Ein Dorf ist seinem Feuerteufel auf den Fersen

Fünf Brände in einer Woche, nur mit viel Glück wurde niemand verletzt. Merenschwand im Aargau ist im Ausnahmezustand.

In der Nacht auf Sonntag, 1. Dezember, wurde das älteste Haus von Merenschwand in Schutt und Asche gelegt. Foto: Andrea Weibel (Aargauer Zeitung)

In der Nacht auf Sonntag, 1. Dezember, wurde das älteste Haus von Merenschwand in Schutt und Asche gelegt. Foto: Andrea Weibel (Aargauer Zeitung)

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Ist er es? Hat Roman, den hier alle kennen, Häuser angezündet, in denen ­Menschen schliefen? Die Frage, ob der 37-jährige Merenschwander der von allen gesuchte Brandstifter ist, treibt derzeit das ganze Freiamt um. Sie alle haben das Video gesehen. Mit dem Vater des Verdächtigen.

Es prägt den Schwatz an der Kasse im Volg, am Stammtisch im Schwanen und in einem Whatsapp-Chat, der seit Tagen heiss läuft. Einige Bewohner der Dorfmitte sprachen dort bereits von nächtlichen Patrouillengängen. Merenschwand stand kurz vor der Errichtung einer Bürgerwehr. Ein Dorf im Ausnahmezustand.

Und jetzt dieses Video. Darin löchert ein «Blick»-Reporter den Vater des Verdächtigen mit Fragen, spricht den Rentner immer wieder auf die Taten an, will mehr zu den Motiven wissen. Es scheint klar: Roman war es. Er hatte es einem 22-Jährigen nachmachen wollen, der im Sommer bereits die Waldhütte und anderes im Dorf angezündet hatte (siehe Box). Das glaubt auch der Vater.

Ein Name – aber kein ganzes Geständnis

Bei den Bränden im Dezember sind nur mit viel Glück keine Menschen zu Schaden gekommen. Ein Wohnhaus, das älteste von ganz Merenschwand, war in der Nacht auf den 1. Dezember komplett niedergebrannt. Eine junge Familie hat ihr ganzes Hab und Gut verloren.

Um fünf Uhr morgens kam der Alarm, die Bewohner konnten sich retten. Foto: Kantonspolizei Aargau

Es war der grosse Auftakt zu einer ganzen Serie von Bränden. Im Video sagt der Vater dazu: «Es tut mir unendlich leid.» Zum Abschluss weint er. Die Kamera hält drauf.

Roman! Endlich ein Name für die geplagten 3500 Bewohner von Merenschwand. Nach all diesen Tagen der Ungewissheit, der Angst. Nur: Am Dienstag, nach drei Tagen U-Haft, gibts noch immer kein Geständnis vom letztverbliebenen Verdächtigen. (Update am Mittwochmorgen 10:30 Uhr: Der 37-Jährige gesteht einen Teil der Taten. )Neun andere sind schon längst wieder auf freiem Fuss. Die Sondereinheit der Polizei hatte breit ermittelt. Derzeit ist aber nichts offiziell. Die Aargauer Staatsanwaltschaft gibt auf Anfrage aus ermittlungstaktischen Gründen keine Auskunft.

Dabei sehnt sich das Dorf so sehr nach Gewissheit. «Wir brauchen Ruhe – endlich», sagt Patrick Fischer. Er ist Bauer und Kommandant der Feuerwehr. Seit dem ersten Brand in dieser zweiten Serie ist Patrick Fischer im Dauereinsatz. Es gab Nächte, da ging er morgens direkt von der Feuerwache in den Stall zu seinen 30 Kühen und 100 Säuli.

«Einmal wollten wir gerade unsere Helme versorgen, als der Alarm wieder losging.»Patrick Fischer, Feuerwehrkommandant

Mehrmals hat Fischer mit fünf Kollegen im Feuerwehrmagazin am Dorfrand übernachtet. Dort hat er auf das nächste SMS aus der Alarmzentrale in Aarau gewartet. «Brand gross», hiess es dann. Fünf Feuer innerhalb von sieben Tagen mussten Fischer und seine 89 auf Abruf stehenden Kolleginnen und Kollegen der freiwilligen Feuerwehr löschen. «Es war dramatisch. Einmal wollten wir im Magazin gerade unsere Helme versorgen, als der Alarm wieder losging.»

Beim Kirchplatz brannte erst eine Bank, kurz darauf musste die Feuerwehr zu einem ehemaligen Stall ausrücken. Foto: Kantonspolizei Aargau

Fischer musste niemandem seiner Freiwilligen sagen, dass ein feuchtfröhlicher Ausgang im nahen Zug oder gar Zürich derzeit ungünstig sei. «Alle blieben bereit, wollten helfen.» Und doch war da immer auch dieser Gedanke, schwarz und ätzend. Ist es einer von uns?

Patrick Fischer zögert kurz, bevor er antwortet. «Natürlich haben wir in der Kommandozentrale darüber geredet. Man weiss ja, dass Brandstifter immer wieder auch in den Reihen der Feuerwehr zu finden sind, aber ...»

Er wischt den Gedanken mit seinen Händen beiseite. Für ihn, den Feuerwehrmann, wäre es zu verstörend. Und Fischer muss ja immer noch funktionieren. Vor allem jetzt, in diesen Tagen. Der Fall ist noch nicht geklärt und die Feuerwehr Merenschwand-Benzenschwil noch immer in höchster Alarmbereitschaft.

«Das Dorf, die Nähe, wissen Sie?»

Ist es einer von uns? Diese Frage. Sie quält Merenschwand. Immer und immer wird sie auch von einem Mann vorne im Dorf gestellt. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. «Das Dorf, die Nähe, wissen Sie?» Aber er will seine Geschichte erzählen. Sein Gesicht spricht Bände. Die Nächte sind schlecht, er bewohnt derzeit ein Zimmer. Seine Wohnung hat er seit Tagen nicht betreten können. Die Spurensicherung hat sie noch nicht freigegeben. Denn der Mann ist eines der Opfer des Brandstifters.

Unterhalb seiner Wohnung war ­Feuer ausgebrochen. Die Winterreifen brannten. «Hätte der Raum keine Betondecke, alles wäre jetzt weg.» Wie viel aber von seinen Habseligkeiten noch zu retten ist, weiss er nicht. Er nimmt an, dass durch den Rauch, der durch die Spalten hinaufgezogen ist, vieles unbrauchbar geworden ist. Vor allem die Kleider, die Teppiche, Sofas.

Vieles bleibt derzeit unausgesprochen, Verdächtigungen werden geflüstert.

Der Mann kann aber auf die Hilfe seiner Nachbarn zählen. Im Dorf, bekannt durch seine prominente Bürgerin, Alt-Bundesrätin Doris Leuthard, rückt man in diesen Tagen zusammen. So erhielt die Familie, die alles verlor, noch in der Nacht des Brandes unaufgefordert Unterstützung vieler Bewohner. Sie füllten die leere Gemeindewohnung innert Stunden mit dem Nötigsten.

Aber auch hier. Vieles bleibt derzeit in den verkehrsberuhigten Strassen mit den Einfamilienhäusern unausgesprochen, Verdächtigungen werden geflüstert. Nitroverdünner sei gefunden worden, an einem anderen Ort ein Benzinkanister. Und eines ist offenkundig: Der Brandstifter verfügt über sehr gute Ortskenntnisse, kennt die Türen, Wege und Zugänge.

Es ist einer von uns.

Vor dieser Antwort fürchten sich nicht wenige in Merenschwand. Es würde das Selbstverständnis des Dorfes, das in den letzten Jahren vom Zuzug vieler Pendler geprägt wurde, erschüttern. Denn Merenschwand, längst auch Schlafstadt, versteht sich noch immer als Gemeinschaft. Die Vereine, die Dorfmusik, der FC sind lebendig. Die Fasnacht auch. Im Schwanen, dem tadellosen Landgasthof und Treffpunkt aller, grüsst man sich noch in die Runde. Jeder kennt jeden. Und nun hat einer aus ihrer Mitte Feuer gelegt, überall im Dorf.

Am Mittwoch will die Staatsanwaltschaft Aargau informieren. Über den Stand der Ermittlungen. Und über Roman, den in Untersuchungshaft sitzenden Verdächtigen. Egal was die Behörden mitteilen werden, Merenschwand wird seine Zeit brauchen, um zurück in die Normalität zu finden. Das Dorf ist durchs Feuer gegangen.

Erstellt: 11.12.2019, 08:12 Uhr

Chronologie der Brandstiftungen

August 2019 – 1. Serie


  • Waldhütte, Büro, Thujahecke, Aussenbereich einer Kistenfabrik. Brandstiftung. Der Sachschaden: weit über 100'000 Franken. Ein junges Paar, kürzlich zugezogen, wird überführt. Es verwendete Anzündwolle.


Dezember 2019 – 2. Serie

  • 1.12. Ein 300-jähriges Bauernhaus mitten im Dorf brennt frühmorgens komplett nieder. Die Familie kann sich im letzten Moment retten, verliert aber alles.

  • 2.12. Eine Holzbank auf dem Kirchplatz steht in Flammen. Dahinter befinden sich eine Holzbeige und ein Holzhaus.

  • In der gleichen Nacht brennt auch ein Schöpfli in unmittelbarer Nähe. Die Feuerwehr kann einen Grossbrand verhindern.

  • Der überführte Täter der ersten Serie wird festgenommen. Er kann seine Unschuld mittels GPS-Daten beweisen. Er war zum Tatzeitpunkt nicht im Kanton.

  • 6.12. An zwei Stellen brennt es an einem Wohnhaus, zudem in einer Tiefgarage. Eine Grosskontrolle der Polizei führt zu zehn Verhaftungen. Ein Verdächtiger bleibt in U-Haft.

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