Erdgasbezüger dürfen auf tiefere Preise hoffen

Der Bundesrat bereitet die Öffnung des Schweizer Gasmarkts vor. Künftig sollen Besitzer von Zwei- oder Mehrfamilienhäusern ihren Gasanbieter selber wählen können. 

Nur wenige haben Zugang zum freien Markt: Eine Gasleitung in Colovrex im Kanton Genf.

Nur wenige haben Zugang zum freien Markt: Eine Gasleitung in Colovrex im Kanton Genf. Bild: Magali Girardin/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieser Schritt hat sich gelohnt. Seit 2011 beschafft Lonza Erdgas auf dem freien Markt – und spart damit gemäss eigenen Angaben pro Jahr mehr als 20 Prozent seiner bisherigen Erdgaskosten ein. Der Basler Pharmazulieferer stuft diese Entlastung als «sehr wichtig» ein. «Wenn wir für die Energie mehr bezahlen müssten, könnten wir in einem der teuersten Länder der Welt nicht zu konkurrenzfähigen Preisen produzieren», sagt Sprecher Michael Gsponer. 

Lonza gehört zu einer Minderheit. 20 Prozent der Gebäude in der Schweiz werden mit Gas beheizt,  die Zahl der Erdgaskunden liegt bei etwa 400000. Doch hierzulande können erst rund 400 Unternehmen Erdgas auf dem freien Markt beziehen. Der grosse Rest ist an einen der hundert lokalen Monopolisten gebunden, an Gasversorgungsunternehmen also, die sich grossmehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand befinden. Dazu zählt unter anderem der Flughafen Zürich – widerwillig. «An einem liberalisierten Gasmarkt sind wir sehr interessiert», sagt Sprecherin Sonja Zöchling. 

Gespräche ergebnislos abgebrochen

Der Gasmarkt ist vergleichbar mit dem Strommarkt. Letzterer ist ebenfalls erst für Grossverbraucher geöffnet – mit einem Unterschied: Die Teilöffnung basiert auf einer klaren gesetzlichen Regelung. Auf dem Gasmarkt dagegen besteht Rechtsunsicherheit, weil das sogenannte Rohrleitungsgesetz aus den 1960er-Jahren die Durchleitung von Erdgas durch Drittanbieter nur rudimentär regelt.

Dass wenigstens die Grossverbraucher am freien Markt teilnehmen können, ist das Resultat einer Vereinbarung, welche die Gasversorger 2012 mit der Industrie abgeschlossen haben. Sie enthält eine Zugangsgrenze, die definiert, wer als Grossverbraucher gilt. 

Auf dem Gasmarkt besteht im Gegensatz zum Strommarkt Rechtsunsicherheit.

Der IG Erdgasverbraucher (IGE) geht diese Vereinbarung nicht weit genug. An der Seite der IG energieintensive Branchen hat sie in den letzten Jahren wiederholt mit der Gaswirtschaft über einen erweiterten Marktzugang verhandelt – erfolglos. Die jüngsten Gespräche hat sie letzte Woche abgebrochen.

Während sich die Streitparteien bei den technischen Fragen auf Lösungen einigen konnten, «weigerte sich die Gaswirtschaft, die Zugangsgrenze aufzuheben oder wenigstens auf ein vertretbares Mass zu senken», sagt IGE-Geschäftsführer René Baggenstos. Dabei wäre die Grenze, welche die IGE als Zwischenschritt akzeptiert hätte, immer noch so hoch gewesen, dass die privaten Haushalte vom freien Markt ausgeschlossen geblieben wären, so Baggenstos. «Die Gaswirtschaft ist zu einer weiteren Marktöffnung nicht bereit.» 

Gegenseitige Vorwürfe

Die Gaswirtschaft widerspricht. «Wir haben uns bereit erklärt, die Zugangsbeschränkungen so zu senken, dass sie den Markt für mehr als 55 Prozent des Erdgasabsatzes geöffnet hätte», sagt Thomas Hegglin, Sprecher des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie (VSG). Das sei deutlich umfangreicher, als dies heute von Gesetzes wegen im Strommarkt der Fall sei. Doch habe die IGE das Ergebnis abgelehnt. Anders die IG energieintensive Branchen, welche das Resultat unterstützt habe. «Die Industrieseite», sagt Hegglin, «konnte sich nicht einigen.»

Die  IG Erdgasverbraucher bezweifelt, dass der Vorschlag der Gaswirtschaft den Markt für mehr als 55 Prozent des Erdgasabsatzes geöffnet hätte. Baggenstos wirft dem VSG vor, die Verhandlungen missbraucht zuhaben mit dem Ziel, eine weitere Marktöffnung zu verzögern und mögliche Sanktionen der Wettbewerbskommission abzuschwächen (siehe Box). Auch diese Kritik lässt VSG-Sprecher Hegglin nicht gelten: «Gern zeigen wir Herrn Baggenstos die entsprechenden Zahlen.» Er verweist auf die bereits erwähnte Vereinbarung aus dem Jahr 2012. «Diese zeigt, dass sich die Gaswirtschaft klar zu einer geordneten Marktöffnung bekennt.»

Leck beim Bundesamt

So verhärtet die Fronten sind: Unverrückbar sind sie nicht. Bewegung in die Sache könnte nun die Politik bringen. Der Bundesrat prüft eine Gasmarktöffnung. Die Pläne, die er schon seit 2014 wälzt, sind mittlerweile weit gediehen. Das Uvek, das Departement von Energieministerin Simonetta Sommaruga (SP), wird voraussichtlich in den kommenden Wochen die Vernehmlassung zu einem neuen Gasversorgungsgesetz starten. 

Das federführende Bundesamt für Energie (BFE) äussert sich zum Inhalt der Vorlage nicht. In Umrissen erkennbar ist er gleichwohl – einer Panne wegen. Ende August hatte das Uvek im Internet einen Abriss der Vorlage aufgeschaltet und schnell wieder vom Netz genommen. Das Dokument liegt dieser Zeitung vor. Demnach will der Bundesrat den Gasmarkt für Kunden mit einem jährlichen Verbrauch von mehr als 100 Megawattstunden öffnen. Das bedeutet: Künftig könnten die Besitzer von Zwei- oder Mehrfamilienhäusernihren Gasanbieter selber wählen – im Vergleich zum Status quo wäre dies ein erheblicher Schritt. 

Volle Öffnung als Ziel?

Der Start der Vernehmlassung, so geht aus dem Dokument des BFE weiter hervor, war ursprünglich im September geplant. Weshalb er sich verzögert, ist unklar. Möglicherweise muss das Bundesamt für Energie die Vorlage überarbeiten und die volle Marktöffnung vorbereiten. Der Bundesrat würde damit gleich wie beim Strommarkt verfahren. Auch hier strebt er, wie er unlängst bekannt gegeben hat, die totale Liberalisierung an – wenn auch in gemächlichem Tempo. 

Die Gaswirtschaft dagegen befürwortet nur eine Teilöffnung – aus klimapolitischen Gründen. Heute sei der Anteil erneuerbarer Gase in der Schweiz mit bis zu 20 Prozent im Standardmix deutlich höher als in der EU, wo der Markt geöffnet sei, argumentiert VSG-Sprecher Hegglin. Das Ziel, die Gasversorgung immer stärker erneuerbar zu gestalten, lasse sich deshalb nur erreichen, wenn der Bund den Markt nicht gänzlich öffne. Für die 400000 Erdgaskunden indes wäre eine Komplettliberalisierung wohl eine gute Nachricht.

So hat 2015 eine Studie im Auftrag des BFE als «wichtigsten Effekt» «Einsparungen aufseiten der Gaskunden» genannt, weil der Wettbewerb spielen und die Gaspreise als Folge davon sinkenwürden. In diese Richtung äussert sich auch der Energiekonzern Axpo, der nebst dem Dienstleistungsunternehmen Enerprice als einziger Drittanbieter sicherstellt, dass die wenigen marktberechtigten Unternehmen Zugang zum europäischen Gasmarkt haben: «Am wichtigsten wäre eine vollständige Marktöffnung für Industrie und Gewerbe, weil diese so Zugang zu europäisch kompetitiven Preisen erhalten.»  

Erstellt: 09.10.2019, 06:12 Uhr

Monopol missbraucht?

Für die Monopolsituation auf dem Schweizer Gasmarkt interessiert sich auch die Wettbewerbskommission (Weko). Anfang Jahr hat sie gegen zwei Gasversorger eine Untersuchung eröffnet: gegen die Erdgas Zentralschweiz AG sowie die Energie Wasser Luzern Holding AG. Die beiden Gasversorger verhindern gemäss ersten Ermittlungen, dass Drittlieferanten Erdgas an bestimmte Kunden über ihre Erdgasnetze liefern können. Die Weko prüft daher, ob die Unternehmen «tatsächlich eine marktbeherrschende Stellung innehaben und die Netzzugangsverweigerung missbräuchlich ist». Der Weko liegt nicht nur eine Anzeige in diesem Fall vor, sondern weitere derartige Anzeigen. Es sei deshalb möglich, dass sie zusätzliche Untersuchungen eröffnen werde, kündigte die Weko im Januar an. Weitere Details nannte sie nicht. Auch jetzt wird Weko-Direktor Patrik Ducrey auf Anfrage nicht präziser. Die Weko könne sich zu laufenden Verfahren nicht äussern, da sie dem Amtsgeheimnis unterstehe. Ducrey kündigt aber an, die Untersuchung nächstes Jahr abschliessen zu können. (sth)

Artikel zum Thema

Jeder soll den Strom so frei wählen wie das Handyabo

Mehr Erneuerbare, mehr Digitalisierung: Bundesrätin Simonetta Sommaruga informierte über die Öffnung des Strommarkts. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!