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Kurz vor dem Ziel kam der Kältetod

Der Walliser Bergführer Pierre Mathey zum Drama am Pigne d'Arolla und was gegen Hypothermie hilft.

Sieben Berggänger, die zu einer auf 3157 Metern liegenden Hütte im Wallis aufgebrochen sind, sind tot: Die Vignettes-Hütte ist eine der Stationen auf der Haute Route Chamonix–Zermatt.
Sieben Berggänger, die zu einer auf 3157 Metern liegenden Hütte im Wallis aufgebrochen sind, sind tot: Die Vignettes-Hütte ist eine der Stationen auf der Haute Route Chamonix–Zermatt.
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Die Alpinisten konnten nicht zur auf 3157 Metern über Meer liegenden Hütte zwischen der Pigne d'Arolla und dem Mont Collon gelangen und verbrachten die Nacht im Freien.
Die Alpinisten konnten nicht zur auf 3157 Metern über Meer liegenden Hütte zwischen der Pigne d'Arolla und dem Mont Collon gelangen und verbrachten die Nacht im Freien.
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Weiteres Drama in den Alpen: Bei den Opfern am Mönch handelt es sich um einen 21-jährigen Mann aus dem Kanton Bern und um einen 22-jährigen Mann aus dem Kanton Basel-Landschaft.
Weiteres Drama in den Alpen: Bei den Opfern am Mönch handelt es sich um einen 21-jährigen Mann aus dem Kanton Bern und um einen 22-jährigen Mann aus dem Kanton Basel-Landschaft.
Gaëtan Bally, Keystone
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Der Sonntag hat windig, aber sonnig und bei klarer Sicht begonnen. Dies berichtet ein Skitourengänger, der im Gebiet unterwegs war, in dem nur wenig später mehrere Personen den Tod fanden. Um 10.30 Uhr habe das Wetter dann ziemlich plötzlich umgeschlagen. Der Föhn brach - wie im Wetterbulletin vorausgesagt - zusammen. Er selber konnte ohne Probleme ins Tal abfahren.

Anderen gelang das nicht mehr. Acht erfroren im Wallis und im Berner Oberland wegen des Wetterumsturzes, für eine Person endete ein Lawinenunglück tödlich. So viele Tote in so kurzer Zeit waren zuletzt im Lawinenwinter von 1999 in den Schweizer Bergen zu beklagen, als unweit des Unglücksschauplatzes vom Sonntag eine Lawine bei Evolène zwölf Personen in den Tod gerissen hatte.

Am Sonntag mussten Nebel, Wind und Schneetreiben zwei Gruppen von insgesamt vierzehn Skitourengängern an der Pigne d'Arolla derart behindert haben, dass sie nur wenige Hundert Meter von ihrem Ziel entfernt stecken blieben. Bei schönem Wetter hätten sie die auf 3160 Meter über Meer gelegene Cabane des Vignettes sehen können und wären innert weniger Minuten dort gewesen. So aber erlitten sie auf einer Höhe von 3270 Metern in frostiger Nacht bei Temperaturen zwischen minus fünf und minus zehn Grad bei starkem Wind lebensgefährliche Unterkühlungen. An deren Folgen starben fünf Personen. Gestern befanden sich drei weitere laut Kantonspolizei Wallis immer noch in kritischem Zustand.

Verkettung unglücklicher Umstände

Eine der beiden blockierten Gruppen wurde durch einen 59-jährigen italienischen Bergführer geleitet. Dieser versuchte offenbar noch vor Einbruch der Dunkelheit, den Weg zur Hütte zu finden. Dabei stürzte er ab. Ob er dabei starb oder später erfror, konnte die Polizei nicht sagen.

Auf sich allein gestellt, suchten die restlichen Gruppenmitglieder Schutz bei Felsen. Da der Wind an dieser Stelle am Berg den Schnee wegbläst, konnten sie sich nicht eingraben, wie der Walliser Pierre Mathey vermutet. Er ist Geschäftsführer des Schweizer Bergführerverbands und kennt die Verhältnisse vor Ort. Anders als mit einer Verkettung unglücklicher Umstände kann er sich das Drama nicht erklären. Einer davon ist, dass ausgerechnet dort ein Funkloch besteht. Der Bergführer konnte trotz Funkgerät niemanden erreichen.

Nur Bewegung hilft

Der 52-jährige Mathey ist seit 25 Jahren Bergführer. An einen derart folgenschweren Verlauf einer unfreiwilligen Übernachtung im Freien kann er sich nicht erinnern. Ein Überlebender, ein 50-jähriger Architekt aus Mailand, berichtete gegenüber der Zeitung «Corriere della Sera», wie er die Nacht überstand. Er habe sich unablässig bewegt und auch die anderen dazu animiert. Doch es sei stockdunkel gewesen. Er habe kaum Kontakt zu den anderen halten können.

Der Mann habe sich genau richtig verhalten, sagt Mathey. Wenn man sich nicht gegen eine Unterkühlung schützen könne, helfe nur Bewegung gegen Hypothermie. Nicht jeder Mensch habe aber dieselbe Widerstandskraft. Wer ermüde und sich der Kälte hingebe, fühle am Ende nicht einmal mehr den Schmerz und schlafe ein.

Die Gruppe konnte erst am nächsten Morgen mit Hilferufen zwei bereits von der Cabane des Vignettes aufgebrochene Skitourenläufer auf sich aufmerksam machen. Diese kehrten um. Der Hüttenwart alarmierte darauf gemäss Angaben der Polizei um 6.30 Uhr die Rettungsdienste. Mit sieben Helikoptern der Air Glacier, der Air Zermatt und der Rega wurden die stark unterkühlten, teilweise bewusstlosen Berggänger geborgen. Eine Person, der Bergführer, war laut Polizeicommuniqué bereits tot. Die anderen wurden auf verschiedene Spitäler verteilt. Für fünf Personen kam die Hilfe zu spät.

Wieso niemand bereits am Abend das Ausbleiben der Skitourengruppe bemerkte, konnte Markus Rieder, Sprecher der Kantonspolizei Wallis, nicht sagen. Den genauen Hergang des Unglücks untersuche der Staatsanwalt. In der Schutzhütte Les Vignettes war gestern niemand für eine Auskunft erreichbar.

Rechtzeitiger Aufbruch

Offenbar wollte zumindest die Zehnergruppe des nun verstorbenen Bergführers aber eigentlich gar nicht dorthin. Das ursprüngliche Ziel sei die italienische Schutzhütte Nacamuli gewesen. Dorthin wollten die Tourengänger nach dem Erreichen des Gipfels laut «Le Nouvelliste» abfahren. Wegen des Wetters änderten sie die Pläne.

Was die Vierergruppe vorhatte, ist unklar. Polizeisprecher Rieder mochte sich zu diesen Mutmassungen nicht äussern. Er bestätigte einzig, dass beide Gruppen rechtzeitig aus der Cabane des Dix, dem Ausgangspunkt der Skitour, aufgebrochen seien.

Bei den sechs Todesopfern am Pigne d'Arolla handelt es sich laut Polizeiangaben um den Bergführer, zwei italienische Ehepaare im Alter von 45 und 53 Jahren und eine 52-jährige Bulgarin. Sie verstarb gestern. Unter den drei Personen in kritischem Zustand befindet sich ein 72-jähriger Schweizer.

Am Mönch konnten ein 21-Jähriger aus dem Kanton Bern und ein 22-Jähriger aus dem Kanton Baselland nur noch tot geborgen werden. Das Lawinenopfer oberhalb von Saas-Fee ist ein 49-jähriger Franzose. Er starb auf dem Weg ins Spital. Seine Partnerin wurde verletzt.

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