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Witziges FreilichttheaterSchräge Vögel sind wir alle

Eine Theatergruppe aus Zürich holte am Freitag die Randständigen zurück auf den Merkurplatz.

Die «Schrägen Vögel» (im Vordergrund) weihen den neu gestalteten Merkurplatz auf ihre Weise ein.
Die «Schrägen Vögel» (im Vordergrund) weihen den neu gestalteten Merkurplatz auf ihre Weise ein.
Foto: Madeleine Schoder

Wie jeder Abwart sorgt auch dieser Parkabwart dafür, dass die Regeln eingehalten werden. «Entschuldigung, aber Sie können doch nicht einfach Ihre Zigarette auf den Boden werfen.» Die Ordnung gilt auch für das Publikum. Zudem ist der Mann bereits in Fahrt. Eben musste er den Abfall wegräumen, den chinesische Touristen hinterlassen haben, sodass er zu spät zur Vorstellung kam. Ohne ihn geht es aber nicht, denn er ist auch der Conférencier auf dieser Tour quer über den Merkurplatz, die hinter dem Garten des Rheinfels beginnt.

Dass die «Schrägen Vögel» versierte Darsteller sind, merkt man sofort. Gegründet wurde die Zürcher Theatertruppe mit Randständigen 2009 von Nicole Stehli, die auch Regie führt. Diesmal haben sie sich den neu gestalteten Merkurplatz ausgesucht; die Idee dazu hatte die Winterthurer Journalistin Tanja Polli, die Präsidentin des Vereins. Vor der Umgestaltung lebten auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum Menschen ohne Tagesstruktur, Polli nennt sie «die Hauptnutzer des Platzes». Nun sind sie hier nicht mehr vorgesehen: Sie bekamen Sitzbänke auf einer Wiese nebenan, ohne dass man sie um ihre Meinung gefragt hätte.

Ein Teil der Gesellschaft

Jetzt erhält der Abwart Unterstützung von Stadtpräsident Michael «Künzli» (!). Nicht alles, was er sagt, ist zu verstehen, weil ganz in der Nähe eine Band die andere Gruppe des wegen Corona zweigeteilten Publikums unterhält. Dass es sich bei diesem knorrigen und äusserst liebenswürdigen «Künzli» um ein Double handelt, wird klar, wenn er nach seiner Rede darum bittet, auf Applaus zu verzichten. Schnell werden noch Masken verteilt, dann geht es weiter zum Musikpavillon, wo ein schnoddriger Architekt mit Basler Dialekt die Neugestaltung des Platzes erklärt – er wird aber schon bald unterbrochen von zwei jungen Frauen, die eine scheint mit stoischer Ruhe hier zu warten, die andere hat gerade beim Einkaufen ihr ganzes Geld ausgegeben und zeigt stolz ihre neuen Hosen. Daraus entspinnt sich ein philosophisches Gespräch über Sinn und Unsinn des Shoppens, mit einem Hinweis auf Kaufsucht, Esssucht und andere gesellschaftlich akzeptierte Süchte.

«Wir wollen nur einen Ort haben, wo wir sein können.»

Junge Darstellerin der «Schrägen Vögel»

In der innert fünf Tagen entwickelten unterhaltsamen Szenenfolge stellen die Randständigen sich selbst dar und jene, mit denen sie zuweilen in Konflikt geraten. «Wir wollen nur einen Ort haben, wo wir sein können», sagt eine junge Darstellerin. «Ja, aber das geht nicht, wenn ihr so asozial seid», wirft ihr der Architekt entgegen. Das Understatement, mit dem er es sagt, bewirkt, dass es irgendwie schräg, wie ein abgründiger Witz, klingt.

Und sofort fragt man sich, ob das denn stimmt: Sind Menschen, die nicht konventionell leben, automatisch asozial? Der ganze Auftritt, der allen sichtlich Spass macht, widerlegt diese Unterstellung. «Trotz ihrer Probleme möchten sie ein Teil der Gesellschaft sein», sagt auch Tanja Polli, die den Auftritt im Rahmen der Reihe «Kulturstadtlabor» organisiert hat.

«I Wanna Be Loved by You»

Das Spiel ist lebendig, die Pointen sind witzig, aber die sozialpädagogische Absicht ist auch nicht zu übersehen: Wir alle werden hier integriert, die Darsteller wie die Zuschauer. Wir haben auch gemeinsame Interessen, wie eine Befragung am Ende ergibt. «Harry Potter» gehört dazu, Zeichnen, Kochen, Philosophie, Lyrik und Theaterspielen. Der Effekt der hergestellten Einheit ist tatsächlich spürbar. Aber war er nicht vielleicht von Beginn weg vorhanden, weil alle die Bereitschaft dazu mitgebracht haben? Und andere, denen der Sinn nicht danach steht, auch so eine Aufführung nicht besuchen würden?

Der Kern der Sache kommt deshalb am besten musikalisch zum Ausdruck, wenn der Sänger der Truppe mit dem Charme einer Diva «I Wanna Be Loved by You» zum Besten gibt, den Song von Marilyn Monroe aus «Some Like It Hot», der Filmkomödie mit dem wunderbaren Schlusssatz «Nobody is perfect», niemand ist perfekt. Trotzdem, oder gerade deshalb, möchten wir alle geliebt werden, ob wir nun schräge Vögel sind oder nicht.