Verwirrende Situation für Ägypten-Reisende

Wegen Sicherheitsbedenken fliegen einige Airlines momentan nicht nach Kairo – die Swiss aber schon. Was steckt dahinter?

Es gibt Sicherheitsfragen, die nicht einfach mit «richtig» oder «falsch» zu taxieren sind – momentan gilt das gerade für Ägypten. Foto: Keystone

Es gibt Sicherheitsfragen, die nicht einfach mit «richtig» oder «falsch» zu taxieren sind – momentan gilt das gerade für Ägypten. Foto: Keystone

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Wie gross ist die Gefahr für Ägypten-Reisende, Opfer eines Terroranschlags zu werden? Die Lage präsentiert sich seit Samstag für Touristen und Geschäftsreisende unübersichtlich. Die Gründe: British Airways (BA) kündigte am 20. Juli an, ihre Flüge nach Kairo für mindestens sieben Tage auszusetzen. Die Sicherheit der Passagiere und der Crewmitglieder hätten oberste Priorität.

Die deutsche Lufthansa, die Muttergesellschaft der Swiss, hatte ihre Flüge in die ägyptische Hauptstadt am Samstag derweil ohne nähere Angaben vorübergehend ebenfalls gestrichen. Bereits am Tag darauf flog die Lufthansa Kairo aber wieder normal an. Alle anderen, darunter auch die Swiss, flogen und fliegen ihre Destinationen in Ägypten unvermindert an – auch ausserhalb Kairos.

Vorwurf, dass Entscheid politisch motiviert sei

Die Unsicherheiten unter Ferienreisenden nach Ägypten wuchsen seither, auch bei Schweizer Passagieren, wie diverse Medienberichte der letzten Tage zeigen. Nicht gerade zur Beruhigung geeignet waren in diesem Zusammenhang Aussagen ägyptischer Verwaltungsangestellter. Gemäss der ägyptischen Luftfahrtbehörde sind die Entscheidungen der Fluggesellschaften Lufthansa und British Airways, Flüge nach Kairo auszusetzen, politisch motiviert. «Alle ägyptischen Flughäfen sind gut gesichert. Die Sicherheit dort übersteigt die normalen Vorschriften», sagte der Vorsitzende des Luftfahrtamts, Sami al-Hifnawi.

British Airways (BA) kündigte am 20. Juli an, ihre Flüge nach Kairo für mindestens sieben Tage auszusetzen. Foto: Keystone

Die Unterbrechungen hätten nichts mit der Luftfahrt zu tun, sondern politische Hintergründe, sagte er einem Ableger des saudischen TV-Senders MBC. Damit sagte er, zugespitzt übersetzt, die Streichung von Flügen von British Airways und vorübergehend auch von Lufthansa hätten nichts mit der Sicherheit zu tun; jemand (wer auch immer) wolle Ägypten politisch schaden. Ob dies die Motivation für gestrichene Flüge der Sicherheitsverantwortlichen in Deutschland und Grossbritannien war, darf allein schon angesichts hoher Verluste durch abgesagte Flüge mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Nachrichtendienstliche Erkenntnisse

Dem Vorwurf politischer Motive stehen auch informelle Aussagen aus nachrichtendienstlichen Kreisen entgegen, die diese Zeitung in Erfahrung gebracht hat. Demnach existiert eine konkrete, also eine nachrichtendienstlich akzentuierte Bedrohungslage. Die Gefahr besteht demnach für gewisse grosse Airlines, namentlich auch für British Airways. Die Reaktion der Fluggesellschaft, Flüge nach Kairo über mehrere Tage auszusetzen, lässt diese Erläuterung plausibel erscheinen. Im Vordergrund stehen aus nachrichtendienstlicher Sicht daher mögliche Anschläge gegen einzelne Flugzeuge, die sich in der Luft befinden.

Eine Rekonstruktion des Nachrichtenflusses zeigt sodann: An dessen Ursprung steht ein grosser westlicher Geheimdienst, vermutlich aus den USA, aus Israel oder aus Grossbritannien selbst. Via International Air Transport Association (Iata), der internationalen Dachorganisation der Linienfluggesellschaften mit Sitz in Genf, und via Europäischer Agentur für Flugsicherheit (Easa) erreichte die Nachricht auch die Schweiz. In diesen Informationsstrang involviert ist auf Stufe Schweiz massgeblich auch das Bazl, das Bundesamt für Zivilluftfahrt.

Bazl-Informationschef Urs Holderegger bestätigt: «Grundlage für Terrorwarnungen sind in der Regel nachrichtendienstliche Erkenntnisse, deren Quellen aber nicht immer eruierbar sind und die sich häufig auch nur auf die Ursprungsländer beziehen. Insofern können sich Terrorwarnungen spezifisch nur auf eines oder auf mehrere bestimmte Länder beziehen.»

Das Bazl sei für Security-Fragen international stark vernetzt, führt Holderegger weiter aus. «Gibt es Grund zur Annahme, dass eine Warnung die Zivilluftfahrt als Ganzes betrifft, nimmt das Bazl eigene Sicherheitsbeurteilungen vor, die mit der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa), weiteren internationalen Organisationen und Schweizer Behörden wie Fedpol und dem Nachrichtendienst des Bundes abgestimmt sind.»

Die Swiss fliegt weiterhin

Im aktuellen Zusammenhang vielsagend und bezüglich allgemeiner Sicherheitslage bemerkenswert ist die ergänzende Aussage Holdereggers, grundsätzlich könne das Bazl für nationale Airlines Sicherheitsempfehlungen und sogar Flugverbote aussprechen, «wenn es klare Indizien gibt, dass nur Schweizer Airlines von einer Terrorwarnung betroffen sind».

Die Swiss hat keine Flüge nach Kairo gestrichen. Foto: Keystone

Für die aktuelle Sicherheitslage für Swiss-Reisende nach Ägypten heisst dies im Umkehrschluss also, dass diese Extremsituation für Schweizer Fluganbieter, gemäss aktuellen nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, nicht besteht. Dazu passt auch die Stellungnahme der Swiss. «Wir haben keine Flüge nach Kairo gestrichen, die Flüge nach Kairo werden planmässig durchgeführt», sagt Swiss-Mediensprecherin Sonja Ptassek.

«Dies nachdem unsere Sicherheitsabteilung die Sicherheitslage in Kairo zusammen mit den anderen Sicherheitsabteilungen der Lufthansa Group sowie den zuständigen Behörden eingehend geprüft und entschieden hat, dass es aktuell keinen Grund für die Einschränkung der Flüge nach Kairo gibt.» Die Swiss beobachte die Situation vor Ort laufend. «Sollte sich an der aktuellen Lage etwas ändern, werden wir entsprechende Massnahmen ergreifen.» Die Sicherheit von Passagieren und Crews hätten für die Swiss immer höchste Priorität.

In der Zwickmühle

Nicht zu vergessen sind, trotz aller Sicherheitsmassnahmen durch Schweizer Institutionen, die aktuellen Reisehinweise aus dem Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA). Dieses hält fest, dass in Ägypten trotz erhöhter Sicherheitsmassnahmen das Risiko von Terroranschlägen jederzeit und im ganzen Land bestehe. Das schliesse auch die Badeorte mit ein. Das EDA erinnert daran, dass wiederholt Anschläge verübt worden seien, bei denen auch Touristen starben oder verletzt wurden.

Bleibt schliesslich die individuelle Frage, ob man nun trotz teils günstiger Preise auf Ägypten-Ferien verzichten soll. Sucht man die Antwort nicht allein auf der persönlichen Sicherheitsebene, sondern auf der strategischen, ergibt sich eine Zwickmühle.

Es bleibt die individuelle Frage, ob man nun trotz teils günstiger Preise auf Ägypten-Ferien verzichten soll. Foto: Keystone

Wer Ferien im Land der Pharaonen macht, unterstützt wirtschaftlich das Regime des heutigen Präsidenten und ehemaligen Feldmarschalls Abdel Fattah al-Sisi, der Zehntausende Menschen als politische Gefangene hält; Sisi, ein Mann, der Ägypten die erhoffte Demokratisierung nicht gebracht hat. Wer demgegenüber auf seine Ägypten-Ferien aus Angst vor Terror verzichtet, hilft indirekt jenen, deren Ziel es ist, den Wirtschaftszweig Tourismus durch Terrordrohung und Anschläge in die Knie zu zwingen. Es gibt Sicherheitsfragen, die nicht einfach mit «richtig» oder «falsch» zu taxieren sind.

Erstellt: 23.07.2019, 20:36 Uhr

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