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Pandemie in SkandinavienSchweden verlässt seinen Sonderweg

Lange liess das Land im Kampf gegen das Coronavirus die Zügel ziemlich locker. Angesichts stark steigender Infektions- und Todeszahlen ändert sich das jetzt.

Plötzlich funktioniert Social Distancing: Fast leere Stadtbibliothek in Malmö (16. November 2020).
Plötzlich funktioniert Social Distancing: Fast leere Stadtbibliothek in Malmö (16. November 2020).
Foto: Johan Nilsson (Keystone)

Der schwedische Sonderweg. Staatsepidemiologe Anders Tegnell war immer überzeugt, dass Schwedens vergleichsweise lockerer Ansatz, der mehr auf Empfehlungen denn auf Restriktionen setzt, dem Land am Ende zugutekommen würde. «Im Herbst wird eine zweite Welle kommen», prophezeite Tegnell im Mai in der «Financial Times», «und Schweden wird dann einen hohen Grad an Immunität haben und die Zahl der Fälle wird wahrscheinlich ziemlich niedrig sein.» Noch im Juli war er überzeugt, Schweden werde dann «besser abschneiden als Norwegen».

Die Zahlen schienen zwischendurch auch ermutigend zu sein: Im Spätsommer vermeldete Schweden kaum neue Infektionen, und selbsterklärte Verteidiger der Freiheit überall auf der Welt – darunter US-Präsident Donald Trump und seine Anhänger – priesen das «schwedische Modell». Etwas voreilig, wie sich herausstellte.

«Es wird immer schlimmer», sagt der Ministerpräsident

Besser als Norwegen? Am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche meldete Schweden insgesamt 115 am Coronavirus Verstorbene. Norwegen meldete an denselben beiden Tagen 7 Tote, Dänemark 5. Die Zahlen der Infizierten steigen in Schweden erneut schneller an als in den meisten anderen europäischen Ländern. Diese Woche schlug die Regierung Alarm. «Es wird schlimmer werden», warnte Ministerpräsident Stefan Löfven am Montag in einem denkwürdigen Auftritt. «Ich sage es noch einmal: Es wird schlimmer werden!» Dann verkündete er ein Verbot aller öffentlichen Veranstaltungen mit mehr als acht Teilnehmern. Keine Empfehlung diesmal, sondern Gesetzeskraft.

Neu ist aber nicht nur die wenigstens teilweise Abkehr vom lockeren Kurs. Neu ist auch, dass die Regierung sich erstmals nicht mehr hinter der bislang allmächtigen Gesundheitsbehörde versteckt. Die neue Achter-Regel stammt nicht von Tegnell, sie ist eine Entscheidung der Politik. In anderen Ländern mag das normal sein, dass die Politik vom Ratschlag ihrer Experten abweicht, in Schweden galt das bislang als ungehörig. Die konservative Zeitung «Svenska Dagbladet» sieht nun das «Ende des schwedischen Experiments» heraufdämmern und kommentierte, die Gesundheitsbehörde werde nach einem Jahr voller Fehlprognosen offenbar degradiert «vom Befehlshaber zum lästigen kleinen Geschwisterlein».

Spital-Mitarbeiter sprechen von Zuständen wie in einem Kriegsgebiet

Es sind erste Anzeichen einer vorsichtigen Neujustierung der Politik. Sie kommen zu einer Zeit, da die Kritik anschwillt. Mitarbeiter des grossen Karolinska-Krankenhauses in Huddinge im Süden Stockholms berichteten in einem Hilferuf dem «Svenska Dagbladet» am Donnerstag von Zuständen «wie in einem Kriegsgebiet». Die Patienten seien schon jetzt «viel zu krank und viel zu viele», sagt eine Mitarbeiterin, während der Chefarzt Boris Kan den abwiegelnden Behörden und dem Management Realitätsverleugnung vorwirft. Die grosse liberale Zeitung «Dagens Nyheter» wirft in ihrem Leitartikel am selben Tag dem schwedischen Sonderweg «schwerwiegende Systemfehler» vor. Spätestens jetzt sei klar, dass der auf Freiwilligkeit basierende Ansatz «unangemessen naiv» war, man erlebe nun ein «Fiasko».

«Danke, dass Sie 1,5 Meter Abstand halten»: Ein Schild ermahnt die Kunden eines Stockholmer Supermarkts, die Corona-Sicherheitsmassnahmen umzusetzen (16. November 2020).
«Danke, dass Sie 1,5 Meter Abstand halten»: Ein Schild ermahnt die Kunden eines Stockholmer Supermarkts, die Corona-Sicherheitsmassnahmen umzusetzen (16. November 2020).
Foto: Amir Nabizadeh (Keystone)

Kritiker wie Uppsalas Gesundheitsdirektor Mikael Köhler warfen Tegnell und seiner Behörde schon Ende Oktober vor, dass ihre zu optimistischen und abwiegelnden Vorhersagen vielerorts zu einer fehlenden Bereitschaft geführt hätten, sich auf die neue Welle vorzubereiten.

Pro eine Million Einwohner hat Schweden bislang 624 Covid-19-Tote zu beklagen, die Zahlen gehören seit dem Frühling weltweit mit zu den höchsten. Die Zahlen sind zehnmal so hoch wie bei den Nachbarn Norwegen oder Finnland, und fünfmal so hoch wie in Dänemark. Es sei «schwierig», zu sagen, wieso sich Schwedens Zahlen so von denen der Nachbarländer unterschieden, liess sich Sozialministerin Lena Hallengren zitieren: «Darauf hat niemand eine Antwort.» Hallengrens Ratlosigkeit wurde mit Spott quittiert, das Boulevardblatt «Expressen» warf der Ministerin «Verantwortungsflucht» vor.

Anders Tegnell verliert seinen Status als Schutzheiliger

Tatsächlich haben sich Schwedens Corona-Management und das anderer europäischer Länder etwas aufeinander zubewegt: Die anderen wollen nun auch ihre Schulen offen lassen, wie Schweden das schon im Frühling vorgemacht hatte. Und Schweden wird etwas restriktiver. Aber noch immer wehren sich die Gesundheitsbehörden vehement gegen Schutzmassnahmen, die sowohl von der EU als auch von der WHO längst dringend angeraten werden. Eine Corona-App zum Beispiel gibt es in Schweden nicht. Eine Pflicht zum Mund-Nasen-Schutz ausserhalb von Spitälern ebenfalls nicht. Tatsächlich hält es Anders Tegnell noch immer für «ziemlich gefährlich, zu denken, dass die Gesichtsmaske die Lösung ist». Mit dieser Ablehnung steht Schweden mittlerweile ziemlich alleine da.

Nicht besser als Krake Paul, der den Ausgang der Fussballspiele an der EM 2008 und der WM 2010 tippte: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell.
Nicht besser als Krake Paul, der den Ausgang der Fussballspiele an der EM 2008 und der WM 2010 tippte: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell.
Foto: Stina Stjernkvist (Keystone)

Aber auch hier bröckelt die Front. Am Donnerstag meldete sich die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften und riet dem Volk dringend das Tragen von Masken an. Auch andernorts ist zu erkennen, dass Tegnell seinen Status als Schutzheiliger des schwedischen Volkes verliert. Die Zeitung «Expressen» listete diese Woche sämtliche falschen Vorhersagen des Staatsepidemiologen auf und folgerte, Tegnell sei «sicher ein guter Mensch», angesichts seiner Fehlerquote wäre man jedoch vielleicht mit der Krake Paul, dem deutschen Fussball-Orakel, als Wegweiser in der Pandemie nicht viel schlechter gefahren.

57 Kommentare
    Christine Niederhauser

    Ich staune immer wieder wie arrogant wir uns hier verhalten! Wir zerreissen uns den Mund über andere statt vor der eigenen Türe zu wischen!!!! Und nur so nebenbei, in Schweden waren z.B. seit März und bis vor kurzem Veranstaltungen nur bis 50 Personen erlaubt (auch bei Eishockeyspielen), die Abstandshinweise sind auch nicht neu, jeder 2. Tisch in Restaurants gesperrt, viele Geschäfte oder Restaurants geschlossen, Ankleidekabinen gesperrt und das sogar in der Hauptstadt, viele haben freiwillig Masken getragen,,,ich könnte noch unzählige Vorsichtsmassnahmen mehr aufzählen. Ich habe im Sommer zwei Wochen in Schweden verbracht und mich nicht einen einzigen Augenblick gefährdet gefühlt denn die Leute haben sich verantwortungsbewusst verhalten. Wenn wir die Fallzahlen, die Zeitspanne, in der wir Schweden diesbezüglich überholt haben und auch die Todeszahlen jetzt anschauen, sollten wir sofort ganz ganz still sein!!!!