«Bis zur 5. Klasse sollten Kinder keine eigenen Geräte haben»

Medienpädagoge Philippe Wampfler gibt Tipps zum Umgang mit Smartphone und sozialen Medien. Und sagt, welche Regeln bei ihm Zuhause gelten.

Klare Regeln wirken entlastend auf Kinder: Ein Bub surft im Internet. Foto: iStock

Klare Regeln wirken entlastend auf Kinder: Ein Bub surft im Internet. Foto: iStock

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Philippe Wampfler, Sie haben drei Kinder. Wie kann man sich den Umgang mit neuen Medien im Hause eines Experten vorstellen?
Nicht anders als in vielen anderen Familien auch. Unsere Kinder, sieben, neun und zehn Jahre alt, wissen, was man alles mit dem Handy machen kann. Sie spielen gern am Computer. Aber sie haben keine eigenen Geräte, sondern können unsere nach bestimmten Regeln benutzen.

Wie sehen diese Regeln aus?
Es gibt Vorgaben wie beispielsweise eine Einheit von einer halben Stunde. Mehr ist nicht gut für Kinder. Aber das sind keine starren Regeln, weil es darauf ankommt, was sie am Bildschirm machen. Manchmal braucht es mehr als eine halbe Stunde, damit sie sich mit etwas intensiver beschäftigen können.

Gibt es Altersempfehlungen für die Mediennutzung?
Einfach gesagt: Vor dem Schuleintritt sollte immer ein Erwachsener danebensitzen, wenn Kinder Medien nutzen, und bis zur fünften Klasse sollten sie keine eigenen Geräte bekommen, egal ob Handy, Spielkonsole oder Fernseher. Bis zur Oberstufe sind Kinder mit den sozialen Medien wie Instagram oder Snapchat überfordert.

Warum?
Weil sie kognitiv noch nicht in der Lage sind, zu erfassen, was nur sie sehen, was öffentlich ist, wem sie vertrauen können.


«Es funktioniert nur, wenn sich Schule und Eltern ergänzen»: Medienpädagoge Philippe Wampfler. Foto: philippe-wampfler.ch

Ab der Oberstufe sind die Jugendlichen also so weit, dass sie eigenständig die Medien nutzen können?
Ab dann sollte ein Kind parat sein, unbegleitet ins Netz zu gehen und zu surfen. Bis dahin müssen Kinder altersgerecht eigene Erfahrungen im Umgang mit Medien gemacht haben und wissen, wo sie aufpassen müssen. Ich spreche deshalb gerne von experimenteller Medienkompetenz.

Was heisst das?
Ein Beispiel wäre, dass die Kinder auf einem Ausflug ein Foto machen, es den Grosseltern schicken, dazuschreiben, wo es aufgenommen wurde, und so lernen, wie das funktioniert. Mit der Zeit werden solche Medienhandlungen immer komplexer, etwa bei einer Recherche für die Schule oder wenn sie bei einer Online-Versteigerung etwas kaufen und merken, dass das auch schiefgehen kann.

Ist diese Medienkompetenz Aufgabe der Eltern oder der Schule?
Es funktioniert nur, wenn sich Schule und Eltern ergänzen. Denn die Kinder machen auch privat viele Erfahrungen mit Medien, die mit der Schule direkt nichts zu tun haben. Dort müssen die Eltern positiv auf die Kinder einwirken.

«Die Vernetzung hat auch positive Auswirkungen, die nicht sofort erkennbar sind.»

Wenn die Eltern ihre Kinder bei ihren Erfahrungen unterstützen sollen, müssen sie selbst auch kompetent im Umgang mit den Medien sein.
Wichtig ist vor allem, dass sie offen sind für die Kommunikationsbedürfnisse ihrer Kinder. Dass sie etwa Social Media nicht abwerten, sondern sich dafür interessieren und sich zeigen lassen, was den Kindern daran gefällt. Dann vertrauen sich die Kinder den Eltern an, wenn es zu Cybermobbing oder anderen Übergriffen kommt. Das machen sie jedoch nicht, wenn sie Angst haben müssen, dass die Eltern schimpfen und sagen: «Ich hab dich doch gewarnt!»

Was zeigt Ihre Erfahrung? Funktioniert der Umgang mit Medien in den Familien?
Viele Familien haben ihn durch Regeln und Abmachungen ganz gut im Griff. Zudem stimmt mich positiv, dass Studien über die Mediennutzung unter Jugendlichen zeigen, dass für sie Freundschaften immer noch am wichtigsten sind. So hat etwa eine Umfrage der Stadt Zürich 2018 gezeigt, dass die Jugendlichen, die soziale Medien nutzen, die meiste Zeit draussen verbringen und sportlich aktiv sind.

Welches sind die guten Seiten von Social Media?
Die Vernetzung hat auch positive Auswirkungen, die nicht sofort erkennbar sind. Zum Beispiel bei Essstörungen. Die einfache Erklärung ist, dass Social Media durch das Vorbild der dünnen Influencer zu Essstörungen führen. Zugleich finden dort Leute mit Essstörungen aber auch Hilfe bei Leidensgenossen, die den Ausstieg geschafft haben und deren Rat sie vertrauen. Ähnlich ist es bei den Computerspielen. Sie können einsam machen, aber auch die Fantasie anregen und die soziale Zusammengehörigkeit fördern. Man macht es sich zu einfach, wenn man alles über einen Leisten schlägt.

«Es gibt bei manchen Jugendlichen eine Art Burn-out.»

Für die junge Generation gehören die neuen Medien zum Alltag. Gehen sie damit in der Regel vernünftig um?
Dazu ein Beispiel: Auf einer Reise nach Wien haben ein paar meiner Schüler beschlossen: «Wir sind zusammen unterwegs und schauen nicht auf das Handy.» Sie haben dann im Zug durch Österreich acht Stunden lang Karten gespielt und miteinander geredet. Manche Jugendliche spüren eben schon, dass die mediale Dauerpräsenz auch Stress bedeutet und nicht guttut.

Was stresst sie denn?
Teenager haben grundsätzlich Stress, weil sie ihre Identität finden müssen, keine gefestigten Beziehungen haben und noch nicht wissen, wem sie vertrauen können. Dieser Entwicklungsprozess wird heute zusätzlich medial begleitet. Es bedeutet richtige Arbeit, auf alle Kontaktanfragen zu reagieren. Es gibt daher bei manchen Jugendlichen eine Art Burn-out, gerade wenn sie hohe Anforderungen an sich stellen und den Erwartungen genügen wollen.

Was können Eltern gegen diesen Stress tun?
Rituale und klare Regeln in der Familie wirken entlastend auf Kinder und Jugendliche. Zum Beispiel eine Beschränkung der Nutzungszeiten in den Ferien oder ein Verzicht beim Essen. Das gibt den Kindern die Gelegenheit, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, mal wieder Kind zu sein und keine Rolle spielen zu müssen. Es ist hilfreich, wenn sie nicht selbst verzichten müssen, sondern der Verzicht von aussen verordnet wird. Allerdings sollten die Eltern das Handy nicht ganz verbieten. Das erhöht eher den Stress, weil die Kinder Angst haben, den Kontakt zu den Kollegen zu verlieren.

«Ich glaube nicht, dass diese Generation Probleme wegen der digitalen Medien bekommt.»

Besteht nicht die Gefahr, dass die neuen Medien süchtig machen?
Man muss aufpassen: Eine intensive Mediennutzung ist noch keine Sucht. Um ein Kind, das am Abend für drei Stunden verschwindet, aber fröhlich ist, gerne in die Schule geht und Freunde hat, muss sich niemand Sorgen machen. Problematisch wird es erst, wenn ein Kind seine Bedürfnisse nicht mehr wahrnimmt, sich zurückzieht, keine anderen Hobbys mehr hat und in der Schule nicht mehr mitkommt.

Was ist Ihr Eindruck von den Kindern und Jugendlichen heute?
Sie sind nicht anders als früher. Sie möchten geliebt werden, sich als kompetent erfahren und eine gute Zukunft haben. Ich mache mir keine Sorgen, dass diese Generation Probleme wegen der digitalen Medien bekommt. Ich mache mir eher Sorgen um die Kinder, die von ihrem Umfeld im Stich gelassen werden und in der Schule keinen Anschluss finden. Bei ihnen verstärken die Ablenkungsmaschinen die Probleme.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 18.11.2019, 20:07 Uhr

Der Medienpädagoge

Philippe Wampfler ist Lehrer, Medienpädagoge und Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich. Der 42-jährige Vater dreier Kinder im Alter zwischen sieben und zehn Jahren hat Bücher über die digitale Jugendkultur und das Lernen mit digitalen Medien veröffentlicht, darunter «Generation ‹Social Media›» und «Schwimmen lernen im digitalen Chaos».

Wie viel in welchem Alter?

Philippe Wampfler empfiehlt die «3-6-9-12»-Regel» zum Umgang mit Medien in Familien. Hier eine Zusammenfassung:

0 bis 3 Jahre: Spielen und sprechen Sie mit dem Kind, schalten Sie das TV aus, wenn das Kind im Raum ist. Digitale Tools sollten Kleinkinder nur in Begleitung und zum gemeinsamen Spiel nutzen – geben Sie diese nicht aus der Hand.

3 bis 6 Jahre: Beschränken Sie die Bildschirmzeit, nutzen Sie Medien gemeinsam, und sprechen Sie in der Familie über das Gesehene. Keine Medien zu Essenszeiten, vor dem Einschlafen oder um das Kind zu beruhigen.

6 bis 9 Jahre: Verwenden Sie die Medien kreativ, erklären Sie Ihrem Kind das Internet. Sprechen Sie mit ihm darüber, was ins Internet gehört, dass Daten dort nie ganz gelöscht werden und warum man nicht alles glauben darf, was man sieht. Zugriff auf Medien weiterhin zeitlich und örtlich beschränken. Im Schlafzimmer und im Kinderzimmer haben Tablet, TV und PC nichts verloren.

9 bis 12 Jahre: Diskutieren Sie gemeinsam, ab wann ein eigenes Handy Sinn ergibt. Entscheiden Sie, ob Sie das Kind online noch begleiten, und sprechen Sie mit ihm über das, was es online sieht und tut.

Ab 12 Jahren: Bleiben Sie verfügbar. Ihr Kind surft allein in dem von Ihnen bestimmten Zeitfenster. Sprechen Sie über Downloads, Plagiate, Pornografie, Mobbing und Belästigung. Nachts sind WLAN und Handys ausgeschaltet.

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