein Kontrolleur kennt vielleicht 400. Es gibt viel, das man nicht oft oder gar nie zu sehen bekommt. Das Grundlagenwissen über Speise- und Giftpilze bleibt natürlich gleich, das muss man einfach üben und wiederholen.

Wie steht es um das Pilzwissen der Durchschnittsbevölkerung?
Die meisten Leute haben keine Ahnung. Sie kennen die Vielfalt nicht, wissen nicht, wo und wann Pilze wachsen und kennen auch die ökologischen Zusammenhänge nicht. Unsere Natur gäbe es – ähnlich wie bei den Bienen – ohne Pilze nicht.

Man interessiert sich also zu wenig für Pilze?
In den letzten Jahren gab es eher einen Hype. Das Thema ist in den Medien präsenter als auch schon und sei es nur, wenn sich mal wieder jemand vergiftet.

«Viele sind dann erstaunt, wenn sie hören, dass man Pilze das ganze Jahr hindurch sammeln kann»

Was hat das für Folgen für die Pilzkontrolleure?
Die Leute denken sich: «Ach, ich geh doch auch einmal in den Wald.» Dann kommen sie mit Körben voller Pilze zu uns und sind enttäuscht, wenn wir das meiste aussortieren.

Also mehr Arbeit für Sie?
Nein, das sieht man schnell.

Haben Sie das Gefühl, früher hätten sich die Leute besser ausgekannt als heute?
Nun, in Kriegszeiten war man natürlich viel im Wald, weil die Lebensmittel knapp waren. Heute braucht man Pilze weniger, aber die Leute gehen wieder mehr in die Natur als Ausgleich zum Arbeitsleben. Unsere Anfängerkurse sind beispielsweise sehr gut besucht. Viele sind dann erstaunt, wenn sie hören, dass man Pilze das ganze Jahr hindurch sammeln kann.

Aber es gibt doch Schonzeiten?
Das ist von Kanton zu Kanton verschieden. In Zürich sind es die ersten zehn Tage des Monats, im Thurgau gibt es gar keine. Auch bei der Menge gibt es Unterschiede, in Zürich darf man ein Kilo sammeln. In Graubünden dürfen nicht mehr als drei Personen miteinander unterwegs sein.

Weshalb das denn?
Weil früher massenweise Leute aus Italien kamen und alles abgrasten. Die Steinpilze verkauften sie dann in Mailand auf dem Markt.

Die Pilzbestimmertagung wird vom Verband Schweizerischer Vereine für Pilzkunde organisiert und findet am 2. und 3. September 2017 auf dem Arenenberg TG statt.

(Der Landbote)

Erstellt: 28.02.2017, 17:43 Uhr

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