Zum Hauptinhalt springen

Treffen der G-20Riads geplatzte Show

Saudiarabiens Veranstaltung der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Wirtschaftsländer schrumpft auf ein digitales Format. Schuld daran ist die Pandemie, die auch das Hauptthema der G-20 ist.

Saudiarabien würde gerne sein Image aufpolieren: Riesige Leuchtreklamen für das G-20-Treffen in Riad.
Saudiarabien würde gerne sein Image aufpolieren: Riesige Leuchtreklamen für das G-20-Treffen in Riad.
Foto: Reuters

Das Logo für das G-20-Gipfeltreffen in Riad spiegelt wider, wie sich Saudiarabien der Welt präsentieren will: Die geometrischen Formen in kräftigen Farben sind angelehnt an die traditionellen Sadu, gewebt von Beduinen-Frauen. Tradition und Moderne in Einklang zu bringen in einer Entwicklungsvision für die arabische Welt: Das ist die Botschaft, welche die Staats- und Regierungschefs mitnehmen sollten.

Die Wirtschaftsreformen und die gesellschaftliche Liberalisierung, die Kronprinz Mohammed bin Salman auf den Weg gebracht hat, sollen die Ölmonarchie als lohnendes Ziel für ausländische Investoren erscheinen lassen. Als erstes arabisches Land einen solchen Gipfel auszurichten, ist auch eine Bestätigung der regionalen Führungsrolle Saudiarabiens.

Saudiarabien wollte glänzen

Vergessen machen sollten die Bilder aus prunkvollen Palästen und Hotels den Krieg im benachbarten Jemen, den Mord an dem kritischen Publizisten Jamal Khashoggi, die fortwährenden Menschenrechtsverletzungen, für die etwa der Name der in Isolationshaft gehaltenen Frauen-Aktivistin Loujain al-Hathloul steht.

Stattdessen wollte das saudische Königshaus den Mitgliedern der G-20-Delegationen Abstecher zu touristischen Sehenswürdigkeiten bieten. Oder auch zum geplanten Mega-Projekt Neom, einer Stadt vom Reissbrett am Roten Meer, die Technologiefirmen ebenso anziehen soll wie ausländische Touristen.

Die politischen Führer der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer wären nicht nur von König Salman begrüsst worden, sondern auch vom umstrittenen Thronfolger. Er gilt westlichen Geheimdiensten als verantwortlich dafür, dass 2018 ein Killerkommando in Istanbul Khashoggi zerstückelte, einen Kritiker des Kronprinzen. Nicht alle westlichen Staatschefs seien erpicht auf einen Handschlag mit ihm, heisst es in Diplomatenkreisen. (Lesen Sie zum Khashoggi-Mord den Artikel «Sie will, dass die Welt ihren Verlobten nicht vergisst».)

Noch Ende September war die Rede davon, den G-20-Gipfel wie geplant abzuhalten. Doch wenig später verkündete der saudische König, dass das zweitägige Treffen nur virtuell abgehalten wird. Ob die rapide steigenden Corona-Zahlen allein ausschlaggebend waren, wissen nur die Verantwortlichen in Riad. Immerhin, so sagen westliche Diplomaten, könne das Königreich seine technische Finesse unter Beweis stellen. Der Kronprinz legt grossen Wert auf digitale Technologien, mit denen er sein Reich unabhängiger machen will von den Öleinnahmen.

Mutmasslicher Auftraggeber des Khashoggi-Mords: Kronprinz Mohammed bin Salman.
Mutmasslicher Auftraggeber des Khashoggi-Mords: Kronprinz Mohammed bin Salman.
Foto: Reuters

Europäische Regierungen und die EU-Kommission forderten, dass sich der G-20-Gipfel – trotz widriger Umstände – ehrgeizige Ziele setzt. Man werde sich in den Verhandlungen mit den Staats- und Regierungschefs der 20 Industrie- und Schwellenländer dafür einsetzen, dass in der Gipfelerklärung etwa das Prinzip des freien Handels sowie die Stärkung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont werden.

Das Hauptthema der G-20-Videokonferenz ist Corona. Die führenden Nationen sind aufgerufen, endlich eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung der Pandemie zu entwickeln. Die reichen Länder der G-20-Gruppe sollen zudem für eine gerechte Verteilung von bezahlbaren Impfstoffen an alle Menschen weltweit sorgen.

Ob auch Donald Trump an der Videokonferenz der G-20 teilnimmt, ist unklar.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte an, sie werde die G-20 auffordern, mit Finanzhilfen aus der Corona-Krise zu kommen. «Ich werde die Bedeutung unterstreichen, die Wirtschaftshilfen beizubehalten, bis wir einen sicheren Wiederaufschwung haben», sagte von der Leyen am Freitag in Brüssel. Auf Einladung von Saudiarabien nimmt auch die Schweiz am virtuellen G-20-Gipfel an diesem Wochenende teil. So wird Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga die Position der Schweiz zum kurzfristigen Umgang mit der Covid-19-Krise und deren Folgen erläutern.

Von Washington aus wird sich im besten Fall der noch amtierende US-Präsident Donald Trump zuschalten. Eine ganze Reihe seiner Gesprächspartner haben aber bereits Joe Biden zu dessen Sieg bei der Präsidentschaftswahl gratuliert, bei der Trump seine Niederlage immer noch nicht einräumen will.

Mit oder ohne Trump wird der G-20-Gipfel von der US-Politik überschattet. Denn seit dem Amtsantritt Trumps im Januar 2017 sind die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen, dem Atomabkommen mit dem Iran und nun auch aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgetreten. Weil Trump viele multilaterale Verabredungen sehr kritisch sieht, hat auch die Abstimmung im Kreis von G-7 und G-20 erheblich gelitten.

Gemeinsames Vorgehen führt schneller aus der Krise

Dabei hat etwa IWF-Chefin Kristalina Georgiewa vor dem G-20-Treffen noch einmal unterstrichen, warum die multilaterale Zusammenarbeit so wichtig wäre: «Wenn Länder allein vorgehen anstatt in abgestimmter Weise, bedarf es rund zwei Drittel mehr Ausgaben, um dieselben Ergebnisse zu erreichen.» Sie verwies auf den Umgang mit der Pandemie und vor allem auf die Entwicklung und Verteilung von Impfstoffen.

Georgiewa erklärte zudem, die zweite Corona-Welle bremse in vielen Ländern bereits die wirtschaftliche Erholung, vor allem im Dienstleistungssektor. Viele Wirtschaftshilfen seien nur bis zum Jahresende angesetzt. Das sei ein Risiko. Schliesslich lockte die IWF-Chefin mit der Erwartung, dass die globale Wirtschaftsleistung bis 2025 um fast neun Billionen Dollar höher ausfallen könnte, wenn man gut aus der Corona-Krise komme. (Lesen Sie dazu den Artikel «Warum ein Lockdown nicht nur Leben rettet, sondern auch die Wirtschaft».)


1 Kommentar
    Wolfgang Blanck

    Das wird der erste umweltfreundliche, friedlich ablaufende Casino Royal Gipfel aller Zeiten und ein kleiner Proteinbaustein macht's möglich!