Strauchelnder Präsident der ETH Zürich

Lino Guzzella tritt nicht mehr an. Was nicht kommuniziert wird: Die Mobbingaffäre setzte ihn stark unter Druck.

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Wird ETH-Präsident Lino Guzzella gefragt, was er in der Schweizer Wissenschaft vermisse, kommt schnell eine Antwort: die Fehlerkultur. «Ich wurde in meiner Karriere nur gescheiter, wenn ich aus meinem Scheitern meine Lehren ziehen durfte», sagte Guzzella in einem Interview mit dem Schweizer Radio vor zwei Jahren. Die Schweiz, so Guzzella, könne sich gut etwas mehr von der amerikanischen Fehlerkultur abschauen. Gut möglich, dass ihm nun genau dieser Anspruch zum Verhängnis wurde. Lino Guzzella verzichtet nach nur einer Amtszeit auf eine erneute Kandidatur als ETH-Präsident. Gemäss Hochschulmitarbeitenden – Professoren, Doktoranden und ehemaligen Ombudsmännern, mit denen diese Zeitung in den vergangen Wochen sprach – sei der interne Druck auf Guzzella zu gross geworden. Der Auslöser: eine Professorin, der schikanierende Lehrmethoden vorgeworfen werden. Ihr wollte Guzzella eine zweite Chance geben, vielleicht im Sinne der Fehlerkultur, die er in der Schweiz bisweilen vermisst.

Die ETH-Medienstelle verliert hingegen kein Wort über die Mobbing­affäre, die durch die «NZZ am Sonntag» im letzten Herbst erstmals publik gemacht wurde: Der 60-Jährige wolle die letzten Berufsjahre nochmals verstärkt der Lehrtätigkeit widmen, heisst es da. Ein Professor, der nicht genannt werden will, widerspricht: «Guzzella wollte den Vorfall unter dem Deckel halten. Das ist ihm zum Verhängnis geworden.» Der Amtsverzicht von Guzzella kam jedoch für die meisten überraschend. Die ETH liegt auf Erfolgskurs, und bis anhin gab es keine konkreten Anzeichen eines Rücktritts. Gestern tagte der ETH-Rat in Bern zu einer zweitägigen Sitzung: Es wäre der geeignete Zeitpunkt gewesen, um eine Neuwahl des bei Politikern und Studierenden beliebten Präsidenten zu beantragen. Der Bundesrat hätte Guzzella in der Folge für weitere vier Jahre wählen können. So das übliche Vorgehen, wie es sich bei früheren Präsidenten abgespielt hatte.

Aus ETH-Kreisen war jedoch vor dem Treffen zu vernehmen, dass das Traktandum Guzzella gestrichen worden sei. Man wolle erst die Untersuchungsresultate zum Mobbingfall abwarten, sagt ein weiterer Professor, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Der Druck auf Guzzella ist zu gross geworden.» Vielleicht sei die Verzichtserklärung auch das Resultat einer Absprache zwischen dem ETH-Rat und Guzzella.

Weitere Mobbingfälle

Die Mobbingaffäre hatte schwerwiegende Folgen für den internen Betrieb der Hochschule: Zwei Untersuchungsverfahren wurden eingeleitet, und das Institut für Astronomie wurde aufgelöst. Für zahlreiche Doktoranden musste kurzfristig eine neue Lösung gefunden werden. Dies wurde stets als Einzelfall wahrgenommen. Recherchen dieser Zeitung brachten letzte Woche zutage, dass gegenwärtig noch weitere Untersuchungsverfahren gegen Professoren laufen – eines davon im Maschinenbaudepartement. Gemäss gut unterrichteter Quellen seien die Mobbingfälle jedoch nicht der eigentliche Grund, weshalb Guzzella intern unter Druck geraten ist.

Zumal es gemäss aktuellen Studien an vielen grösseren Hochschulen Professoren gibt, die ihre Macht gegenüber Studierenden missbrauchen. Entscheidend sei gewesen, wie Guzzella im Fall der italienischen Professorin vorgegangen sei, sagt ein Professor. Von Vertuschung und intransparentem Handeln ist die Rede.

Lino Guzzella tritt überraschend als Präsident der ETH Zürich ab. Foto: Noë Flum (13 Photo)

Zu Guzzellas Kritikern gehört der emeritierte Professor Wilfried van Gunsteren. Der 70-Jährige war bis im vergangenen März Ombudsmann an der ETH, ehe ihm eine weitere Amtszeit von der Schulleitung verwehrt wurde. Van Gunsteren war damals dafür verantwortlich, dass die Vorfälle am ehemaligen Institut für Astronomie überhaupt extern untersucht werden. «Guzzella wollte dies zunächst verhindern», sagt Van Guns­teren. Stattdessen habe er der Professorin einen «geheimen Deal» unterbreitet. Dieser habe vorgesehen, dass sie nach dem Sabbatical ihre Lehrtätigkeit an der ETH wieder aufnehmen dürfe. «Für mich war damit die rote Linie überschritten», sagt Van Gunsteren. Guzzella habe ihm zudem die Einsicht in Dokumente verwehrt. Die ETH-Medienstelle bestreitet derweil, dass es zu einer geheimen Absprache zwischen Guzzella und der mutmasslich fehlbaren Professorin gekommen sei.


Neue Mobbingfälle setzen ETH unter Druck Jeder vierte Doktorand der Hochschule beklagt Machtmissbrauch durch Professoren. Wie reagiert die ETH? (Abo+)


Langjährige Beschwerden

Fakt ist jedoch: Guzzella hatte sich persönlich für einen Verbleib der Professorin an der ETH ausgesprochen. Dies geht aus einem Brief hervor, den er am 30. Juni 2017 an verschiedene Entscheidungsträger schrieb: Die Professorin werde ab sofort ein sechsmonatiges Sabbatical antreten und anschliessend per Frühjahrssemester 2018 ihre Lehrtätigkeit wieder aufnehmen. Laut Van Guns­teren gab es jedoch seit Jahren zahlreiche Beschwerden wegen der Astronomieprofessorin. Erst durch mehrfaches Intervenieren der Ombudsstelle wurde der übergeordnete ETH-Rat aktiv. Er verfügte, dass der ETH-Präsidenten im Oktober 2017 eine Administrativuntersuchung einleiten sollte. Die Resultate werden bis spätestens Juni erwartet.

Unabhängig vom Resultat, das herauskommt: Lino Guzzella hat seinen Hut als ETH-Präsident frühzeitig genommen. Für seine Verdienste an der ETH erhält er nun zu Recht viel Applaus. Professoren, die mutmasslich ihre Macht missbrauchen, würde er wohl künftig anders begegnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2018, 06:21 Uhr

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