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Auf Alipay und WechatSBB lancieren chinesische App für Touristen

Als erstes Unternehmen in Europa sind die Bundesbahnen mit einem eigenen Miniprogramm auf den grossen chinesischen Bezahlplattformen präsent – weil die «Sprachbarriere teilweise zu hoch» ist, wie die SBB sagen.

Weil die Sprachbarriere oft zu hoch ist, können chinesische Touristen bei den SBB künftig Billette in ihrer Sprache kaufen: Station der Jungfraubahn auf der Kleinen Scheidegg.
Weil die Sprachbarriere oft zu hoch ist, können chinesische Touristen bei den SBB künftig Billette in ihrer Sprache kaufen: Station der Jungfraubahn auf der Kleinen Scheidegg.
KEYSTONE

Fehlenden Optimismus kann den SBB niemand vorwerfen: Während das Geschäft mit chinesischen Touristinnen und Touristen in der Schweiz am Boden liegt, starten die Bundesbahnen ein Angebot, das auf diese Kundinnen und Kunden ausgerichtet ist.

Sie tun dies auf den beiden Apps Alipay und Wechat, die in China allgegenwärtig sind. Mit ihnen können Nutzerinnen und Nutzer praktisch alles bezahlen; der digitale Alltag findet hauptsächlich über diese Apps statt.

Chinesen soll Tickets für Fahrten in der Schweiz kaufen können

Davon wollen nun auch die SBB profitieren. Seit Ende vergangenen Jahres sind sie mit einem eigenen Miniprogramm auf Alipay präsent, in diesem Jahr soll das Gleiche auf Wechat passieren. Die SBB sind damit laut eigener Aussage Pioniere in Europa. Und sie können den Chinesinnen und Chinesen eine für sie unbekannte Welt näherbringen – den öffentlichen Verkehr in der Schweiz.

Das Ziel: Chinesische Touristen sollen direkt über das Miniprogramm ihre Tickets für Fahrten mit Bahnen, Bussen und Schiffen in der Schweiz kaufen können. «Wir haben gemerkt, dass die Abbruchrate relativ hoch ist, wenn chinesische Touristen über unsere bestehenden digitalen Kanäle Billette lösen wollen – die Sprachbarriere ist teilweise zu hoch», sagt Reto Eggimann, der Verantwortliche für das Projekt bei den SBB. Deshalb wolle man dorthin, wo die Touristen sowieso schon sind, und das ist eben auf den beiden chinesischen Bezahl-Apps.

Angenehmer Nebeneffekt für die SBB: Sie können auf das chinesische Publikum zugeschnittene Werbung verkaufen und im Miniprogramm anzeigen lassen – wie etwa momentan für Uhren «made in Switzerland».

Riesiges Marktpotenzial

Die SBB zielen laut Eggimann auf die chinesischen Einzelreisenden ab. Diese sind ein wachsendes Kundensegment in Europa. Oder waren es zumindest vor Corona: Da stieg der Anteil an Individualtouristen jedes Jahr noch an – daher rechneten die SBB für das vergangene Jahr eigentlich mit einem Wachstum der Zahl der chinesischen Touristinnen und Touristen um 30 bis 35 Prozent. 2019 sind insgesamt 1,3 Millionen von ihnen in die Schweiz gereist, und 20 Prozent davon waren Individualreisende. Ein riesiges Marktpotenzial also.

In erster Linie soll nun getestet werden, ob das Angebot überhaupt angenommen wird. Ab wann der Feldversuch startet, ist noch unklar, denn momentan fehlen ganz einfach die Touristen.

Aber: Die SBB verkaufen bereits jetzt einige Tickets über das Alipay-Miniprogramm. «Wir gehen davon aus, dass es Chinesinnen und Chinesen sind, die hier in der Schweiz wohnen», sagt Eggimann. Die SBB setzen darauf, dass die Touristinnen und Touristen dereinst wieder in die Schweiz kommen werden.

So sieht die Mini-App auf Alipay aus. Wer kein Chinesisch kann: Angezeigt werden hier Verbindungen von Olten nach Interlaken.
So sieht die Mini-App auf Alipay aus. Wer kein Chinesisch kann: Angezeigt werden hier Verbindungen von Olten nach Interlaken.
Foto: Screenshot

Mittelfristig sollen über die SBB-App auch Angebote anderer Firmen zugänglich sein. «Wir versuchen, eine Umgebung aufzubauen, wo auch Dritte ihre Angebote für Chinesinnen und Chinesen aufschalten können», sagt Eggimann. Denkbar scheinen hier etwa Angebote in den Tourismusdestinationen vor Ort, wie zum Beispiel Reiseführungen oder Tickets für Bergbahnen. Doch das ist Zukunftsmusik: Momentan können über das Miniprogramm etwa Billette von A nach B, Tageskarten und Spartickets gekauft werden.

Die Apps Alipay und Wechat stehen wegen Datenschutzbedenken regelmässig in der Kritik. Auf diese hätten die SBB reagiert; sie lieferten keine Daten an die Betreiber der Apps, ausser denjenigen, die beim Nutzen der Apps selbst anfielen. Die fallen aber nicht in die Hoheit der SBB.

Nicht nur die SBB haben offenbar ein grosses Interesse daran, dass das Programm in Zukunft gut funktionieren soll. Alipay selbst spielte vergangene Woche zum chinesischen Neujahr ein Werbebanner für das Angebot der SBB auf ihrer Seite.

21 Kommentare
    Sacha Meier

    Das finde ich wirklich toll! Die SBB Immobilien AG als Nummer zwei im Schweizer Immobiliengeschäft mit angehängtem Bahnnebenbetrieb kann eben Marketing sehr gut. Bahn- und Infrastrukturbetrieb dafür etwas weniger. Darum wäre es eine Win-Win-Situation, wenn sie gleich den Bahnbetrieb und auch den Infrastrukturbetrieb der CR (China Railways) abgeben würde. So bekämen wir günstigen und zuverlässigen Bahnbetrieb und auch Rollmaterial und müssten uns nicht mehr mit Dauerbaustellen und Schüttelbechern im Stil eines RABe 502 herumplagen. Auch der kommende Velo-Zwangsreservierungs-Fünfliber wäre vom Tisch.