Turbenthal

Zeit zu haben, ist eine Kunst

Sandy Schocher ist nicht nur Kunstmalerin, sondern auch Lebenskünstlerin. Zu ihren interessantesten Erfindungen zählt der biomechanische Skizzenautomat.

Von der Acrylmalerei bis zum Fliesenbild reicht das künstlerische Repertoire von Sandy Schocher.

Von der Acrylmalerei bis zum Fliesenbild reicht das künstlerische Repertoire von Sandy Schocher. Bild: Madeleine Schoder

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«Als Erstes muss ich alle Badezimmerfliesen in kleine Teile hämmern», sagt Sandy Schocher. «Danach sortiere ich die zerkleinerten Plättli nach Farben.» Wenn die Künstlerin ein individuelles Mosaik-Bad im Auftrag eines Kunden gestaltet, darf dieser beim Zerkleinern der Fliesen mithelfen. Schocher benutzt als Material oftmals Plättli aus Restposten. Neben Fliesenbädern malt die Künstlerin, zusammen mit einem Wandmaler, grossflächige Bilder, unter anderem für Hallenbäder.

Ein Mosaikherz für Sandy

In der eigenen Wohnung hat Schocher mit Fliesentechnik ihr persönliches Bad geschaffen. Ein grossflächiges Mosaikherz umrahmt das Lavabo, Mosaikwellen zieren die Dusche. «Für dieses Bad waren Hunderte Kilos Badezimmerfliesen erforderlich.»

Ein Rundgang durch den verwinkelten Altbau, der mit abenteuerlichen Stiegen aufwartet, offenbart die Vielseitigkeit der Künstlerin. Soll man die Aufmerksamkeit zuerst auf das Wandbild über dem Sofa lenken oder zur adretten Sitzecke? Diese sei selbst gezimmert, aus einem Schrank­boden und einem alten Bett. «Ich mache, was ich kann», sagt sie, denn sie kaufe keine Einrichtungsgegenstände. Stattdessen verwendet sie Dinge, die andere am Strassenrand zurücklassen.

Im Flur befinden sich mehrere Winterthurer Acrylbilder, einige davon sind im Sulzer-Areal entstanden. «Viele dieser Gebäude verschwinden», sagt die Kunstmalerin, deshalb halte sie die wertvollen Ansichten fest. «Ich mag Winterthur, eine schöne Stadt», betont Schocher, sie habe zehn Jahre dort gewohnt und viele Streifzüge durch die Stadt unternommen.

Ein weiteres Bild zeigt den Hauptbahnhof als dreiteilige Panoramaansicht von oben in Weitwinkelperspektive. «Dafür musste ich den Abwart des gegenüberliegenden Postgebäudes überreden», erklärt sie. Der wollte die Künstlerin zuerst nicht auf das Dach lassen. Von ganz oben schoss Schocher einige Fotos, die ihr als Vorlage dienten. Das fertige Werk hängt nun unterhalb der Fenster an der Wand, nur wenige Zentimeter ab Boden, damit der Blickwinkel für den Betrachter stimmt. Im Atelier steht ein selbst konstruierter biomechanischer Porträt-Skizzenautomat. Der «skizz-a-pix» ist eine Art Passbildautomat, der aus einem Holzrahmen besteht und mit einem schwarzen, bemalten Tuch bespannt ist – eine Attraktion für Märkte und Feste. Sobald ein Kunde einen Fünfliber eingeworfen hat, zeichnet die Künstlerin, die im Innern des Automaten sitzt, ein Porträt. «Es muss jeweils schnell gehen, sechs Minuten.» Danach gibt der Automat, respektive die Künstlerin, das Bild aus.

Innert Minuten gezeichnet

Farben und Pinsel seien von jeher ihre treuen Begleiter. «Mach mit dem, was du hast, da, wo du bist, das, was du kannst», lautet das Motto der Künstlerin. «Ich erfinde mich jeden Tag von neuem.» Leben und Kunst gehörten für sie zusammen. Schochers Wohnung lässt sich durchaus als Gesamtkunstwerk betrachten. Und entpuppt sich als Zeitoase.

Der Pelletofen sorgt für behagliche Wärme, die Katze hat es sich in der Lounge gemütlich gemacht, für den Besuch steht eine Kanne Chai bereit. Zeit sei eine wichtige Voraussetzung für die künstlerische Arbeit. «Ich schöpfe aus der Zeit.» Schocher lässt ihren Blick über ihr farbenfrohes Reich schweifen und sagt: «Ich liebe meine Welt.» Wer neugierig darauf geworden ist, kann ab April an der Ausstellung im Kaffee Augenblick in Oberwinterthur ein Stück davon erhaschen. (Landbote)

Erstellt: 02.02.2017, 16:15 Uhr

Ausstellung Sandy Schocher

9. April – 19. Mai, Kaffee Augenblick, Hohlandstrasse 1, Winterthur.

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