«Ich bitte die Lehrerin in aller Form um Entschuldigung»

Fünf Tage nachdem SVP-Nationalrat Andreas Glarner das Handy einer Lehrerin Sturm läuten liess, hat er sich entschuldigt.

Kehrtwende: SVP-Nationalrat Andreas Glarner entschuldigt sich bei der Lehrerin. Video: Tele Züri

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Am Dienstag veröffentlichte der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner auf Facebook die Handynummer einer Stadtzürcher Primarschullehrerin und rief dazu auf, man möge sie anrufen. Grund: Die Frau wies in einem Elternbrief darauf hin, dass muslimische Kinder während des Fastenbrechens zu Hause bleiben können, ohne dafür einen Jokertag einzusetzen. So, wie dies in der kantonalen Volksschulverordnung vorgesehen ist. Glarner veröffentlichte den Brief und schrieb dazu: «Vielleicht möchte jemand der Lehrerin mitteilen, was man davon hält.» Das Handy der Lehrerin klingelte darauf Dutzende Male.

Nun hat sich der SVP-Nationalrat am Sonntag in der Sendung Sonntalk von Telezüri öffentlich dafür entschuldigt. «Ich habe einen Fehler begangen und will die Lehrerin in aller Form um Entschuldigung bitten», so Glarner. «Das war nicht korrekt und ich hoffe, dass es ihr wieder gut geht, und dass sie wieder unterrichten kann. Das habe ich ihr auch geschrieben. Es tut mir wirklich leid.»

Glarner: Medien «kochen das hoch»

Der SVP-Nationalrat bettete seine Entschuldigung allerdings in zwei relativierende Randbemerkungen ein. Vor der Entschuldigung betonte er, er habe nicht gewusst, dass es sich um das Privathandy der Lehrerin handelte. «Aber trägt das etwas zur Sache bei?», fragte Moderator Markus Gilli. Glarner meinte, das sei insofern wichtig, als dass man ein Geschäftshandy am Abend ausschalten könne.

Nach der Entschuldigung wirft Glarner den Medien vor, die Affäre nur «hochzukochen», weil sie vom Thema «ablenken» wollten. Und was ist das Thema gemäss Glarner? «Wir geben an Ramadan fast keine Schule mehr, weil die Kinder fast wie tote Fliegen rumliegen – keine Schullager, keine Sportreisen», behauptet er – nur um mit Pathos nachzulegen: «Wie viel Schulbetrieb ordnen wir dem Islam unter?»

Da intervenierte Moderator Gilli: «Das steht so in der Verordnung der Volksschule und im Reglement für Dispensationen. Du aber gehst auf eine einfache Lehrerin oder eine einfache Schule los! Das ist doch einfach primitiv!»

Glarner: «Das war falsch, da kann ich nur um Entschuldigung bitten. Aber ich konnte nicht annehmen, dass die Zürcher Schulverordnung christlichen Kindern einen weiteren Feiertag nur gegen einen Jokertag gibt, während muslimische Kinder den ohne Jokertag erhalten – also eine völlige Ungleichbehandlung.» (Dazu sei angemerkt: Glarner meinte, wenn christliche Kinder – oder nicht doch ihre Eltern? – neben Karfreitag, Ostermontag, Auffahrt, Pfingstmontag und den Weihnachtsferien zusätzliche religiöse Freitage beziehen wollen.)

Gilli: «Warum machst du dann keine Anfrage im Parlament? Warum hast du nicht Silvia Steiner (Zürcher Bildungsdirektorin) geschrieben? Oder Filippo Leutenegger, dem Zürcher Schulvorstand?»

Glarner: «Entschuldigung. Wenn eine Lehrerin dazu aufruft...»

Gilli: «Sie ruft nicht dazu auf! Sie macht darauf aufmerksam, dass diese Kinder gemäss der Zürcher Schulverordnung ein legitimes Recht haben.»

Glarner: «‹Gemäss der Zürcher Schulverordnung›, hat sie nicht gesagt. Ich wusste nicht... Ich konnte nicht annehmen, dass die Zürcher tatsächlich so eine Verordnung haben, wo man Muslimen mehr Rechte gibt als anderen Kindern.»

Diesen Punkt griff Publizistin Esther Girsberger auf. Glarner sei ein Nationalrat, ein Volksvertreter, von ihm könne man erwarten, dass er sich besser informiere, bevor er solche Nachrichten verbreite.

Den Schlusspunkt setzte SP-Nationalrat Martin Naef. Die Lehrerin habe einfach «ihre Pflicht» getan. So eine Person vorzuführen, «da hört es einfach auf», so Naef. Der SP-Nationalrat erklärte Glarner die Grundzüge einer liberalen Demokratie: «Du kannst politisch deine Meinung haben, die ich nicht teile. Die kannst du politisch einbringen. ... Aber jemanden im Privaten so vorzuführen, und einem Shitstorm auszusetzen, das war wirklich ein Fehler.»

CVP-Steiner: «Inakzeptabel»

Die beiden von Gilli erwähnten Politiker haben sich bereits zu Glarners Facebook-Post geäussert. Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) nannte Glarners Verhalten «inakzeptabel» und sicherte der Lehrerin Unterstützung bei den rechtlichen Schritten gegen den Aargauer zu.

Diese Lehrerin habe sich korrekt verhalten, hielt Steiner in einer Stellungnahme fest. Die Dispensation aus religiösen Gründen habe im Kanton Zürich eine lange Tradition und sei rechtlich klar geregelt. Steiner warf Nationalrat Glarner vor, dass er jeglichen politischen Anstand vermissen lasse und die persönliche Integrität der Lehrperson verletze.

FDP-Leutenegger: «Unhaltbarer Angriff»

Auch der Stadtzürcher Schulvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) zeigte sich in einer Mitteilung befremdet über das Verhalten des Politikers. Der Angriff auf die engagierte Lehrerin sei nicht nur ungerechtfertigt, sondern auch unhaltbar.

Von einem Politiker müsse man erwarten können, dass er sich der Wirkung eines solchen Posts bewusst sei, schreibt Leutenegger. In diesem Fall sei eine korrekt handelnde Lehrerin an die Öffentlichkeit gezerrt und Belästigungen ausgesetzt worden.

Leutenegger betont, dass das Schul- und Sportdepartement voll und ganz hinter der Lehrerin steht und ihr jede Unterstützung zusichert.

Diffamierte Lehrerin geht gegen Glarner vor

Der Facebook-Post hat nach aktuellem Kenntnisstand ein juristisches Nachspiel: Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Lehrerin rechtlich gegen den Aargauer vorgehen wird. Eine Sprecherin des Stadtzürcher Schulamts bestätigte eine entsprechende Meldung des Nachrichtenportals watson. Welche Schritte die Lehrerin genau unternehmen werde, sei noch offen. Dass sie gegen Glarner vorgehe, sei jedoch klar.

Früher waren es in erster Linie katholische und jüdische Kinder, die im reformierten Zürich an gewissen Feiertagen frei erhielten. Heute können Kinder aller Religionen an einzelnen Tagen dispensiert werden, wenn ihre Glaubensgemeinschaft einen hohen Feiertag begeht.

(mac/sda)

Erstellt: 09.06.2019, 23:52 Uhr

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