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Rassismusvorwürfe gegen EU-ParlamentarierSchluss mit lustig für Satirepolitiker

Martin Sonneborn, einst Chef des Satiremagazins «Titanic», wollte als Spasspolitiker das EU-Parlament aufmischen. Nun sieht er sich mit Rassismusvorwürfen konfrontiert und verliert seinen einzigen Mitstreiter.

Im EU-Parlament ein Einzelkämpfer: Martin Sonneborn von der deutschen Satirepartei «DIE PARTEI».
Im EU-Parlament ein Einzelkämpfer: Martin Sonneborn von der deutschen Satirepartei «DIE PARTEI».
Foto: BZ

Vielleicht ist es der Beweis, dass Satiriker nicht ernsthaft eine Politikerkarriere einschlagen sollten. Martin Sonneborn hat den Sprung ins EU-Parlament einst dank seiner Bekanntheit als Chef des deutschen Satiremagazins «Titanic» geschafft. Nun sieht sich der 55-Jährige als uneinsichtiger Rassist blamiert am Pranger.

Auslöser ist ein T-Shirt, mit dem Sonneborn nach dem Sturm auf das Capitol in Washington auf Twitter posierte: «Au Widelsehern, Amlerika! Habem Sie Guter FrLug runtel! Plinted in China fü Die PALTEI», hiess es dort in vermeintlich chinesischer Aussprache. Es sollte ein Seitenhieb sein auf US-Präsident Donald Trump, der zwar gegen China einen Handelskrieg losgetreten hat, dort aber seine Wahlkampfmützen und anderes Werbematerial herstellen liess.

«Humorlose Erklärung»

Das Statement fanden viele überhaupt nicht lustig. Der Tweet mit dem Foto sei rassistisch, Sonneborn arbeite mit alten Ressentiments. Er könne ja ein Jackett über das T-Shirt ziehen, bot der Spasspolitiker zuerst an. Als die Protestwelle in den sozialen Medien nicht abnehmen wollte, postete er das Bild eines alten «Titanic»-Covers, das sich ebenfalls antiasiatischer Stereotypen bediente.

Martin Sonneborn ist seit 2014 im EU-Parlament. Im vergangenen Jahr kam seine Spasspartei «DIE PARTEI» bei den Europawahlen in Deutschland auf 2,4 Prozent. Sie punktete vor allem bei jungen Leuten und erzielte mit dem Kabarettisten Nico Semsrott einen zweiten Sitz.

Der 34-jährige Mitstreiter geht nun auf Distanz und gab in einer «humorlosen Erklärung» seinen Austritt aus der «Partei» bekannt. Semsrott wirft seinem Parteivorsitzenden vor allem den «ignoranten Umgang mit Feedback» vor. Statt sich bei den Menschen, die sich rassistisch angegriffen fühlten, zu entschuldigen, habe Sonneborn «beleidigt seine Machtposition ausgenutzt».

Schuhcreme, nicht Rassismus

Die Entrüstung kommt allerdings spät. Deutschlands wohl bekanntester Spasspolitiker, der einst auch oft in der «Heute Show» des Zweiten Deutschen Fernsehens auftrat, arbeitet bei seinen Witzen gern mit Stereotypen und billigen Klischees. Vielleicht hat die deutsche Satire ein tieferes Humorproblem. Ein Wahlplakat für die Berliner Kommunalwahlen zeigte den früheren Journalisten 2011 mit schwarz angemaltem Gesicht und dem Slogan «Ick bin ein Obama». Das sei nicht Rassismus, sondern Schuhcreme, wies Sonneborn damals die Kritik am «Blackfacing» zurück. Die Reaktion auf Kritik folgt immer einem ähnlichen Muster.

Die Exegese seiner Witze gehöre eigentlich nicht zu seiner Berufsbeschreibung, reagierte der EU-Parlamentarier spät in einer länglichen Entschuldigung auf den Parteiaustritt seines Mitstreiters. Er wolle «die unseriösen Seiten der EU dokumentieren, dicke, alte Männer ärgern und grosse Reden vor leeren Rängen halten», beschrieb der Spasspolitiker einst im Gespräch mit dieser Zeitung seine Rolle als Politiker. Der nutzt die seltenen Auftritte im Plenum, um per Videoclips seine Community zu Hause zu bedienen. Um Sonneborn dürfte es nicht nur im EU-Parlament nun einsamer werden.

Da waren sie noch beste Freunde: Martin Sonneborn neben dem Kabarettisten Nico Semsrott, Mitstreiter im EU-Parlament.
Da waren sie noch beste Freunde: Martin Sonneborn neben dem Kabarettisten Nico Semsrott, Mitstreiter im EU-Parlament.
Foto: Keystone
30 Kommentare
    Claire Deneuve

    Zum Glück bleibt Nico Semsrott dem EU Parlament erhalten.

    Sein düsterer Humor passt doch gut zu den düsteren Zeiten in denen sich auch die EU befindet.