Buch am Irchel

Zweimal verpflanzt, aber nicht entwurzelt

Als 8-Jährige ist Monika Weilenmann mit ihrer Familie nach Kanada ausgewandert, als 18-Jährige allein zurückgekehrt. Ihr Lebensmittelpunkt ist seither ein Bauernhof in Bebikon. Doch auch ihre kanadischen Wurzeln hat sie nicht verloren.

Monika Weilenmann auf ihrem Hof in Bebikon.

Monika Weilenmann auf ihrem Hof in Bebikon. Bild: Marc Dahinden

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Kalt», antwortet Monika Weilenmann wie aus der Pistole geschossen. Sie sitzt am grossen runden Tisch im Gartenhaus. Die Herbstsonne hat es angenehm aufgewärmt, von der Bise draussen ist hier nichts zu spüren. Die 48-Jährige spricht auch nicht vom Wetter in Bebikon, einer Aussenwacht von Buch am Irchel, sondern von ihrem ersten Eindruck von Kanada. Zehn Jahre ihres Lebens hat sie dort verbracht, auf einer Farm mit Milchkühen, Getreide- und Silomaisproduktion in der Provinz Quebec. Für ihren Vater ging mit der eigenen Farm im fernen nordamerikanischen Land ein Traum in Erfüllung.

Ihre Mutter, die beiden jüngeren Schwestern und sie selber waren anfänglich nicht so begeistert von der Auswanderung. «Zu wissen, dass ich meine Gspändli nie mehr wiedersehen würde, stimmte mich traurig», sagt sie. Aber was bleibe einem 8-jährigen Kind schon anderes übrig, als sich dreinzuschicken?

Die bissige Kälte, welche die Auswandererfamilie bei ihrer Ankunft Anfang März in Saint-Alexandre, südlich von Montreal, erwartete, sei unvorstellbar. «Mit unseren Jacken aus der Schweiz waren wir der eisigen Bise praktisch schutzlos ausgeliefert.» Und während die Temperaturen im Winter bis auf Minus 30 Grad fielen, kletterten sie im Sommer auf 40 Grad. Dazu kam die Luftfeuchtigkeit, die so hoch war, dass es im Stall von der Decke und den Wänden tropfte. In Erinnerung geblieben ist der zierlichen Bäuerin auch die kurze Vegetationszeit. «Sie beginnt im Frühjahr einen Monat später als hier und endet im Herbst einen Monat früher. Deshalb baut man dort ausschliesslich Sommergetreide an und legt, wie bei uns auch, Vorräte für den Winter an.»

«Gegenüber den Kanadiern erlebte ich die Schweizer als engstirnig, womit ich anfänglich schlecht umgehen konnte.»

Auf ihrem Hof in Bebikon baut die vierfache Mutter eine enorme Menge an Obst und Gemüse an. «Alles, was nicht sofort verzehrt wird, wird eingefroren oder eingemacht», sagt sie. Das reiche dann das ganze Jahr über zur Selbstversorgung. Manchmal, wenn wie jetzt bei den Tomaten und Bohnen die Ernte überdurchschnittlich ausfällt, stellt sie ein Schild an die Strasse und eine Kiste voll Gemüse vors Haus, als Kasse dient der Briefschlitz in der Haustür. Ein Teil ihres Gartens, zu dem auch ein riesiger Folientunnel mit Tomaten-, Gurken- und Melonenpflanzen gehört, ist vom Gartenhaus aus zu sehen. Dieses, ein geräumiger und lichtdurchfluteter Pavillon mit Kochecke, thront wie ein Adlernest auf dem Güllensilo. «Ein Einfall meines Mannes Urs», erklärt sie. Der Sitzplatz ihres Hauses habe keine Abendsonne, deshalb sei man auf das Güllensilo ausgewichen. Von dort reicht der Blick weiter über weidende Kühe, bewaldete Hügel und bei klarem Himmel bis zum Alpenkamm.

Auf der elterlichen Farm in Kanada lebte Monika Weilenmann bis zum Ende der Schulpflicht. Die bei der Ankunft noch unverständliche Sprache beherrschte sie bis zu den ersten Sommerferien fliessend. Während ihre katholischen Mitschüler Religionsunterricht hatten, bekam sie Französischunterricht. Das habe ihr sehr geholfen, Anschluss zu finden. Und so begann sie schon bald, sich in der neuen Heimat wohlzufühlen. Zumal sie in der Familie stets Geborgenheit und Unterstützung bekam. Allerdings musste sie nach der Schule und während der Ferien auch auf der Farm mitanpacken. «Das tat ich nicht ungern – ausser, es war gerade Steine auflesen angesagt.»

Als es um die Berufswahl ging, war ihr klar: Etwas Praktisches wollte sie machen, arbeiten und Geld verdienen. Ihre Eltern rieten ihr zu einem bäuerlichen Haushaltslehrjahr in der Schweiz, da es in Kanada nichts Vergleichbares gab. Deshalb kehrte sie mit gut 18 Jahren allein in die Schweiz zurück. Die zweite radikale Veränderung in ihrem Leben. Diesmal zwar freiwillig und im Erwachsenenalter, aber ohne das vertraute Umfeld der Familie. «Am Anfang fühlte ich mich schrecklich einsam», erinnert sie sich. Auch fremd kam sie sich vor in der alten Heimat. Zehn Jahre Kanada haben ihre Spuren hinterlassen. «Gegenüber den Kanadiern erlebte ich die Schweizer als engstirnig, womit ich anfänglich schlecht umgehen konnte.» Aber mit ihrem Ziel vor Augen, Bäuerin zu werden, hielt sie durch. Absolvierte die Bäuerinnenschule in Uster und arbeitete danach auf verschiedenen Betrieben, bis sie in Bebikon ihren künftigen Mann kennenlernte.

Gemeinsam bewirtschaften sie seither dessen 46 Hektaren grossen elterlichen Landwirtschaftsbetrieb mit Mutterkühen, Weizen, Mais und Wiesland. Von den vier Kindern im Alter von 19 bis 26 Jahren leben heute die jüngeren drei noch zu Hause. Oft versammelt sich die Familie im Gartenhaus um den runden Tisch. Hier wird auch besprochen, was die drei Töchter und den Sohn gerade beschäftigt. «Solche Gespräche und die Möglichkeit, meine Eltern um Rat zu fragen, habe ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz am meisten vermisst», sagt Monika Weilenmann. Und später, als sie eigene Kinder hatte, tat es ihr leid, dass diese die Grosseltern nur selten zu Gesicht bekamen. Aus diesem Grund haben sie und ihr Mann einst erwogen, nach Kanada auszuwandern. Doch die Hoffnung zerschlug sich, als sie herausfanden, dass sie dort um einiges härter arbeiten müssten, um ein vergleichbares Einkommen zu erzielen wie hier.

Monika Weilenmann ist pragmatisch. Deshalb hadert sie nicht mit dem Schicksal. Sondern ist glücklich mit ihrem Leben in Bebikon, mit ihrer Familie und der Arbeit auf dem Hof, im Haus und im Garten. Und gibt sich damit zufrieden, ihren Eltern alle zwei Jahre einen Besuch abzustatten. Dafür weilt sie in Gedanken oft bei ihnen. Die Zeit in Kanada habe ihr sehr viel gegeben, sagt sie. «Auf der Farm habe ich gelernt zu arbeiten, durchzuhalten und etwas durchzuziehen, davon profitiere ich bis heute.»

Erstellt: 28.09.2018, 16:16 Uhr

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