Der widerspenstige Archäologe

Hans Rudolf Sennhauser ist ein Pionier der Kirchenarchäologie. Nun streitet der Professor mit den Kantonen um sein Forschungsarchiv – vor Gericht.

Er möchte lieber nicht aufs Foto – Hans Rudolf Sennhauser, hier mit einem Plan, der Resultate der Grabungen in der St. Galler Kathedrale verzeichnet. Foto: Urs Jaudas

Er möchte lieber nicht aufs Foto – Hans Rudolf Sennhauser, hier mit einem Plan, der Resultate der Grabungen in der St. Galler Kathedrale verzeichnet. Foto: Urs Jaudas

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Die Hausführung dauert eine Stunde. Eine Kurzversion, wie man bald versteht. Denn was der 88-jährige Hans Rudolf Sennhauser an diesem Nachmittag im Riegelhaus in Zurzach zeigen will, ist sein Lebenswerk: ein wissenschaftliches Institut, organisiert als Stiftung – mit Bibliothek, Archiv, Mitarbeitern. Gegründet hat Sennhauser, eine Koryphäe seines Fachs, die Stiftung, damit hier zusammenbleiben und ausgewertet werden kann, was er mit seinen Teams seit den 1960ern an umfassenden Grabungen durchführte. Darunter Highlights wie das Basler Münster, die Kathedrale von St.Gallen oder das Kloster von Müstair.

«Das hier ist die Vorhölle», sagt ­Sennhauser und weist auf eine Ablage für Zeitschriften. Vorhölle? «Ja, was hier liegt, wartet darauf, dass es erlöst wird»– also von Sennhauser durchgesehen und mit Schlagworten versehen wird, bevor die Hefte im Keller archiviert werden. Ordnung muss sein, damit alles, was ­zusammengetragen wurde, der Forschung zur Verfügung steht. Auch über seine Lebenszeit hinaus. Bereits heute würde Sennhauser lieber hinter seiner Stiftung verschwinden. «Von mir hat man allmählich genug», meint er.

«Eine Kriegsgeschichte»

Tatsächlich war oft von ihm die Rede, seit Sennhauser 2009 sein Material und sein Haus in eine «Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter» überführte: Die NZZ schrieb von einem «Mittelalter-Streit», der «kein Ende» habe. Zehn Tage nach der Stiftungsgründung setzten die Kantonsarchäologen eine Taskforce ein, damit sie von Sennhauser die Grabungsdokumentationen erhalten. Von 13 Kantonen, die zu 57 Grabungen Anspruch ­erheben könnten, war die Rede.

Drei ­Kantone gingen schliesslich vor Gericht. Basel gewann 2015, weil der Kanton ­seine Ansprüche wiederholt geltend gemacht hatte; St. Gallen unterlag diesen Juni, da gemäss Gerichtsurteil Dokumentation und Funde nicht zwingend zusammengehören. Das Urteil zu Luzern steht noch aus. «Wir warten bis heute auf das Ergebnis des Auftrags, den unser Kanton Herrn Sennhauser in den 1970er-Jahren erteilt und bezahlt hat», sagt der Luzerner Kantonsarchäologe Jürg Manser. Wie konnte es so weit kommen?

Am Anfang waren Bodenheizungen, die in den 1960er-Jahren in Schweizer Kirchen eingebaut wurden und zahl­reiche Grabungen ermöglichten, gar ­notwendig machten. Durchgeführt wurden sie unter der Ägide von Sennhauser, seit 1959 Bundesexperte für Ausgrabungen und Bauuntersuchungen. Gegen Widerstände: «Eine Kriegsgeschichte» seien die Grabungen, die er seit 1964 in der St.­Galler Kathedrale durchführte, «durchgezwängt» habe er sie, so Sennhauser.

Alles in Sennhausers Archiv ist säuberlich geordnet. Foto: Urs Jaudas

Im Archiv des Schweizer Fernsehens gibt es einen Beitrag, der das damalige Unverständnis gegenüber der Archäo­logie dokumentiert: Ein Sakralbau im luzernischen Oberkirch sollte 1974 einer Strasse weichen, Sennhauser legte als Bundesexperte sein Veto ein; der Kanton Luzern ignorierte es und brach die Kirche ohne Bewilligung ab. «Da isch richtig», sagt im TV-Beitrag ein Bewohner von Oberkirch. «Wir haben ja eine neue Kirche», fügt eine Nachbarin hinzu.

Sennhauser verschwindet und kehrt mit einer Tagebuch-Notiz von 1967 zurück: Sie dokumentiert das Gespräch mit dem Bauführer über die Steinfunde in der St. Galler Kathedrale. «Er sagt: Diesen Sommer müssen die Funde irgendwo anders deponiert werden, da der Innenhofplatz neu asphaltiert würde.» Bei der Kathedrale könne er kein Lager zur Verfügung stellen. «Nehmen Sie den Plunder mit!», habe der Verantwortliche der Katholischen Administration zu Sennhauser gesagt. Und so kam es, dass er Kleinfunde zu sich nach Hause nahm.

Jahrzehntelange Verzögerungen

Die Funde aus Sennhausers Keller sind heute bei den Kantonen. Drei Tonnen kamen nach Basel, drei nach St. Gallen. Vor Gericht ging es um anderes: Fotos, Zeichnungen, Tagebücher. Also um Dokumente, ohne die eine Auswertung der Grabungen in der Regel nicht möglich ist. Und erst mit der Auswertung ist eine Grabung «abgeschlossen», schrieb Sennhauser in einem Bericht für die Eidgenössische Denkmalpflege.

«Retten geht vor Bearbeiten», war die Devise in den 1960er- und 1970er-Jahren, als Sennhauser mehr ausgrub, als er je auswerten kann. Das führte bereits in den 1980er-Jahren zu Unmut: «Arg strapaziert» sei die Geduld des katholischen Kantonsteils, heisst es in einem Protokoll, als Sennhauser eröffnete, er rechne für die Bearbeitung der St. Galler Ausgrabung mit 10 bis 15 Jahren, da er sie neben seinen Pflichten als Professor an der Universität Zürich durchführen müsse.

«Ich verstehe nicht, dass sich Herr Sennhauser nicht von den Dokumen­tationen entlasten will.»Carola Jäggi, Professorin für Kirchenarchäologie

Auch Sennhauser schreibt von Verzögerungen – im imposanten Band zum Basler Münster, der auf die Grabungen von 1966 und 1973/74 zurückgeht. Veröffentlicht hat Sennhauser ihn im letzten Jahr – 18 Jahre nachdem ein Projekt des Kantons Basel den Abschluss «innert Jahresfrist» vorsah. «Das war illusorisch», sagt Sennhauser. 2013 starb sein Co-Autor, 2015 musste er nach einem ­Gerichtsurteil seine Grabungsdokumentationen an Basel geben. «Unter Zeitdruck» habe er das Buch beendet. Mit ­Digitalisaten seiner Dokumentationen. Parallel zum Projekt der Gesellschaft für Kunstgeschichte, das im Oktober zum 1000-Jahr-Jubiläum der Münsterweihe erscheint. Wobei Sennhauser keine ­Konkurrenz ausmachen will: Es sei ihm wichtig gewesen, «dass meine Auswertung den Bearbeitern des Kunstdenk­mälerbandes zur Verfügung steht».

In der Archäologie stösst Sennhauser seit der Stiftungsgründung auf Unverständnis. Etwa bei Carola Jäggi, Sennhausers Nachfolgerin auf der Professur für Kirchenarchäologie an der Uni Zürich: «Ich verstehe nicht, dass sich Herr Sennhauser nicht von den Dokumen­tationen entlasten will.» Wenn er die Unterlagen an ein öffentliches Archiv gäbe, wäre dies ein Garant dafür, «dass weitergeforscht und auf seinen Pionierarbeiten aufgebaut werden kann».

Kampf um ein Kompetenzzentrum

Anders Sennhauser: Mehrere Bearbeitungen von Materialien der Stiftung ­seien an Universitäten abgeschlossen worden. Oder noch im Gang. Und: «Wenn ­irgend möglich» müsse die Auswertung durch den Ausgräber erfolgen. Das ­Problem, mit den Aufarbeitungen nicht nachzukommen, betreffe die gesamte Schweizer Archäologie: Die Bearbeitungen könnten nicht Schritt halten mit dem Tempo der Notgrabungen. Die Lösung wäre ein «nationales Kompetenzzentrum». Davon war Sennhauser bereits in den 1960er-Jahren überzeugt, als er sein Zurzacher Haus zu einem «Aussenposten» der ETH machen wollte. «Schwierig», habe man zu ihm gesagt, «aber wir bewilligen Ihnen 2,5 Stellen. Dafür übernehmen Sie die Leitung des Instituts für Denkmalpflege, Zweig Archäologie.»

Seit 1996 ist Sennhauser in Pension. In seiner Stiftung sieht er noch heute den «Nukleus» eines Kompetenzzentrums. Und er arbeitet weiter. Mit einem Architekten, der ein historisches Häuserkataster von Zurzach abschliesst, einem wissenschaftlichen Grabungsassistenten – und der Archäologin Katrin Roth-Rubi, Sennhausers engster Mitarbeiterin. Alle sind im AHV-Alter, drei von ihnen bilden den Stiftungsrat. «Wir wissen, dass wir uns verjüngen sollten», sagt ­Sennhauser, «und dass wir den Stiftungsrat für ­Externe öffnen wollen.» Aber mit lau­fenden Verfahren sei das undenkbar.

So sei es auch nicht möglich, dass Sennhauser sich aus der Stiftung zurückziehe, die dokumentiere, wie er die Archäologie prägte – und die nicht zuletzt deshalb alles Material zusammenhalten soll: «Die Richtung lässt sich selbstverständlich korrigieren», sagt Sennhauser. «Aber bis etwas in der Schweiz anerkannt wird, braucht es Zeit. Manchmal mehr als eine Generation.»

Sennhausers Archiv ist öffentlich ­zugänglich, die Stiftung unterliegt der eidgenössischen Aufsicht. Und sie hat die Möglichkeit, sich für Gelder des ­Nationalfonds und anderer staatlicher Stellen zu bewerben. Hinzu kommen private Sponsoren. «Aushungern kann man uns nicht», sagt Katrin Roth-Rubi. Besser wäre aber eine Kooperation mit kantonalen Stellen. «Es ginge dann auch etwas», fügt Sennhauser hinzu.

Was nun geht, ist offen: Die Kantonsarchäologen widmen sich Mitte September erneut Sennhausers Stiftung. Über ihr weiteres Vorgehen informieren sie wohl erst nach dem endgültigen Urteil zu Luzern. Und das kann dauern. Denn anders als St. Gallen will Luzern nöti­genfalls bis vors Bundesgericht gehen. St. Gallen hat inzwischen mit der Planung einer Grabungsauswertung begonnen. Und Sennhauser? Er arbeite «intensiv» an seiner Auswertung der ­Kathedrale von St. Gallen. «Einige Resultate liegen seit langem vor», sagt er und verweist auf die Publikationsliste auf der Stiftungswebsite. Was noch fehlt, ist sein grosses Buch zu St. Gallen. Ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Ausgrabungen.

Erstellt: 11.09.2019, 19:47 Uhr

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