Hagenbuch

Wohnung ungewollt unterm Hammer

Zwangsversteigerungen sind selten. Im April kommt eine Eigentumswohnung in Hagenbuch unter den Hammer – der Schuldner könnte das Verfahren noch stoppen.

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Das Parkett in einer Ecke ist locker und knarzt leise beim Auftreten. Der berühmte Hall in leeren Wohnungen aber bleibt aus, die Holzverkleidung an der Decke schluckt viel. Tenzin Tsong Tsampa öffnet die Tür zur Terrasse und breitet dann ihre Unterlagen auf der ebenfalls hölzernen Küchenzeile aus. Auf den ersten Blick unterscheidet sich nichts von einer normalen Wohnungsbesichtigung.

Aber Tsong Tsampa ist Leiterin des zuständigen Betreibungsamts Elgg und die 4,5-Zimmer-Wohnung mitten im Dorf Hagenbuch soll im April zwangsversteigert werden. Gleich ist Besichtigungstermin.470 000 Franken schuldet der Eigentümer der Wohnung der Thurgauer Kantonalbank. Bezahlen kann er sie nicht. «Zu einer Zwangsversteigerung kommt es aber sehr selten», sagt Tsong Tsampa.

Der Schuldner erhalte als erstes einen Zahlungsbefehl. Danach muss der Gläubiger ein Fortsetzungsbegehren stellen, woraufhin zuerst das flüssige Vermögen, wie Sparguthaben oder Lohn, gepfändet wird. Dann erst folgt die Grundpfandbetreibung. Dem Schuldner bleibt eine Frist von sechs Monaten, um das Geld zu beschaffen. Mit dem Verwertungsbegehren schliesslich erhält das Betreibungsamt den Auftrag, das Grundstück zu «versilbern». Eine Zwangsversteigerung wird angesetzt.

Startgebot ist ein Franken

«Als Betreibungsbeamtin ist man alles von der Psychologin bis hin zur Maklerin», sagt Tsong Tsampa, während sie Personen begrüsst, die sich zur Besichtigung einfinden. Zehn waren es beim letzten Termin, dieses Mal haben sich noch drei angemeldet. Ein älteres Ehepaar schaut sich um.

«Als Betreibungsbeamtin ist man alles von der Psychologin bis hin zur Maklerin»

Er erzählt, wegen gesundheitlichen Problemen müssten sie ihr Anwesen in der Nachbargemeinde aufgeben, es gehe nicht mehr. Sie suchen etwas Kleineres. «Aber es muss schon schön sein. Oder dann so günstig, dass man das Alte rausrupfen kann», sagt er. In dieser Wohnung müsste man schon einiges machen, so sein Eindruck.

Laut Schätzung ist die Wohnung rund 420 000 Franken wert. Damit die Schulden vollends getilgt wären, müssten bei der Versteigerung weitere 50 000 Franken dazukommen. Einen Mindestpreis gibt es jedoch nicht, das Höchstgebot kann tiefer als die Schätzung ausfallen. Gestartet wird bei einem Franken. Mitbieten kann jeder. Man muss lediglich seine Identität offenlegen – und man muss die Anzahlung leisten können.

Diese beläuft sich laut Tsong Tsampa im Normalfall auf rund ein Viertel der Schätzung. In diesem Fall muss der Gewinner der Versteigerung vor Ort 100 000 Franken bezahlen können. In bar oder mit einem Scheck über die Summe, ausgestellt von einer Schweizer Bank.

Diese Vorgabe dient auch dazu, Schaulustige von ernsthaft interessierten Käufern zu trennen. Kann der Höchstbietende nicht bezahlen, habe das Konsequenzen. «Dann müssten wir eine neue Versteigerung ansetzen und er müsste die Kosten dafür tragen», sagt Tsong Tsampa.

Ein weiterer Besucher streckt sich und drückt mit der Hand gegen die Holzverkleidung – sie gibt leicht nach. Er besitze noch andere Immobilien und würde die Wohnung vermieten wollen, sagt er: «Man muss schon gründlich schauen.»

«Es kann schnell gehen»

2017 kam es im Bezirk Winterthur nur einmal zu einer Zwangsversteigerung, im ganzen Kanton waren es 17. Laut Tsong Tsampa kann es schnell gehen. Eine Scheidung, eine Kündigung, schon fehle das Geld, um die Hypothek zu bezahlen. Glücklicherweise sei der Hypothekarzins im Moment sehr tief. «Bei höheren Zinsen hätten wir mehr Versteigerungen.»

Gesteigert wird in diesem Fall in einem Sitzungszimmer des Betreibungsamts Elgg. Die Teilnehmerzahl sei begrenzt, nur 20 Personen hätten Platz am Tisch, sagt Tsong Tsampa. Wer bietet, erhält eine Nummer. Die Steigerungsschritte müssen mindestens 5000 Franken betragen.

Dem Schuldner bleibt bis zum Termin die Möglichkeit, die Versteigerung zu stoppen, falls er doch noch zu Geld kommt. «Das wird hier nicht passieren», befindet Tsong Tsampa. Das zeige sich auch daran, dass der Schuldner bereits ausgezogen sei. Der neue Besitzer wird im April automatisch zum Vermieter. In manchen Fällen gehe es weiter bis zur Ausweisung. «Auch dafür wären wir dann zuständig», sagt Tsong Tsampa und packt ihre Unterlagen wieder ein.

(Der Landbote)

Erstellt: 23.03.2018, 18:27 Uhr

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