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Corona in ItalienSardinien ist der neue Hotspot

Volle Strände, Clubs, Discotheken: Die Sommerferien lösen ein Aufflackern der Infektionsfälle aus, vor allem bei jungen Italienern. Wenigstens aus Bergamo gibt es gute News.

Mittlerweile gibt es Gouverneure von Regionen auf dem Festland, die Rückreisende aus Sardinien vor dem Besteigen von Fähren und Flugzeugen testen lassen wollen: Ein Strand in Porto Cervo an der Costa Smeralda vor ein paar Tagen.
Mittlerweile gibt es Gouverneure von Regionen auf dem Festland, die Rückreisende aus Sardinien vor dem Besteigen von Fähren und Flugzeugen testen lassen wollen: Ein Strand in Porto Cervo an der Costa Smeralda vor ein paar Tagen.
Foto: Emanuele Perrone (Getty Images)

Eine gute Nachricht allein kann die neue Sorge der Italiener nicht verdecken. Die gute Nachricht geht so: In Bergamo, der Hauptchiffre des italienischen Dramas mit dem Coronavirus, wurde am Samstag zum ersten Mal seit sechs Monaten kein einziger neuer Infizierter registriert – Stadt und Provinz: zero, null. Ein symbolischer Moment. Für Italien hört sich die Meldung etwa so an wie damals, als es hiess, in Wuhan, dem mutmasslichen Ursprungsort der Seuche, sei keine neue Ansteckung hinzugekommen.

«Machen wir weiter so.»

Giorgio Gori, Bürgermeister von Bergamo

Die Bilder der Ambulanzen, die sich vor den Spitälern der «Bergamasca» stauten, und jene von Militärcamions, die in der Nacht die Leichen wegbrachten, weil es für sie auf den Friedhöfen keinen Platz mehr gab – sie brannten sich ins Gedächtnis der Italiener ein. In keiner Gegend des Landes war die Übersterblichkeit in den Monaten der akuten Krise höher als in der Region rund um Bergamo. Damals schaute man auf dem Bulletin mit den neuen Infektionsfällen immer zuerst bei Bergamo nach. Nun also: zero, null. Giorgio Gori, der Bürgermeister der Stadt, sprach vom «alleinigen Verdienst der Bergamasken»: «Machen wir weiter so.»

Doch wahrscheinlich ist die gute Nachricht nicht nachhaltig, vielleicht ist sie sogar nur die Folge eines statistischen Zufalls. Denn auch in Italien nimmt die Verbreitung des Virus wieder Fahrt auf – und die Fälle sind wegen der vielen Ferienreisenden neuerdings auf das ganze Land verteilt. Am Wochenende überstieg die Zahl der Neuinfektionen erstmals nach mehreren Monaten wieder tausend, bei 77’000 Tests. Im Vergleich zu Frankreich und Spanien steht Italien damit zwar noch einigermassen gut da. Doch die Frage ist: Warum ist das so? Und darauf gibt es noch keine schlüssige Antwort. Und, vor allem: Wie lange bleibt es noch so?

Durchschnittsalter: 30

Ein etwas genauerer Blick in die Statistik zeigt, dass das Durchschnittsalter der Personen, die sich zuletzt mit dem Erreger angesteckt haben, stark gesunken ist – auf dreissig Jahre. 50 Prozent der neu infizierten Menschen sind unter 25 Jahre alt. Die Erklärung dafür ist einfach: In den Sommerferien ist insbesondere die Disziplin der Jungen stark gesunken. Man sieht es auf Aufnahmen aus den Ausgehvierteln der Städte, von den Stränden überall im Land, aus den Clubs und Discotheken im Freien – nicht an vielen Orten wird der gebotene Abstand gewahrt, Masken tragen auch längst nicht mehr alle. Vor einigen Tagen hat die italienische Regierung deshalb die Diskotheken schliessen lassen.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Flavio Briatore in seinem Club Billionaire, wie gewohnt umringt von schönen Frauen.
Ein Bild aus besseren Zeiten: Flavio Briatore in seinem Club Billionaire, wie gewohnt umringt von schönen Frauen.
Foto: Getty Images

Selbst junge Tanzfreunde fragen sich, warum Etablissements, deren ganze Essenz auf Nähe und Zwischenmenschlichkeit basiert, überhaupt öffnen durften. Manche Lokalbetreiber fühlen sich nun ungerecht stigmatisiert, obschon Rom ihnen Entschädigung versicherte. Am lautesten beklagte sich der Bekannteste der Zunft: Der Unternehmer Flavio Briatore, früher Rennstallchef in der Formel 1, betreibt unter anderem das berühmte Lokal Billionaire in Porto Cervo an der sardischen Costa Smeralda. Dort sollen sich in den vergangenen Tagen mehrere Gäste angesteckt haben, Dutzende mussten in Quarantäne. Briatore ärgerte sich trotzdem über die Schliessung seines Luxusladens. Es liege schliesslich niemand auf der Intensivstation, sagte er.

Von Covid-frei zur Hauptsorge

Überhaupt Sardinien: Die liebste Ferieninsel der Italiener ist der neue Corona-Hotspot des Landes, und das ist bitter. In der ersten Phase der Pandemie galt Sardinien nämlich weitgehend als Covid-frei. Sehr überraschend ist die Entwicklung allerdings nicht. Gesundheitsminister Roberto Speranza sagte am Wochenende, die Regierung habe den Italienern ja nicht verbieten können, Sommerferien zu machen. Nun fordern Gouverneure von Regionen auf dem italienischen Festland, dass Feriengäste bereits vor der Rückreise aus Sardinien, also vor dem Besteigen von Fähre oder Flugzeug, getestet werden.

Zurzeit ist es so, dass die Tests bei Ankunft erfolgen im Chaos, erfasst werden längst nicht alle. Ungefähr siebzig Prozent der registrierten Neuinfektionen passieren nun in Italien selbst; der Rest der Fälle wird aus Risikoländern wie Kroatien und Spanien sowie von ankommenden Migranten importiert.

Die jüngste Entwicklung beschäftigt die Italiener auch deshalb, weil für Mitte September die Rückkehr der Kinder und Jugendlichen in die Klassen vorgesehen ist: Kindergärten, Primarschulen, Mittelschulen, Universitäten. Seit dem Lockdown waren sie alle zu. Nun wird mit Hochdruck und einiger Verspätung an der Umsetzung der ausgehandelten Sicherheitsprotokolle gearbeitet. Doch fragt sich natürlich, wie viel Sicherheit die tatsächlich garantieren, wo doch viele Junge in den kommenden Wochen erst mit ihren Familien aus den Ferien zurückkehren.