Elgg

Zusammen leben wie eine Grossfamilie

Die Genossenschaft WAK baut im Weiler Wenzikon ein neues Mehrfamilienhaus mit vier Wohnungen. Dort werden einst vier Familien gemeinschaftlich wohnen. Die Idee für das Projekt stammt aus Winterthur.  

Marc und Barbara Weiss (links) leben jetzt schon in gemeinschaftlicher Nachbarschaft mit Lena und Nicolas Leuenberger.

Marc und Barbara Weiss (links) leben jetzt schon in gemeinschaftlicher Nachbarschaft mit Lena und Nicolas Leuenberger. Bild: Madeleine Schoder

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Kinder hüpfen um den Tisch, es gibt Spaghetti und Aprikosensirup. Stühle schieben über den Holzboden, Gabeln klappern. Ein ganz gewöhnlicher Zmittag bei zwei nicht ganz so gewöhnlichen Familien. In einem orangen Stadthaus in Winterthur wohnen die Familie Leuenberger und die Familien Weiss gemeinschaftlich zusammen. Sie sind mehr als nur gute Nachbarn. Sie sind Freunde, teilen Freud und Leid, die Kinder gehen in beiden Wohnungen ein und aus und immer am Mittwoch gibt es einen Mittagstisch für alle. Alle, das sind Lena und Nicolas Leuenberger mit Sohn und Tochter, sowie Barbara und Marc Weiss, auch mit Sohn und Tochter.

Die beiden Familien leben in einem Haus der Winterthurer Genossenschaft Gesewo. In zwei Jahren werden sie umziehen, aufs Land. Genauer gesagt nach Wenzikon, einem Weiler der seit der Fusion mit Hofstetten zu Elgg gehört. Denn in zwei Jahren steht dort ihr neues, gemeinschaftlich bewohntes Mehrfamilienhaus.

Wohnung wird zu klein

Gebaut wird die «Scheune Wenzikon», wie das Projekt heisst, von der Elgger Genossenschaft Wohnen, Arbeit und Kultur (WAK). Sie nimmt rund drei Millionen Franken in die Hand, um auf einem ehemaligen Bauernhof vier neue Wohnungen mit Gemeinschaftsräumen und grossem Garten zu erstellen.

Die Scheune in Wenzikon wird dem Neubau weichen. Bild: PD

Die Idee für das Projekt kommt jedoch von den Familien Weiss und Leuenberger. «Als wir vor gut zwei Jahren das zweite Kind bekamen, wurde uns klar, dass unsere 3,5-Zimmer-Wohnung irgendwann zu klein sein wird», sagt Lena Leuenberger. Der Bezug einer «normalen» Mietwohnung oder eines Einfamilienhäuschens kam für das Ehepaar nicht in Frage. «Wir wollten unbedingt weiterhin genossenschaftlich wohnen.» Und das am liebsten zusammen mit ihren jetzigen Nachbarn Marc und Barbara Weiss, die in etwa zur gleichen Zeit ihr zweites Kind erwarteten.

Die beiden Familien handelten und gründeten erstmal den Verein «Gemeinsam Wohnen». Sie machten sich Gedanken darüber, wie die gemeinschaftliche Wohnform aussehen soll und welche Kriterien die neue Bleibe im besten Fall erfüllen muss. Vor gut einem Jahr stiessen sie in einem Inserat auf das Grundstück in Wenzikon, auf dem derzeit noch eine alte Scheune steht. Ganz perfekt war die Lage nicht. «Wir wollten eigentlich eine gute Anbindung an den ÖV», sagt Leuenberger. Darauf müssen die Familien nun zwar verzichten, aber ansonsten kam der Ort dem Ideal recht nahe.

«Ich war zuerst skeptisch. Aber
es gibt scheinbar junge Leute,
die dort leben möchten.»
Erich Wegmann,?
Präsident der Elgger Genossenschaft WAK über das Neubauprojekt in Wenzikon.

Mit ihrer Wohnidee sowie dem Grundstück wendete sich Lena Leuenberger an Erich Wegmann von der WAK, den sie von der Vorstandsarbeit für die Gesewo kennt. «Ich war zuerst skeptisch», sagt Wegmann ehrlich. Die WAK sei bisher vor allem in Elgg im Städtli aktiv, Wenzikon schien ihm recht abgelegen. «Aber es gibt scheinbar junge Leute, die dort leben möchten», sagt Wegmann. Und so kam das Projekt zustande.

Ein soziales Netz

Die alte Scheune wird bald einem Neubau aus Holzelementen weichen. Im Erdgeschoss wird es einen grossen Gemeinschaftsraum mit Küche, ein Büro und eine 3-Zimmer-Wohnung geben. Im ersten Stock befinden sich drei Wohnungen mit je 4,5 Zimmern. Die Wohnungen sind mit 100 Quadratmetern Fläche bewusst eher klein gehalten, um grosszügige Flächen für die Gemeinschaft zu haben. Von der Terrasse an der Rückseite des Hauses führt eine Treppe in den gemeinsamen Garten.

Eine dritte Familie, die schon in Wenzikon lebt, hört von dem gemeinschaftlichen Wohnhaus und schliesst sich den Winterthurer Familien an. «Wir haben uns aber viel Zeit genommen, um uns erst kennen zu lernen», sagt Marc Weiss. Denn in der Gemeinschaft müsse man schon zusammenpassen. Derzeit ist nur noch die kleinere Wohnung im Erdgeschoss frei. Die WAK finanziert und baut, im Gegenzug kaufen die Mieter Anteilscheine bei der Genossenschaft und gewähren ihr ein Darlehen.

Die Gemeinschaft wird sich in Zukunft nicht nur Räume teilen. Sie wird sich gegenseitig die Kinder hüten, sie wird alle Arbeiten rund ums Haus aufteilen, sie wird zusammen Mittagessen, Autos und Velos teilen sowie einen Teil der Freizeit zusammen verbringen. «Es geht uns um das Gemeinsame», sagt Lena Leuenberger. «Früher gab es die Grossfamilie, heute bilden wir mit den Nachbarn ein soziales Netz.» Es sei einfach schön, nicht alleine zu sein, sich gegenseitig zu helfen. «Und unsere Kinder wachsen zusammen auf, das ist einfach toll.»

Schon Erfahrung gesammelt

Es sei ein bisschen wie ein Hobby, das genossenschaftliche und gemeinschaftliche Wohnen, meint Leuenberger. Denn alle müssen sich miteinander befassen und gewillt sein, Kompromisse einzugehen. Probleme werden bei der Bewohnersitzung besprochen, dort kann sich jeder einbringen, wenn nötig Dampf ablassen und nach Lösungen suchen. Die Hausgemeinschaft teilt Freud und Leid. Bei Ärger oder Unstimmigkeiten sei es wichtig, dass darüber gesprochen werde. «Wir konnten hier in Winterthur schon viele Erfahrungen sammeln, wie so ein Zusammenleben funktioniert», sagt Lena Leuenberger. Das sei sicher wertvoll für die Zukunft in Wenzikon.

Anpacken, machen, Ideen verwirklichen und sich einbringen, mitgestalten. Darum geht es den beiden Familien. Genau dafür seien Genossenschaften da. Oft würden diese als geschlossenes, undurchsichtiges System wahrgenommen, in das sowieso keiner mehr reinkommt, ärgert sich Lena Leuenberger. «Dabei kann sich jeder an eine Genossenschaft wenden und mitwirken oder sogar selbst eine gründen.» Man brauche einfach ein bisschem mehr Zeit für ein Projekt, als wenn man es alleine plane.

Erstellt: 18.02.2019, 13:22 Uhr

Wasser, Wärme und Kälte kommen aus dem Gülletank

Die Familien, die dereinst in dem Genossenschaftshaus in Wenzikon leben möchten, wollten möglichst umweltbewusst bauen. Die src-architekten aus Elgg, die den Neubau planen, sind auf dem ehemaligen Bauernhof auf einen gut erhaltenen Gülletank gestossen, der im Boden vergraben liegt. Dieser wird künftig als Energiespeicher genutzt. Der Tank wird mit Regen- und Frischwasser aus zwei Quellen gefüllt werden. Mittels Wärmepumpen wird dann aus dem Wasser Wärme für die Heizung oder Kälte für die Kühlung der Wohnungen gewonnen. Zudem werden die WCs mit Wasser aus dem Tank gespült, die Wäsche damit gewaschen und der Garten getränkt. Laut Architekt David Rhiner handelt es sich bei dieser Haustechnik um ein «ausgeklügeltes System». Warmwasser wird mit halbtransparenten Solarpanelen hergestellt, die auf der Terrasse zwar Licht einlassen, aber auch Schatten spenden. (rut)

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