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LomoSchwimmen zwischen Plastik

Unser Kolumnist Johannes Binotto darüber, warum sich die Fische bald ins Alpamare zurückziehen könnten.

«My home is my castle» – so lautet die bekannte Redewendung. «But my Gummiböötli is my disco, my bar and my beauty salon» – so müsste es heissen, wenn man sich an diesen heissen Tagen auf hiesigen Gewässern umsieht. Ich war mit zweien meiner Brüder im Rhein schwimmen gegangen, natürlich auf Sicherheit bedacht mit kleiner Schwimmhilfe und in Ufernähe. Doch kam ich mir dabei bald vor wie Gulliver im Land der schwimmenden Hüpfburgen.

Ich bin sicher: Eine so hohe Plastikdichte wie auf dem Fluss gibt es sonst nur beim Grosshändler für Partybedarf. Während ich mich zwischen aufblasbaren Riesenflamingos und treibenden Kühlboxen hindurchschlängelte, wunderte ich mich immer weniger über die Nachrichten von Badeunfällen.

Ehrlich gesagt erstaunt mich vielmehr, dass solche Boote erst bei einer Wiffe kentern und nicht bereits vorher wegen ihrer Tonnage auf Grund gehen. Ein Wunder, dass die Leute nicht auch noch gleich den Grill auf ihr
Gummiboot packen, haben sie doch sonst den ganzen Hausrat mit dabei. Einer hatte zusätzlich noch einen halben Busch mit auf seinem Gefährt, dessen andere Hälfte er wohl bereits geraucht hatte – so jedenfalls wirkte sein Manövrierstil. Ganz besonders wichtig für eine Fahrt auf dem Rhein scheint aber vor allem zu sein, dass man auch auf dem Wasser die eigene Musik dabeihat. Und weil alle mit Bluetooth-Megabass-Boxen unterwegs sind , müssen diese natürlich auch alle voll aufgedreht werden, denn sonst könnte es ja passieren, dass man statt des eigenen Gedröhns auch noch das der anderen hört. Wahrscheinlich ersetzt das Discogewummere den Aussenbordmotor, oder es dient als akustische Massage all der braun bis rot gebrannten Körper, die sich auf ihren Gummimatratzen räkeln.

Trotzdem verstehe ich nicht ganz, warum man sich überhaupt noch die Mühe macht, aufs Wasser zu gehen, wenn es dann dort eh nur so zugehen soll wie zu Hause: die Musik, die Drinks, die Unterwäsche und die Rauchwaren – alles genau wie daheim auf dem Balkon, mit dem einzigen Unterschied, dass sich unter einem statt der Asphaltstrasse der Fluss dahinzieht. Gar so gross ist dieser Unterschied dann aber alsbald auch nicht mehr. Ich glaub, das nächste Mal geh ich grad ins Alpamare. Wahrscheinlich ziehen sich unterdessen auch die Fische dorthin zurück, weil es sich im gekachelten Wasserpark mittlerweile bereits natürlicher anfühlt als in der Natur.