«Die heutige Lösung treibt Arbeitslose in die Altersarmut»

Ergänzungsleistungen statt Sozialhilfe für Arbeitslose über 55 Jahren. Das fordert die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe. Warum, erklärt ihr Co-Präsident.

Arbeitslose über 55 Jahren haben mehr Mühe, wieder eine Stelle zu finden als Jüngere.

Arbeitslose über 55 Jahren haben mehr Mühe, wieder eine Stelle zu finden als Jüngere. Bild: Keystone

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Herr Wolffers, Sie fordern, dass ältere Arbeitslose Ergänzungsleistungen statt Sozialhilfe erhalten. Was bringt das den Betroffenen?
Wir haben zwei Pläne: Plan A sieht vor, dass ältere Arbeitslose auch dann noch von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren, den RAV, betreut werden, wenn sie ausgesteuert worden sind. Dank dieser Unterstützung finden manche wieder Arbeit. Gelingt dies nicht, kommt Plan B zum Zug: Ausgesteuerte erhalten Ergänzungsleistungen statt Sozialhilfe. So sind sie finanziell bessergestellt und müssen ihr Erspartes nicht fast vollständig abbauen; bevor eine Einzelperson Sozialhilfe erhält, muss sie ihr Vermögen bis auf 4000 Franken aufbrauchen, bei den Ergänzungsleistungen ist dieser Wert deutlich höher. Unser Vorschlag zielt somit nicht darauf, Ausgesteuerte früh zu berenten, sondern vielmehr, sie wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern.

So muss jemand fast alles aufbrauchen, was er sich in seinem Leben angespart hat.
Ja, das ist deprimierend für die Betroffenen. Selbst wenn man bescheiden lebt, ist auch ein Vermögen von 250’000 Franken schnell aufgebraucht. Wir wollen mit unserem Vorschlag erreichen, dass ältere Arbeitslose würdig behandelt werden. Mit der heutigen Lösung hingegen treibt man Langzeitarbeitslose richtiggehend in die Altersarmut.

Weshalb?
Sozialhilfebezüger werden verpflichtet, vorzeitig AHV zu beziehen. Deshalb erhalten sie im Alter eine viel kleinere Rente und sind auf Ergänzungsleistungen angewiesen.

Sind mehr Ältere arbeitslos als Junge?
Nein. Aber wenn über 55-Jährige einmal arbeitslos sind, haben sie mehr Mühe als Junge, wieder eine Stelle zu finden. Schaffen sie es nicht, werden sie ausgesteuert – und dann beginnt der soziale Abstieg. Nur jede siebte ausgesteuerte Person ab 55 findet wieder eine Stelle mit einem existenzsichernden Einkommen. Das ist unbegreiflich.

Ist die Situation für Ältere schwieriger geworden?
Ja. Allein zwischen 2010 und 2016 ist die Zahl der über 55-Jährigen in der Sozialhilfe um 50 Prozent gestiegen. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs: Viele Ausgesteuerte müssen nur deshalb nicht auf das Sozialamt gehen, weil es ihnen die familiäre Situation erlaubt oder weil sie genug Erspartes haben. Es sind deutlich mehr Personen ausgesteuert worden, als es die Sozialhilfezahlen vermuten lassen. Das ist das Beunruhigende.

Ist es für ältere Arbeitslose in der Schweiz im Vergleich zur EU schwieriger, eine Stelle zu finden?
Davon kann man ausgehen: In der Schweiz waren in der Gruppe der über 55-jährigen Arbeitslosen 59 Prozent länger als 2 Jahre arbeitslos. In den Ländern der OECD lag dieser Wert lediglich bei 47 Prozent. Diese Zahlen sind ein klarer Hinweis dafür, wie der Arbeitsmarkt mit älteren Arbeitnehmern umgeht.

Dann stünden eigentlich die Arbeitgeber in der Pflicht.
Ja. Sie haben dank der Personenfreizügigkeit oft die Wahl zwischen jüngeren und älteren Arbeitnehmern und entscheiden sich nicht selten für die Jüngeren. Sie meinen, diese seien leistungsfähiger. Gleichzeitig sehen sie die Qualifikationen der älteren Arbeitnehmer zu wenig. So sind unter den ausgesteuerten Arbeitslosen auch überdurchschnittlich viele Gutqualifizierte.

Wie schätzen Sie die Chancen Ihres Vorschlags im bürgerlich dominierten Parlament ein?
Das Staatssekretariat für Wirtschaft, das Seco, reagierte zurückhaltend, um nicht zu sagen ablehnend auf unseren Vorschlag. Aber obwohl das Problem der älteren Arbeitslosen schon länger auf der politischen Agenda steht, ist unser Vorschlag bis heute der einzige. Er ist solid, kostengünstig und rasch umsetzbar. Wir spielen damit dem Parlament einen Steilpass zu – das Tor steht weit offen.

Erstellt: 05.11.2018, 18:14 Uhr

Felix Wolffers ist Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe und Leiter des Sozialamts der Stadt Bern. (Bild: Keystone )

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