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Umfrage im Auftrag des BAGSchweizer wollen Masken im Zug, aber nicht im Büro

Wie blitzschnell sich die Einstellung der Bevölkerung zum Maskentragen wandelt, zeigt eine Erhebung im Auftrag des BAG. Eine Mehrheit befürwortet ein Obligatorium im öffentlichen Verkehr.

Die Akzeptanz von Schutzmasken unterscheidet sich je nach Lebensbereich , wie eine aktuelle Analyse zeigt.
Die Akzeptanz von Schutzmasken unterscheidet sich je nach Lebensbereich , wie eine aktuelle Analyse zeigt.
Foto: RETO OESCHGER

Sie ist seit Wochen eine der dominierenden Fragen im Corona-Diskurs: Soll man Schutzmasken tragen? Müsste man sogar? Und wenn ja: Wo?

Nachdem sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in einer ersten Phase betont defensiv gezeigt und gesunden Menschen vom Maskentragen abgeraten hatte, wurde in den vergangenen Tagen eine Verschiebung bemerkbar: Mit der Lockerung der Lockdown-Massnahmen tauchte die Maskenpflicht in immer mehr Schutzkonzepten auf. Coiffeure können Kunden, die keine Maske tragen, den Haarschnitt verweigern und auch im öffentlichen Verkehr empfiehlt der Bund zu Stosszeiten neuerdings offiziell einen Mund-Nasen-Schutz.

In einer Spezialauswertung haben die Forschungsinstitute Demoscope und Sotomo im Auftrag des BAG nun untersucht, wie es um die Akzeptanz von Schutzmasken in der Bevölkerung steht. Die repräsentative Befragung mache deutlich, «dass hierzulande differenzierte und pragmatische Einstellungen zur Hygienemaske bestehen», schreibt Analyst Michael Hermann.

Obligatorium im ÖV und bei Coiffeuren befürwortet

Zwar gab zum Zeitpunkt der Befragung am 20. April also eine Woche vor der ersten Lockerungsetappe erst eine Minderheit von 16 Prozent an, im öffentlichen Raum immer oder teilweise Masken zu tragen. Allerdings findet es eine Mehrheit richtig, wenn die Masken in bestimmten Lebensbereichen vorgeschrieben werden.

So sprechen sich satte 87 Prozent dafür aus, dass Masken von Anbietern persönlicher Dienstleistungen wie Coiffeuren oder Physiotherapeuten getragen werden müssen, bei denen die Mindestabstände nicht eingehalten werden können. 76 Prozent finden, dass das Maskenobligatorium in diesen Situationen auch für die Kundinnen und Kunden gelten solle.

Auch im öffentlichen Verkehr stösst eine generelle Maskenpflicht auf Zustimmung. «Dieses Ergebnis passt ins Gesamtbild. Schliesslich lebt ein funktionierender ÖV davon, dass viele Leute, die sich nicht kennen, über längere Zeit räumlich nahe sind», heisst es in der Studie.

Quelle: Spezialauswertung Hygienemasken im Kontext des neuen Coronavirus, Sotomo im Auftrag des BAG
Quelle: Spezialauswertung Hygienemasken im Kontext des neuen Coronavirus, Sotomo im Auftrag des BAG

Für Einkaufsläden beantwortet die Frage nach der Notwendigkeit einer Maskenpflicht noch eine knappe relative Mehrheit mit Ja oder eher Ja. Am Arbeitsplatz oder an Orten, wo die Mindestabstände eingehalten werden können, finden dies die meisten Befragten jedoch unnötig. Ebenso wie an Schulen und anderen Ausbildungsstätten.

Dies deckt sich mit der Einschätzung von Silvia Steiner, der obersten Bildungsdirektorin der Schweiz. Im Interview mit dieser Zeitung sagte sie, die Eltern könnten ihren Sprösslingen zwar Hygienemasken mitgeben, wenn der Präsenzunterricht am 11. Mai wieder beginnt: Ob die Kinder sie auch tragen, sei jedoch eine andere Frage. «Die Haupterkenntnis wäre am Ende des Tages wohl, welches Kind die Maske am weitesten spicken kann», so die Zürcher Regierungsrätin augenzwinkernd.

Knappheit als Hauptargument gegen Masken

Die Autoren der Auswertung betonen, wie dynamisch sich die Haltung der Bevölkerung in solchen Fragen entwickelt. Das Tragen von Hygienemasken sei stark durch Normvorstellungen geprägt, sagt Sotomo-Geschäftsführer Hermann. «Mit der zunehmenden Verbreitung an einem Ort verändert sich auch die Einschätzung darüber, was angezeigt ist.» Dies zeige sich etwa im Tessin exemplarisch, wo die Maskendichte und damit auch die Akzeptanz deutlich höher ist als im Rest der Schweiz.

Menschen, die dem Tragen von Masken skeptisch gegenüberstehen, geben dafür unterschiedliche Gründe an. An erster Stelle steht das Argument, die Masken seien nur schwer erhältlich. Häufig genannt wird auch die Befürchtung, dass dem medizinischen Personal Masken fehlen würden, wenn die breite Bevölkerung damit ausgerüstet werden müsste. Und schliesslich erachten einige Befragte den Kauf der Masken als zu teuer. «Durch die verbesserte und kostengünstigere Zugänglichkeit im Detailhandel dürfte sich diese Wahrnehmung womöglich rasch ändern», so Hermann.

Die meisten Befragten gehen laut Auswertung davon aus, dass die Masken eine ergänzende Massnahme sind, die vor allem dazu dient, dass angesteckte Personen das neue Coronavirus weniger verbreiten. Dass die Masken denjenigen, der sie trägt, wirksam vor einer Ansteckung schützt, glauben nur die wenigsten.

Als Grund, keine Masken zu tragen, wird die mangelnde Wirksamkeit allerdings erst an vierter Stelle genannt. Dahinter folgen Einwände, wonach das Tragen von Masken unbequem sei, sich die Befragten in der Öffentlichkeit unwohl fühlten damit oder es schwierig sei, den Mund-Nasen-Schutz korrekt anzuziehen. Vom sozialen Stigma fürchtet sich jedoch fast gar niemand mehr. Das Argument, es werde komisch angeschaut, wer eine Maske trage, landet abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Dies kann als weiterer Beweis dafür gedeutet werden, wie schnell die Akzeptanz von Masken zugenommen hat. Als SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo Blocher zu Beginn der Frühlingssession mit einer hellblauen Hygienemaske im Gesicht aufkreuzte, handelte sie sich dafür auf Twitter den Übernamen «Globi im Bundeshaus» ein.