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Hindu-Tempel in BirmensdorfSie bauten ihrem Gott den ersten Tempel

Seit einem Jahr können Tamilen in Birmensdorf zu Ayyappan beten. Der November ist für die gläubigen Hindus ein besonderer Monat.

Hindus aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland besuchen den Tempel Sri Ayyappan Swamy im Industriegebiet Ristet in Birmensdorf.
Hindus aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland besuchen den Tempel Sri Ayyappan Swamy im Industriegebiet Ristet in Birmensdorf.
Foto: Severin Bigler

Die durchdringenden Klänge der südindischen Kegeloboe entführen die Besucher in eine andere Welt. Und auch optisch wähnt man sich beim Anblick der farbenfrohen Wände und der schwarz-goldenen Schreine im 10’000 Kilometer entfernten Sri Lanka. 40 tamilische Familien haben hier in der Gewerbezone Ristet in Birmensdorf eine ehemalige Druckerei an der Hans-Stutz-Strasse in einen Hindu-Tempel verwandelt.

Gewidmet ist der Tempel Ayyappan, dem hinduistischen Gott des Wachstums und der spirituellen Entwicklung. In der Schweiz gibt es viele hinduistische Gotteshäuser, doch jenes in Birmensdorf ist das einzige, das Ayyappan ins Zentrum stellt. «Jeder gläubige Hindu hat einen Gott, zu dem er eine besondere Verbindung hat. Viele Tamilen in der Schweiz verehren Ayyappan, doch bisher existierte noch kein Tempel für ihn. Das wollten wir ändern», erklärt Jeyarajah Jeyakanthan. Der 50-Jährige aus Oerlikon ist eines von sechs Vorstands- und Gründungsmitgliedern des tamilischen Vereins Sri Ayyappan Devasthanam Swiss.

Im September 2019 konnten die Gläubigen das 90 Quadratmeter grosse Gebetshaus eröffnen. Möglich wurde es durch Spenden und das Engagement vieler tamilischer Familien. «Der Tempel ist ein Gemeinschaftswerk. Jeder hat seine Fähigkeiten eingesetzt und sich eingebracht», sagt Haridha Jeyakanthan. Die 17-Jährige macht eine Ausbildung zur Hochbauzeichnerin und entwarf den Eingabeplan für die Baueingabe. «Einige Vereinsmitglieder sind Schreiner. Sie zimmerten die Schreine. Andere bemalten diese sowie die Wände und die Decke», erzählt sie.

Gott Karuppuswamy half bei den Berufsmaturaprüfungen

Der November hat für die Anhänger Ayyappans eine besondere Bedeutung. «Mitte Monat beginnt die Fastenzeit, die bis Mitte Januar dauert. Wir versuchen in dieser Zeit rein zu leben, so wie Ayyappan», erklärt Präsident Thiyagarajah Mahendiran aus Affoltern am Albis.

Es ist Brauch, in diesem Zeitraum 18 Regeln zu befolgen. Symbolisch werden diese mit Treppenstufen dargestellt. Erklimmt man sie, steht man vor Ayyappan. «Während der Fastenzeit platzieren wir daher eine Treppe neben seinem Schrein», sagt Vereinskassier Peraman Elankovan aus Wetzikon. «In der Fastenzeit sind Gewalt und Wut beispielsweise verboten. Zudem ernähren wir uns rein vegetarisch», erklärt er.

Die 18 heiligen Stufen zu Gott Ayyappan werden mit einer Treppe dargestellt.
Die 18 heiligen Stufen zu Gott Ayyappan werden mit einer Treppe dargestellt.
Foto: Severin Bigler

Zur Tradition gehöre auch, dass man eine Gebetskette trage. Einige davon hängen an einem sichelförmigen Gestell neben einem kleinen runden Häuschen vor dem Hauptschrein. Eine goldene Figur hält drei Schwerter in die Luft. «Das ist Gott Karuppuswamy. Er ist der ständige Begleiter und Beschützer von Ayyappan. Deshalb haben wir ihm hier einen kleinen Altar erstellt», sagt Haridha Jeyakanthan.

Dass er einen fixen Platz in einem Tempel in der Schweiz habe, sei ebenso ein Novum. Rund um den Schrein hängen neun Glocken. «Wir glauben, dass, wenn wir diese einzeln mit den Händen erklingen lassen und Karuppuswamy unseren Wunsch ins Ohr flüstern, er in ein paar Wochen in Erfüllung geht», sagt die 17-Jährige. Ihr selbst habe Ayyappans Beschützer auch schon geholfen. «Ich habe mir gewünscht, dass ich meine Berufmaturaprüfungen in Englisch und Französisch bestehe, und es hat geklappt», sagt sie und lacht.

Wer die Glocken erklingen lässt, erhält einen Wunsch erfüllt.
Wer die Glocken erklingen lässt, erhält einen Wunsch erfüllt.
Foto: Severin Bigler

Jeder Gottesdienst beginnt mit einem Gebet an Ganesha

Wichtig ist, dass auch andere populäre Götter im Tempel vertreten sind. Deshalb verfügt zum Beispiel der Elefantengott Ganesha ebenso über einen Schrein. «Er gilt als Glücksgott und steht für den Neuanfang. Jeder hinduistische Gottesdienst beginnt mit einem Gebet an Ganesha», sagt Jeyarajah Jeyakanthan. Den Segen Ganeshas erhofft sich Niresan Yogeswaram aus Altstetten. Der 30-Jährige nimmt mit seiner Frau und seiner Tochter an einer Zeremonie teil, die von Hindu-Priester Siva Sri Kurukkal durchgeführt wird. «Ich habe schlechte Erfahrungen im Beruf und im Privaten gemacht, und der Priester empfahl mir, zum Beten vorbeizukommen», sagt er.

Das Coronavirus trifft die Hindus hart. «Es dürfen sich nicht zu viele Personen im Raum aufhalten. Viele warten, bis sie reindürfen. Andere müssen wir nach einer Zeit rausschicken, damit alle zum Zug kommen», sagt Jeyarajah Jeyakanthan.

Doch auch in Nicht-Corona-Zeiten stösst der Tempel an seine Grenzen. «Es kommen viel mehr Besucher aus der Schweiz und dem Ausland, als wir dachten. Dankbar sind wir unseren Nachbarn, dass sie uns mit offenen Armen aufgenommen haben und uns abends die Parkplätze zur Verfügung stellen.» Doch nun suche man wegen der Platzknappheit bereits nach einem neuen Standort. Klar sei aber, dass der Hindu-Tempel in Birmensdorf bleiben solle, sagt Präsident Mahendiran. «Der Ort ist zentral gelegen und uns sowie den Göttern ans Herz gewachsen.»