Welche Zuwanderer mehr verdienen als Schweizer

Erstmals hat der Bund die Lohnunterschiede von Schweizern und Zuwanderern aus der EU verglichen: Die Resultate.

Die erstmals durchgeführte Lohnanalyse zeigt zum Teil deutliche Unterschiede, die nicht durch Faktoren wie Alter, Ausbildung oder Erfahrung erklärbar sind. Bild: AP

Die erstmals durchgeführte Lohnanalyse zeigt zum Teil deutliche Unterschiede, die nicht durch Faktoren wie Alter, Ausbildung oder Erfahrung erklärbar sind. Bild: AP

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Über 58-Jährige haben es laut Bundesrat zunehmend schwer auf dem Arbeitsmarkt. Die Personenfreizügigkeit habe eben auch negative Folgen, sagte Justizministerin Karin Keller-Sutter, als sie Mitte Mai den Plan für eine neue Überbrückungsrente vorstellte. Das neue Sozialwerk ist die wichtigste Massnahme des Pakets, mit dem der Bundesrat die SVP-Volksinitiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit bekämpfen will.

Umso mehr überrascht, dass das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auch in seinem jüngsten Bericht zur Personenfreizügigkeit keinerlei Probleme zu erkennen vermag. «Dem Staatssekretariat für Wirtschaft ist durchaus bewusst, dass das Freizügigkeitsabkommen nicht unumstritten ist», sagte zwar Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch heute bei der Vorstellung des Berichts.

Video: «Zuwanderung hat fast keinen Einfluss»

Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch nimmt zum Bericht Stellung. Video: SDA

Darin finden sich jedoch keine solch verständnisvollen Worte. Es heisst vielmehr, die Zuwanderer aus den Ländern der EU und der Efta hätten den Zugang zum hiesigen Arbeitsmarkt nicht auf Kosten der übrigen Bevölkerung erhalten. Das Seco kommt auch zum Schluss, dass «von der Zuwanderung der letzten Jahre kein signifikanter Lohndruck auf die ansässige Bevölkerung ausging».

Die vom Bundesrat geplante neue Rente und die Altersklasse der über 58-Jährigen erwähnt das Seco in dem Bericht mit keinem Wort. Ineichen-Fleisch brachte sie an ihrer Pressekonferenz kurz zur Sprache. Ihr Fazit bleibt aber: «Für das Seco ist unbestritten, dass das Freizügigkeitsabkommen bis anhin ein ansehliches wirtschaftliches Wachstum und Wohlstandszuwachs für die Schweizer Bevölkerung gebracht hat.»

Lohngräben bei den Zuwanderern

Dabei zeigt eine erstmals durch den Bund durchgeführte Lohnanalyse zum Teil deutliche Unterschiede. Insgesamt verdienten die Zuwanderer seit Einführung der Personenfreizügigkeit leicht weniger als jene, die schon vor 2002 in der Schweiz waren. Der nicht durch Faktoren wie Alter, Ausbildung oder auch Erfahrung erklärbare Unterschied beträgt im Durchschnitt aller EU- und Efta-Bürger 0,4 Prozent. Das Seco beurteilt diese Lohndifferenz als «sehr gering», man könne praktisch von einer Gleichbehandlung im Schweizer Arbeitsmarkt sprechen.

Bei genauerem Hinsehen öffnen sich jedoch eigentliche Lohngräben. Zuwanderer aus Nord- und Westeuropa, vor allem aus Deutschland und Frankreich, verdienen 13,5 Prozent mehr als Ansässige. Sie sind höher qualifiziert und arbeiten überdurchschnittlich oft in Führungspositionen. Unter dem Strich sind 2 Prozentpunkte ihres Mehrverdienstes nicht objektiv erklärbar: Sie verdienen sogar besser, als zu erwarten wäre.

Südeuropäer hingegen erhalten 18,7 Prozent weniger Stundenlohn. Das hängt hauptsächlich damit zusammen, dass aus südeuropäischen Ländern viele Geringqualifizierte in die Schweiz kommen. Unter dem Strich lassen sich jedoch 4,3 Prozent Lohnunterschied nicht durch solche Faktoren erklären. Bei Osteuropäern fällt der durchschnittliche Lohn 9,8 Prozent tiefer aus, der nicht erklärbare Anteil beträgt 5,9 Punkte. Das mag erstaunen, denn gerade aus Osteuropa kommen hoch qualifizierte Personen in die Schweiz zum Arbeiten: Zwei Drittel von ihnen haben einen Hochschulabschluss, fast doppelt so viel als im Schweizer Durchschnitt.

Für das Seco ist indes auch dies kein Anhaltspunkt für Lohndruck. Vielmehr sei bei Personen aus Osteuropa «am ehesten zu erwarten, dass sie heute noch in Berufen und Branchen tätig sind, in denen ihre formalen Qualifikationen nicht voll zur Geltung kommen». Mit anderen Worten: Die Osteuropäer sind gut ausgebildet, arbeiten aber in der Schweiz nicht in ihrem angestammten Gebiet.

Noch markanter sind die Lohnunterschiede bei Grenzgängern, die in der Schweiz eine Stelle haben, aber im günstigeren EU-Ausland wohnen. In der Deutschschweiz ist ihr Anteil gering, was angesichts des hohen Lebensstandards und der starken Wirtschaft in Baden-Württemberg, Bayern und auch im Vorarlberg wenig erstaunt. In der Westschweiz hingegen ist der Anteil der Grenzgänger am Total der Beschäftigten seit 2010 auf über 10 Prozent gestiegen, im Tessin gar von 22 auf 27,5 Prozent. In der Romandie verdienten sie 8,1 Prozent weniger als Ansässige, wobei sich das durch ihre geringere Berufsqualifikation erklären lässt. Im Tessin erhalten sie sogar fast einen Drittel weniger Lohn, ganze 8 Prozentpunkte davon lassen sich nicht erklären.

Gleichwohl sieht das Seco auch hier keine Anhaltspunkte für einen Druck auf Schweizer Löhne. In der Deutschschweiz hätten Einheimische seit Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit jährlich 1,08 Prozent mehr Lohn erhalten, in der Westschweiz 1,22 Prozent, im Tessin 1,06 Prozent. Das ist zwar immer ein bisschen weniger als der Durchschnitt inklusive Zuwanderer, doch kann das Seco in allen drei Sprachregionen «keine Anzeichen für negative Rückwirkungen der Zuwanderung erkennen». Die Löhne seien in der Westschweiz am stärksten gewachsen, obwohl dort Ausländer den grössten Anteil am Jobwachstum hatten. Auch im Tessin mit seinem starken Anstieg von Grenzgängern hätten sich die Löhne der Schweizer nur unwesentlich schwächer entwickelt.

Lohndruck nur bei Gutbezahlten und Grenzgängern

Ansätze für Lohndruck findet das Seco nur in Teilbereichen. Einzig in der oberen Hälfte der Lohnverteilung und auch nur zwischen 2002 und 2010 habe die starke Zuwanderung von Gutqualifizierten das überdurchschnittliche Lohnwachstum gedämpft, schliesst das Seco – um im selben Satz einzuschränken, das scheine zumindest plausibel. Der zweite Aspekt betrifft nur neu angestellte Grenzgänger: Im Jahr 2002 betrug deren unerklärte Lohndifferenz 3,3 Prozent, 2016 war diese auf 5 Prozent gestiegen. Das könnte darauf hindeuten, dass die Löhne von Grenzgängern nach unten tendieren. Um diese Entwicklung einzuschätzen, seien aber weitere Analysen nötig, schreibt das Seco.

Insgesamt wertet das Seco die Personenfreizügigkeit – wenig überraschend – sehr positiv. Zwei Drittel der Zuwanderer seien zwischen 18 und 41 Jahren alt, was die Alterung der Bevölkerung «etwas verzögert und abgebremst» habe. Die vielen hoch qualifizierten Zuwanderer hätten den strukturellen Wandel der Wirtschaft begünstigt.

Jene Geringqualifizierten, die vor allem aus Südeuropa in die Schweiz gekommen sind, schienen Lücken zu füllen, welche durch diesen Strukturwandel entstünden. Die EU-Zuwanderer arbeiten zudem mehr als die in der Schweiz geborenen: Umgerechnet auf Vollzeitstellen sind es bei Nord- und Westeuropäern im Durchschnitt 85,1 Prozent, bei Südeuropäern 84,3 Prozent und bei Osteuropäern 82,2 Prozent. In der Schweiz Geborene sind mehr in Teilzeit tätig, ihr Durchschnitt liegt darum bei 75,6 Prozent.

Derzeit stagniert die Zuwanderung aus der EU, 2018 lag sie bei netto 31'200 Personen. Das dürfte in den nächsten Jahren so weitergehen, weil die Wirtschaft in der Schweiz eher langsam wächst. Das Seco warnt aber, dass die Arbeitgeber auch so Mühe bekunden werden, offene Stellen zu besetzen: Weil in der EU die Arbeitslosigkeit sinkt, «dürfte es im Vergleich zu früheren Jahren zudem tendenziell schwieriger sein, Arbeitskräfte aus dem EU-Raum für sich zu gewinnen». Dieses Risiko ist umso grösser, als bisher vor allem 18- bis 41-Jährige aus der EU in die Schweiz gekommen sind. Deren Anteil nimmt aber in ihrer Heimat derzeit stark ab. Die Herkunftsländer dürften in Zukunft noch mehr daran setzen, ihre Bürger im Erwerbsalter zu halten.

Ob die vor einem Jahr eingeführte Stellenmeldepflicht in der Schweiz einen Einfluss hat, ist offen. Die Pflicht gilt als Umsetzung des Masseneinwanderungsartikels in der Bundesverfassung. Seit 1. Juli 2018 müssen Arbeitgeber offene Stellen den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) melden. Diese haben drei Tage Zeit, passende Bewerber vorzuschlagen. Erst nach einer Frist von fünf Tagen dürfen Unternehmen die Stellen öffentlich ausschreiben. Der Start dieses neuen Systems sei «insgesamt erfolgreich verlaufen», schreibt das Seco. Im Herbst dieses Jahres will es erste Auswertungen veröffentlichen, wobei es jetzt schon warnt, die Auswirkungen der Stellenmeldepflicht liessen sich erst nach einer längeren Laufzeit im Herbst 2020 erstmals belegen.

Gewerkschaften ziehen positives Fazit

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund begrüsst die Personfreizügigkeit in seiner Stellungnahme ebenfalls. Sie habe den Arbeitnehmenden aus der EU bessere Aufenthaltsrechte verschafft, diese könnten sich besser gegen Missbräuche wehren. Zudem sei das Saisonnierstatut abgeschafft worden, dank der flankierenden Massnahmen würden pro Jahr rund 45'000 Löhne kontrolliert. Darum ist gemäss Gewerkschaftsbund der unerklärte Lohnunterschied seit Einführung der Personenfreizügigkeit kleiner geworden, insbesondere bei Kurzaufenthaltern.

Der Gewerkschaftsbund betont jedoch die Bedeutung der flankierenden Massnahmen zum Lohnschutz. Vor allem bei Temporärarbeitern und Angestellten von EU-Firmen, welche Aufträge in der Schweiz erledigen, sehen die Gewerkschaften eine Gefahr von Dumpinglöhnen.

Erstellt: 01.07.2019, 10:45 Uhr

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