Falsche Werbung mit Roger Federer

Prominente werden für illegale Anzeigen auf Nachrichtenseiten missbraucht. Google ist dagegen praktisch machtlos. Was tun?

Täuschend echt: Solche Anzeigen tauchen in bekannten Nachrichtenseiten auf. Auch Rapper Bligg, Moderator Roger Schawinski oder DJ Bobo werden als Köder missbraucht. Screenshot: SonntagsZeitung

Täuschend echt: Solche Anzeigen tauchen in bekannten Nachrichtenseiten auf. Auch Rapper Bligg, Moderator Roger Schawinski oder DJ Bobo werden als Köder missbraucht. Screenshot: SonntagsZeitung

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Seit Wochen lässt sich die Masche beobachten: Fotos und Namen von Prominenten werden im Internet für betrügerische Werbeanzeigen missbraucht. Vergangene Woche etwa bei «Blick» und auf «Spiegel»: Auf beiden Nachrichtenseiten wurde widerrechtlich ein Foto Roger Federers für eine Anzeige genutzt, die für einen dubiosen Webshop namens Shoppingz Today warb – mit dem Satz: «Dies könnte seine Karriere beenden.»

Oft werden Nutzer über solche Fake-Werbungen auf Seiten gelockt, die wie die von «Blick» oder die von «Spiegel» aussehen – mit Storys von Prominenten, die dank einem Bitcoin-Investment in kürzester Zeit das grosse Geld verdient hätten. So war im gefälschten Layout von «Spiegel online» zu lesen, Roger Federer hätte von einem Angebot namens «Bitcoin Code» geschwärmt. Ähnliche Fake-Texte existieren über Roger Schawinski und DJ Bobo im Layout des «Blick».

Federer hat bisher keine Strafanzeige eingereicht

Man nehme die Sache «sehr ernst» und habe «alles unternommen, was möglich ist, um solche gefälschten Werbungen zu verhindern», sagt Roger Federers Anwalt Filippo Beck. So habe man von Internetspezialisten abklären lassen, wo die Betrüger belangt werden können. «Die Abklärungen der Spezialisten haben ergeben, dass die Erstattung von Strafanzeigen wahrscheinlich aussichtslos ist, da die Betrüger ihre Identitäten verschleiern und über Länder agieren, die keine Rechtshilfe leisten. Daher haben wir bisher keine Strafanzeige erstattet», so Beck.

Auf News-Seiten werden die Werbeanzeigen über Auktionen von Google platziert: Wer am meisten für das Schalten seiner Werbung bietet, erhält den Zuschlag. Dabei haben die Verlage «weder Einfluss auf die Inhalte, noch kennen wir die Auftraggeber», wie der «Spiegel» schreibt. Werbungen wie die mit Federer würden «unverzüglich» blockiert, wenn Hinweise eingehen. Auch beim «Blick»-Verlag Ringier ist das Phänomen bekannt: «Wir kennen das Problem und sind deswegen in engem Austausch mit Google, damit sie Massnahmen ergreifen.»

Google habe im vergangenen Jahr mehr als 2,3 Milliarden Anzeigen gelöscht, teilt das Unternehmen mit. Wenn ein Werbetreibender gegen die Richtlinien verstösst, werde sein Konto sofort gesperrt. Dennoch gelingt es Betrügern immer wieder, mit Google-Werbungen Prominente wie Federer zu missbrauchen.

«Bisher sind keine Personen an uns herangetreten, die Schaden durch die gefälschten Anzeigen mit Roger Federer erlitten haben», sagt Filippo Beck, die Werbeanzeigen und gefälschten News-Seiten seien «leicht als Betrug zu erkennen». Dennoch kommt es vor, dass Internetnutzer den Betrügern auf den Leim gehen: Ein Zürcher habe 5700 Franken verloren, berichtete SRF. Der «Blick» porträtierte einen 41-Jährigen, der 500 Euro überwiesen hatte, diese aber wieder zurückerhielt, da er gerade noch rechtzeitig bei seiner Bank die Zahlung stornieren liess.

Ein Geprellter verlor etwa 30'000 Franken

Wie viele Geschädigte es in der Schweiz gibt und wie hoch die Schadenssumme gesamthaft ist, ist unklar: Anfragen bei Kantonspolizeien ergeben, dass bisher nur wenige Geschädigte Anzeige erstattet haben. Bis heute sind ungefähr ein halbes Dutzend solcher Fälle gemeldet worden, schreibt die Kantonspolizei Zürich, «die Deliktsumme liegt in der Regel im tiefstelligen Hunderterbereich.» Ein substanzieller Verlust wurde bisher erst im Kanton Luzern zur Anzeige gebracht. Hier verlor jemand «ca. 30'000 Franken», wie die Luzerner Polizei mitteilt.

«Wir gehen von einer grossen Dunkelziffer aus», schreibt die Kantonspolizei Zürich. Möglichkeiten, die Betrügereien zu stoppen, gibt es. Der SonntagsZeitung sind Fälle bekannt, in denen über das Urheberrechtsgesetz Fake-Seiten vom Netz genommen wurden, die auf Servern in den USA parkiert waren. Helfen könnten auch die Schweizer Service-Provider, die bereits heute für ihre Kunden Seiten sperren, die Kinderpornografie anbieten. Zudem müssen seit der Annahme des neuen Geldspielgesetzes die Angebote von ausländischen Spielbanken blockiert werden. Warum handeln die Provider bei den Fake-Anzeigen nicht?

Die Swisscom wird auf Anfrage der SonntagsZeitung aktiv: Sie versieht für ihre Kunden eine bekannte Betrügerseite im «Blick»-Layout mit einem Warnhinweis. Die UPC verweist dagegen auf die Netzneutralität. «Dies bedeutet konkret: keine Einschränkung der Informations- und Meinungsäusserungsfreiheit, und damit keine Sperrung oder Behinderung von Internetdiensten und -anwendungen ohne Anweisung eines schweizerischen Gerichts oder einer dazu ermächtigten Behörde.»

Doch die fühlen sich oft nicht zuständig. So verweisen angefragte Kantonspolizei-Stellen wiederholt ans Seco: Das Staatssekretariat für Wirtschaft könnte über das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb aktiv werden. Bisher verfüge das Seco aber «weder über Beschwerden noch über Hintergrundinformationen zu Täter und Vorgehensweise.»

«Für Prominente wie Roger Federer, DJ Bobo oder Roger Schawinski gibt es die Möglichkeit, über das Zivilrecht bei Facebook oder Google zu fordern, dass betrügerische Werbeanzeigen mit ihrem Namen und Bild nicht mehr geschaltet werden», sagt Digitalexperte Martin Steiger, «dies ist vor Gericht in der Schweiz möglich und scheint mir aussichtsreich.» Die Prominenten scheinen diese Möglichkeit zu prüfen: Roger Federer jedenfalls behalte sich «die Ergreifung rechtlicher Schritte vor», sagt sein Anwalt.



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Erstellt: 11.08.2019, 11:55 Uhr

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