Schweizer Diplomat beendet jahrzehntelangen Krieg in Afrika

Botschafter Mirko Manzoni hat in Moçambique einen Friedensvertrag zwischen Regierung und Rebellen vermittelt. Eine Sensation.

Staatspräsident Filipe Nyusi und Rebellenführer Ossufo Momade unterschreiben ihren Friedensvertrag. Video: AP

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Um einen solchen Schweizer Triumph mitzuerleben, fliegt Aussenminister Ignazio Cassis gerne 8500 Kilometer nach Afrika. Es ist der 6. August 2019, und in Maputo, der Hauptstadt von Moçambique, geht es zu wie auf einem Open Air – bloss dass auf der Bühne zwei korpulente Anzugträger die Show bieten.

Staatspräsident Filipe Nyusi und Rebellenführer Ossufo Momade setzen ihre Unterschriften unter einen historischen Friedensvertrag. Jahrzehntelang waren ihre Parteien Todfeinde. Jetzt fallen sich die beiden in die Arme.

Historisch: Die Feier zur Unterzeichnung des Friedensvertrages in Maputo, ganz links steht Mirko Manzoni.

Cassis setzt einen Tweet ab: «Friede in Moçambique ist seit heute Realität! Stolz, dass die Schweiz eine Schlüsselrolle spielte. Bravo Mirko Manzoni, es brauchte Mut!» Um Cassis herum jubeln Mosambikaner in weissem T-Shirt mit dem Aufdruck «Paz definitiva». Definitiver Friede nach jahrzehntelangem Bürger- und Guerillakrieg.

Das Scheitern der EU

Der Friedensschluss von Maputo, über den bisher in der Schweiz fast nichts berichtet wurde, ist eine Sensation: der grösste Erfolg der Schweizer Friedensdiplomatie seit vielen Jahren. Mirko Manzoni, der Botschafter in Moçambique, hat ihn vermittelt.

Jenen Mut, den Bundesrat Cassis auf Twitter preist, brauchte er aber nicht nur für seine Vermittlungsmission in Afrika. Sondern auch für seine jahrelangen Krämpfe mit dem Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Bern. Gestützt auf Gespräche mit involvierten Personen und nahen Beobachtern, lässt sich Manzonis Mission jetzt erstmals erzählen.

Karikatur vergrössern

Die Geschichte beginnt im September 2014, als der damals 46-jährige Tessiner als neuer Botschafter nach Moçambique versetzt wird. Er kommt in ein Land, das nach Frieden lechzt. Zwar ist der Bürgerkrieg, einer der blutigsten Afrikas, eigentlich seit 1992 zu Ende. Doch 2012 hat die Oppositionspartei Renamo wieder zu den Waffen gegriffen. Seither fügt sie der Wirtschaft des Landes mit gezielten Guerillaangriffen ständig neue Schläge zu.

Als Manzoni in Maputo eintrifft, bemühen sich gerade die religiösen Führer Moçambiques, den Konflikt zu beenden. Als sie nicht mehr weiterwissen, übernimmt im Juli 2016 eine internationale Mission unter Führung der EU. Doch auch diese steckt nach wenigen Monaten in der Sackgasse. Erst das Scheitern der EU ermöglicht die Sternstunde der Schweiz.

Zwei Mitglieder des internationalen Teams, der Brite Jonathan Powell und die Kenianerin Neha Sanghrajka, bitten Manzoni, neuer Chefmediator zu werden. Sie führen ihn bei Präsident Nyusi ein. Bei ihm profitiert Manzoni vom guten Ruf, den die Schweiz in Moçambique geniesst – nicht zuletzt dank der Missão Suíça, einer protestantischen Mission aus der Romandie, die seit 1887 im Land aktiv ist. Im Oktober 2016 ersucht Nyusis Regierung das EDA in Bern offiziell um seine Guten Dienste.

Damit fangen für Manzoni die Probleme mit seiner Zentrale an. Die Abteilung menschliche Sicherheit, im EDA für Friedensförderung zuständig, meldet Bedenken an. Wie soll Manzoni schaffen, woran so viele andere gescheitert sind? Wie eine neue Mediation finanzieren, da man sowieso schon unter Budgetdruck steht? Hinter solchen Argumenten stecken laut mehreren Quellen auch Vorbehalte der Abteilungschefin gegenüber Manzonis Arbeitsweise.

Botschafter Mirko Manzoni auf Friedensmission im Busch von Moçambique. Foto: PD

Die EDA-Pressestelle sagt dazu heute: «Wie üblich bei einem Mediationsprozess» habe es zu Beginn eine detaillierte Analyse und Diskussionen über die Risiken gegeben. Damals, im Herbst 2016, ist es schliesslich Staatssekretär Yves Rossier, mit Manzoni wesensverwandt, der das Machtwort spricht: Let’s go, Manzoni soll es versuchen!

Drei Tage im Kreis herum

Doch bevor Manzoni irgendetwas versuchen kann, braucht er das Einverständnis der zweiten Kriegspartei. Doch wie? Afonso Dhlakama, Renamo-Chef seit über 35 Jahren, ist mit seinen Truppen irgendwo im Gorongosa-Nationalpark versteckt. Eine No-go-Zone.

Über Umwege stellt Manzoni einen telefonischen Kontakt her. Dann startet er Mitte November 2016 zur Expedition ins Ungewisse. Die Kenianerin Sangh­rajka und der Brite Powell begleiten ihn. Flug nach Beira, Flug nach Gorongosa, weiter im 4×4. Drei Tage lang werden sie von Dhlakama telefonisch durch den Busch gelotst – im Kreis herum. Eine Sicherheitsvorkehrung des Guerillachefs? Ein Test, um Manzonis Entschlossenheit zu prüfen? Erst am vierten Tag teilt Dhlakama ihnen den richtigen Weg mit.

Die letzten Stunden kämpfen sie sich zu Fuss durch den Busch. Dann steht Manzoni zum ersten Mal dem Rebellenchef gegenüber – und bekommt von ihm, was er braucht: die Unterschrift unter seinen Mediationsplan. Dreissigmal wird Manzoni den über 1000 Kilometer langen Trip in den nächsten 3 Jahren wiederholen. Ständig hin und ­zurück, 1000 Tage Pendeldiplomatie zwischen Dhlakamas Camp im Busch und Nyusis Palast in Maputo.

Widrige Umstände: Manzoni (rechts im Bild) unterwegs zu einem Treffen mit den Rebellen.

Fotos legen Zeugnis ab von den widrigen Umständen: wie Manzoni und Sanghrajka mit dem Motorrad auf schmalen Fusspfaden durch den Busch zum nächsten Treffen fahren. Wie ihr Geländewagen im Schlamm stecken bleibt. Wie sie unter freiem Himmel, auf grünen Plastikstühlen und mit viel Coca-Cola mit den Rebellen verhandeln. Sanghrajka liest bei einem dieser Trips Malaria auf. «Wir haben schon nicht gerade in einem Genfer Luxushotel gearbeitet», meint Manzoni im Gespräch.

Seinen ersten Erfolg schenkt ihm der Rebellenchef, als dieser kurz nach Weihnachten einen Waffenstillstand verkündet. Dreimal wird dieser verlängert, im Mai 2017 unbefristet. Zu diesem Zeitpunkt steckt Manzoni längst in hochkomplexen Verhandlungen. Die Kriegsparteien haben zwei gemeinsame Kommissionen gebildet. Die erste verhandelt über eine Verfassungsänderung, welche die Opposition an der Macht beteiligt und den bewaffneten Kampf so überflüssig macht. Die zweite Kommission bereitet ein Militärabkommen zur Entwaffnung der Guerilla vor.

In beiden Kommissionen arbeiten internationale Experten mit. «Doch die eigentliche Mediationsarbeit zwischen den beiden Anführern haben Mirko und ich gemacht», sagt Sanghrajka. Sie geniessen das Vertrauen beider Seiten und bereiten in unzähligen Gesprächen mit dem Staats- und dem Rebellenchef das Terrain für Kompromisse vor.

Diplomatie im Busch: Mirko Manzoni (im blauen Pullover) verhandelt im Dezember mit Ossufo Momade, dem neuen Rebellenchef (rechts in der Mitte).

Am 6. August 2017 kommt ein erstes direktes Treffen zustande. Präsident Nyusi nimmt das Risiko auf sich, mit dem Helikopter in den Busch zu fliegen. Dort unterhält er sich über zwei Stunden lang mit Dhlakama – auf Klappstühlen unter freiem Himmel.

Inzwischen kommandiert Manzoni eine grössere Operation. Eine internationale Kontaktgruppe mit Diplomaten Chinas, der EU und weiterer Länder ist gebildet worden. Sie soll dem Friedensprozess Schub verleihen. Den Vorsitz übernimmt Manzoni, sein Vize ist der Botschafter der USA. Das EDA hat nach Rossiers Machtwort ein Budget von 5,7 Millionen Franken freigemacht. Damit zahlt Manzoni ein Sekretariat, Spesen sowie Verfassungs- und Militärexperten aus mehreren Ländern. Das EDA und das Verteidigungsdepartement VBS delegieren mit Julian Hottinger und Markus Schefer zwei ihrer besten Leute ab. Die Schweizer Öffentlichkeit bekommt von alldem nichts mit.

Akute Lebensgefahr

Im Frühling 2018 ist das wichtigste Etappenziel auf dem Weg zum Frieden erreicht: Nyusis Regierung legt dem Parlament eine Verfassungsrevision für eine Dezentralisierung vor. Bisher hat die Regierungspartei Frelimo alle Provinzgouverneure ernannt. Damit hielt sie die ­Opposition selbst in jenen Provinzen von der Macht fern, in denen diese eine Mehrheit hätte. Neu sollen die Provinzen ihre Gouverneure selber wählen – ein Hauch von Schweizer Föderalismus in Afrika.

Doch kurz bevor das Parlament den Staatsumbau verabschiedet, erhält Manzoni am 2. Mai 2018 einen Anruf aus dem Busch: Dhlakama ist schwer erkrankt. Lungenentzündung, akute Lebensgefahr. Alle Involvierten wissen: Wenn der Rebellenchef jetzt stirbt, ist der ganze Friedensprozess in Gefahr.

Lesen Sie morgen in Teil 2: Wie Mirko Manzoni in Südafrika einen Ambulanzjet anfordert, um den Rebellenchef zu retten. Und warum er nach dem historischen Friedensschluss dem EDA den Rücken kehrt.

Erstellt: 29.08.2019, 21:27 Uhr

Lesen Sie morgen in Teil 2: Wie Mirko Manzoni in Südafrika einen Ambulanzjet anfordert, um den Rebellenchef zu retten. Und warum er nach dem historischen Friedensschluss dem EDA den Rücken kehrt.

Fast eine Million Tote

Moçambique ist rund zwanzigmal so gross wie die Schweiz, hat knapp 30 Millionen Einwohner und gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. 1975 erkämpft die Moçambiquanische Befreiungsfront (Frelimo) die Unabhängigkeit von Portugal und übernimmt die Macht. 1977 nimmt die Widerstandsbewegung Renamo den Kampf gegen die damals marxistisch ausgerichtete Einheitspartei Frelimo auf. In 15 Jahren Bürgerkrieg sterben fast eine Million Menschen. 1992 wird in Rom Frieden geschlossen, und Renamo wandelt sich zur Oppositionspartei. Doch 2012 nimmt sie den Guerillakampf wieder auf, frustriert über all die Versprechungen, die Frelimo nie eingelöst hat. (hä)

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