170'000 Schweizer tranken kontaminiertes Hahnenwasser

In über der Hälfte der Trinkwasserproben wurden Pestizide gefunden – vier Prozent überschritten den gesetzlichen Grenzwert.

Werden Grenzwerte überschritten, müssen Wasserwerke ihr Trinkwasser verdünnen: Wasserreservoir in Opfikon ZH. Foto: Leo Wyden

Werden Grenzwerte überschritten, müssen Wasserwerke ihr Trinkwasser verdünnen: Wasserreservoir in Opfikon ZH. Foto: Leo Wyden

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Wie gut ist unser Trinkwasser? Diese Frage beantworten die Kantonschemiker in einer heute publizierten Studie. Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Es sieht nicht besonders gut aus. Mehr als die Hälfte der 296 untersuchten Trinkwasserproben weisen Rückstände von Pestiziden oder deren Abbauprodukten auf. Zwölf davon überschreiten gar den gesetzlichen Grenzwert. Pro Kopf gerechnet, tranken 169'068 Konsumenten (2,7 Prozent der untersuchten Bevölkerung) Trinkwasser, das die lebensmittelrechtlichen Anforderungen nicht erfüllen konnte.

Erwartungsgemäss stammen die betroffenen Proben aus Regionen, in denen intensiv Ackerbau betrieben wird. Woher genau, wollen die Kantonschemiker jedoch nicht mitteilen. Warum nicht? «Da nicht alle Haushalte einer betroffenen Gemeinde dasselbe Wasser erhalten, wollen wir nicht unnötig Panik machen», erklärt Kurt Seiler, Kantonschemiker von Schaffhausen. Nur die Wasserwerke wüssten, welchem Haushalt welches Wasser geliefert wurde. Und diese seien nun verpflichtet, die betroffenen Haushalte zu informieren, so Seiler. Wie sie das tun, sei von Wasserwerk zu Wasserwerk unterschiedlich. Einige verschickten Infoblätter, andere informierten die Bevölkerung auf ihrer Website.

Wo Grenzwerte überschritten wurden, müssen Wasserwerke Massnahmen wie das Mischen zweier Wasserquellen umsetzen oder auf eine zweite Quelle ausweichen, um die Konzentrationen der Pestizidrückstände zu verringern. Wenn ein Werk sein Wasser nur aus einer Quelle bezieht oder sämtliche Quellen im Ackerbaugebiet liegen, so müsste man gemäss Seiler auf bauliche Massnahmen zurückgreifen. Denkbar seien etwa zusätzliche Leitungen oder der Einsatz von Filtern, die das Wasser aufbereiten würden. Die Wasserwerke seien bereits vor einigen Wochen informiert worden, die Situation dürfte sich seither verbessert haben, so der Kantonschemiker.

Mindestens drei Proben pro Kanton

Bereits vor einem Monat zeigte ein Bericht des Bundesamtes für Umwelt, dass chemische Stoffe aus der Landwirtschaft das Wasser vor allem im Mittelland «verbreitet und nachhaltig» schädigen. Der Bericht bezog sich jedoch aufs Grundwasser. Da schweizweit rund 80 Prozent des Trinkwassers aus Grundwasservorkommen stammt, untersuchten die Kantonschemiker nun direkt das Trinkwasser. In jedem Kanton wurden mindestens drei Proben erhoben. Die restlichen Proben wurden anhand der Bevölkerungszahl aufgeteilt. Das untersuchte Trinkwasser deckte so 73 Prozent der Bevölkerung ab. Die Proben wurden in sechs regionale Kategorien eingeteilt:

Knapp ein Drittel der Proben wies gar keine Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf, während in gut zwei Dritteln der Proben mindestens ein Stoff nachgewiesen werden konnte. 77 der insgesamt 296 untersuchten Proben enthielten zwischen fünf und zehn Stoffe, während in zwölf Proben über zehn verschiedene Stoffe gefunden wurde. Die meisten Befunde bewegen sich dabei in einem sehr tiefen Konzentrationsbereich und liegen weit unterhalb der gesetzlichen Höchstwerte.

Die zwölf Proben, in denen es zu Grenzwertüberschreitungen gekommen ist, stammen grossmehrheitlich aus Ackerbau-Regionen. Elf Überschreitungen betreffen den Abbaustoff Chlorothalonil-Sulfonsäure, eine betrifft Metolachlor und eine Atrazin-Desethyl (in einer Probe kam es gleich zu zwei Grenzwertüberschreitungen). Atrazin ist in der Schweiz seit 2012 verboten. Dass es noch immer gemessen werden kann, zeigt, wie hartnäckig sich einzelne Abbaustoffe halten und wie lange sie im Grundwasser noch zu finden sind.

Chlorothalonil-Sulfonsäure ist ein Abbauprodukt des Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffs Bentazon. Es wird in der Schweiz seit den 1970er-Jahren grossflächig im Ackerbau gegen Pilzbefall verwendet. Die EU setzte es im Frühling jedoch auf die Liste verbotener Substanzen, da eine krebserregende Wirkung nicht weiter ausgeschlossen werden konnte. In der Schweiz soll es ab Herbst verboten werden, im Juni 2019 wurde es vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen für toxikologisch relevant erklärt.

«Bis Kontaminationen aus dem Grundwasser beseitigt sind, kann es Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern.»Kurt Seiler, Kantonschemiker SH

Der Verband der Kantonschemiker fordere seit mehreren Jahren, dass auch als nicht relevant eingestufte Abbauprodukte bei der Zulassung von neuen Wirkstoffen in die Beurteilung miteinbezogen würden, sagt Kantonschemiker Seiler. Der Fall Chlorothalonil zeige nun auf, weshalb: Ein Stoff kann von einem Tag auf den anderen als toxikologisch relevant eingestuft werden. Bis Kontaminationen mit langlebigen Abbauprodukten aus dem Grundwasser beseitigt sind, kann es jedoch Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern.

Um solche Situationen künftig zu vermeiden, fordern die Kantonschemiker, Pflanzenschutzmittel, die langjährige Abbauprodukte bilden, nicht oder nur mit strengen Einschränkungen zuzulassen.

Erstellt: 12.09.2019, 16:01 Uhr

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