Hettlingen

«Wir wollen Gefühle wecken, für die man die Texte nicht unbedingt verstehen muss»

Der Gitarrist und Gründer der Flamenco-Formation Hechizo, Oliver Bosshard, spricht über seine Kunst und was die Besucher in der Zelglitrotte erwartet.

Sina de Alicia (li.) und Ladina Bucher zeigen einen Guajira-Tanz mit Fächern.

Sina de Alicia (li.) und Ladina Bucher zeigen einen Guajira-Tanz mit Fächern. Bild: Hilde Eberhard

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Wie ist es für Sie, wenn Sie mit Ihrer Gruppe Hechizo eine Flamencoinszenierung zeigen und dazwischen wird Paella serviert. Hat das etwas vom historischen «Café Cantante», wo arme Musiker für die reichen Gutsherren und Bürger spielten?
Oliver Bosshard: Na ja, wir Künstler untereinander kennen schon den Begriff «cobrar und Tschüs» («abkassieren und Tschüs»), wenn wir an einem Geschäftsessen spielen, wo sich niemand für den Flamenco interessiert. In Hettlingen finden wir es aber einen sehr gelungenen Rahmen. Wir bringen Gitarrenmusik und Gesang zum Apéro, dann folgt das Essen und anschliessend zeigen eine — etwas gekürzte Fassung — unseres Stücks Tierra.

Trotzdem, wieviel an Ihrem Auftritt ist Folklore, zumal Sie selbst Winterthurer sind?
Wir verstehen uns so traditionell, dass wir gerne schönen Flamenco zeigen, schön fürs Auge, schön zu hören. Wir bekommen oft Feedback von Zuschauern, die sagen, es habe ihnen besser gefallen als ein Auftritt, den sie zum Beispiel auf Mallorca erlebt haben. Ich denke, das Schweizerische an uns ist, dass wir in manchem nicht so grob, sondern ganz poetisch sind.

Flamenco, der ja zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, bildet mit Gesang, Musik und Tanz ein Gesamtkunstwerk. Werden Sie den Zuschauern die Texte übersetzen?
Nein, wir wollen Gefühle wecken, für die man die Texte nicht unbedingt verstehen muss. Man kann die Musik, die Bewegung und die Kleider geniessen.

Aber ist das nicht schade, wenn Ihr Sänger Pedro Navarro beispielsweise Texte von Federico Garcia Lorca vorträgt, die zur Weltliteratur zählen?
Sicher, aber andere Texte sind simpler und bestehen nur aus einem Vers.

Wenn mir bei einer Flamencodarbietung die Sprache verschlossen bleibt, weil ja auch vieles im Dialekt gesungen wird, ist es, als bliebe mir eine Tür versperrt, hinter der noch Spannendes verborgen sein könnte.
Wenn man alles versteht, ist eine andere Tür geschlossen, die man vielleicht noch nie gewagt hat, aufzumachen. Ich möchte, dass die Musik für sich wirkt. Es gibt aber auch Texte, die mir einfahren, wenn ich sie verstehe, wo ich anfange zu weinen wie ein Hund.

Wie sind Sie überhaupt zum Flamenco gekommen?
Ich bin eigentlich Perkussionist und war Schlagzeuger in einer Heavy Metal-Band. Als die sich auflöste, suchte ich nach etwas Neuem. Anfang der Neunziger Jahre war die Zeit der Gipsy Kings und ich begann mit dem Gitarrenspiel. Ein Jahr lang übte ich Akkorde nach einem Pfadfinderbuch. Dann wurde ich auf einen Klubschulkurs zum Flamencogitarristen aufmerksam. Es wurden nur Griffkenntnisse verlangt und ich kann bis heute keine Noten. Meine eigene Gruppe gründete ich dann vor genau 20 Jahren.

Mit einem ungewöhnlichen Instrumentalpartner, Roland Senft am Bandoneon.
Er spielt eigentlich Klavier und hat Flamencopiano gelernt. Dann entdeckte er das Bandoneon, ein typisches Tangoinstrument, aber es ist nicht so, dass wir die Stile vermischen. Er nutzt es als Flamencoinstrument — auch wenn er experimentierfreudig ist.

Was man über die Tänzerin Ladiner Bucher auch sagen kann.
Ladina bringt immer wieder neue Elemente in unsere Aufführungen. Sie hat einen Theaterhintergrund und sorgt für Modernität. Sie konnte auch Sina herausfordern, die immer extrem traditionell getanzt hat.

Kein Wunder, ihre Mutter war bereits eine Flamencopionierin in der Schweiz.
Ja, anfangs dachte Sina, dass man den Flamenco nicht verändern darf. Es gibt Regeln, aber sie sind dehnbar. So haben wir mit Sina eine Tänzerin, deren Stärke besonders in den Zapateados, dem Fussstampfen, liegt, während Ladina am Ausdruck arbeitet und beim Tanz mit der Schleppe auch mal etwas ausprobiert.


Tierra — Flamenco Freitag, 17.11., 19 Uhr, Zelglitrotte Hettlingen. Eintritt: Fr. 40, inkl. Paella. Reservation Tel. 052 305 05 05, Mail: gemeinde@hettlingen.ch (Der Landbote)

Erstellt: 09.11.2017, 17:14 Uhr

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