«Der Befund ist alarmierend»

Auch das zeigt die Pisa-Studie: Schweizer Schüler leiden besonders stark unter Mobbing. Die Zentralsekretärin des Lehrerverbands sieht Handlungsbedarf.

Mobbing ist an Schweizer Schulen ein grosses Thema. Schweizer 15-Jährige sehen sich häufiger gemobbt als Schüler anderer Länder. Foto: Judith Dekke (laif)

Mobbing ist an Schweizer Schulen ein grosses Thema. Schweizer 15-Jährige sehen sich häufiger gemobbt als Schüler anderer Länder. Foto: Judith Dekke (laif)

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Wenn Schweizer Jugendliche sich überdurchschnittlich oft geplagt, herumgeschubst und ausgeschlossen fühlen – was ist dann der Grund dafür? Gibt es an Schweizer Schulen besonders viele Übergriffe, oder sind Schweizer Schüler empfindlicher als diejenigen anderer Länder? Nutzen sie die Begriffe anders oder getrauen sie sich eher, Opfer zu sein?

Die am Dienstag publizierte Pisa-Studie, die den Schweizer Schülern im europäischen Vergleich ein gutes Niveau in Mathematik und ein tiefes beim Lesen bescheinigte (wir berichteten), zeigt auch: Mobbing ist an Schweizer Schulen ein grosses Thema. Schweizer 15-Jährige sehen sich häufiger gemobbt als Schüler anderer Länder, und die Mobbing-Erfahrungen haben zwischen 2015 und 2018 zugenommen. Die Schüler mussten angeben, wie oft sich andere über sie lustig machen, sie schlagen oder schubsen, ihnen Dinge klauen oder zerstören, sie absichtlich ausschliessen, bedrohen oder Gerüchte über sie verbreiten.

Schweizer Schüler werden demnach häufiger gemobbt als Schüler in Italien, Österreich, Deutschland und Luxemburg, und sogar deutlich häufiger als diejenigen in Frankreich, Belgien und Finnland. In ganz Europa ist die Tendenz allerdings steigend. Vor drei Jahren sagten in der Schweiz sieben Prozent der Jugendlichen, es würden mindestens einmal im Monat Gerüchte über sie verbreitet. Letztes Jahr waren es schon elf Prozent.

«Die Schulsozialarbeit ist hier gefordert»

Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, hält den Befund für alarmierend. Entweder, sagt sie, hätten die Fälle von Mobbing tatsächlich zugenommen. Oder aber die Schüler getrauten sich zunehmend, sich über das Erlebte zu äussern.

Es sei wohl eine Mischung aus beidem, vermutet sie, die früher als Sekundarlehrerin Kinder im Alter der Pisa-Probanden unterrichtet hat. Jedenfalls müssten Eltern und Lehrkräfte aufmerksam sein. Social-Media-Kanäle böten Raum für neue Arten der Ausgrenzung.  Alle bekommen alles mit, gleichzeitig seien keine erwachsenen Ansprechpersonen involviert. «Die Schulsozialarbeit ist hier gefordert. Man sollte die Ressourcen dafür keinesfalls kürzen», sagt Peterhans.

73 Prozent ärgern sich, wenn niemand Mobbing-Opfer verteidigt. Warum dann all diese Mobbing-Erfahrungen? 

Die sogenannten sozialen Medien waren auch ein Thema, als die «SonntagsZeitung» kürzlich berichtete, die Zahl der Kinder und Jugendlichen in psychiatrischer Behandlung habe deutlich zugenommen. Fachleute sehen den Schuldruck, die Digitalisierung und den Aufenthalt in den sozialen Netzwerken als Gründe dafür. Es gebe zudem Studien, die belegen, dass junge Menschen depressiver sind, je mehr Zeit sie in den sozialen Medien verbringen.

Trotzdem: Schweizer Schüler mobben offenbar mehr als anderswo, aber sie finden das selber schlecht, ganz grundsätzlich. 80 Prozent gaben in der Pisa-Studie an, sie fühlten sich schlecht, wenn sie sehen, dass andere Kinder gemobbt werden. 73 Prozent ärgern sich, wenn niemand Mobbing-Opfer verteidigt. Warum dann all diese Mobbing-Erfahrungen?

Auch die Studienautoren rätseln. Sie nennen einen möglichen Zusammenhang zwischen Mobbing und der «Kulturdimension Machtdistanz», ein Index über die Akzeptanz von Hierarchien. Je eher in einem Land Hierarchien klaglos akzeptiert werden, desto seltener beklagen sich die Leute über Mobbing. Mit Bezug auf die Schweiz trifft das im internationalen Vergleich zu. Doch es brauche «vertiefende Analysen», heisst es, um die Situation besser erklären und intervenieren zu können.

Erstellt: 04.12.2019, 22:02 Uhr

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