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FilmkritikSie hat einen Gesichtsausdruck, der bis in die Knochen fährt

«Und morgen die ganze Welt» aus Deutschland ist der Kinofilm über die wütende Jugend von heute. Sie kämpft gegen die neue Normalität des Hasses.

Regisseurin Julia von Heinz war selber in der Antifa, jetzt hat sie «Und morgen die ganze Welt» gedreht und schaffte es damit in den Wettbewerb von Venedig.
Regisseurin Julia von Heinz war selber in der Antifa, jetzt hat sie «Und morgen die ganze Welt» gedreht und schaffte es damit in den Wettbewerb von Venedig.
Foto: PD

Raus. Einfach nur raus. Luisa wischt sich mit der Hand über das Gesicht, Zwiebelstückchen kleben daran - endlich kann sie weinen. Sie legt das Messer hin, ihre Mitbewohner in der Küche des linken Wohnprojekts schnibbeln weiter Gemüse – in einer Harmonie, die Luisa nicht mehr erträgt.

Es sind Menschen, die, wie sie, etwas verändern wollen, die Julia von Heinz in ihrem Film «Und morgen die ganze Welt» ins Zentrum rückt. Aber vielleicht ist es zu wenig, bei veganem Eintopf Kommunenidyll zu spielen und friedliche Demos zu organisieren. Hält man dadurch Nazis ab von dem, was Nazis tun? Weiter hinten im Raum klimpern zwei zottelige junge Männer «Bella Ciao» auf der Gitarre. Luisa nimmt ihre Jacke vom Sofa.

Die Kälte der Welt scheint das Gesicht der jungen Aktivistin zu verhärten, als sie auf die Strasse tritt. Raus aus dem Geklimper, raus aus dem Konsens der Gruppe. Und hin zu den beiden Jungs, die gerade einen Transporter beladen, weil sie Nazis jagen gehen wollen. Bella ciao, bella ciao.

Die Lunte, die alles in die Luft jagt

Es ist dieser Gesichtsausdruck der 24-jährigen Schauspielerin Mala Emde, der einem beim Zuschauen bis in die Knochen fährt. Immer wieder blitzt er auf in ihrer Figur Luisa, hinter einem unschuldigem Mädchenstaunen, das verlischt, einem kleinen Auflachen, das verhallt. Eine Totenmaske.

Das Drehbuch liefert keine klaren Antworten, woher das kommt, was sich darin spiegelt, ob es etwas mit dem adligen Elternhaus auf dem Land zu tun hat, wo die Jurastudentin am Wochenende dem Papa nach der Jagd hilft, das Wild auszuweiden.

Der Film scheint vorauszusetzen, dass der Zuschauer schon weiss, was auf dem Spiel steht: die neue Normalität des Hasses. Die neuen Rechten, über deren Aufstieg vor ein paar Jahren viel zu lesen war, deren Abstieg einfach nicht einsetzen will, gegen die kein demokratisches Kraut gewachsen zu sein scheint. Die früher nur von Linksextremen gestellte Frage, ob Polizei und Bundeswehr in Deutschland von rechten Netzwerken unterwandert sind. Margarete Stokowski, die ein Antifa-T-Shirt trägt. Greta Thunberg, die ein Antifa-T-Shirt trägt. Vielleicht brennt die Lunte schon, die alles in die Luft jagt.

Szene aus «Und morgen die ganze Welt».
Szene aus «Und morgen die ganze Welt».
Foto: Oliver Wolff

Die von Daniela Knapp geführte Kamera folgt Luisa wie ein Fluch, zittrig und nervös, immer nah dran. Keine Einstellung, in der Raum wäre, um Luft zu holen. Es sind ruppig geschnittene, melancholische Bilder. Da fliegen Pollen, als einer der beiden Nazijäger-Jungs auf dem Weg durch das hohe Gras aus Lust an der eigenen Kraft gegen eine Blüte boxt – seinem persönlichen summer of hate entgegen, Luisa hinterher. Da rauscht plötzlich ein Zug vorbei, wie Adrenalin, als sie am Bahndamm die Sturmhauben überziehen.

Die Regisseurin Julia von Heinz war selbst bei der Antifa, sie ist 1991, an ihrem 15. Geburtstag, von Rechtsradikalen angegriffen worden. So wie Luisa, deren Radikalisierung einsetzt, als sie nach einer zunächst friedlichen Protestaktion mit dem Gesicht auf dem Beton liegt, die Hand eines Glatzennazis zwischen den Beinen, sein Knie auf dem Hals. Der Angreifer im Film wirkt, als sei er aus der Bomberjackenzeit der Neunzigerjahre herangesprintet, um Schmerz zu verbreiten, aber die Protestaktion richtete sich gegen eine gänzlich aktuelle bürgerliche Hasspartei, deren Logo sich aus den Farben Blau und Rot zusammensetzt.

Solche historischen Unschärfen finden sich an mehreren Stellen des Films, aber sie schaden ihm nicht. Vielmehr vermitteln sie das Gefühl von etwas, das zugleich nicht mehr und noch nicht real ist, die Ahnung eines sirenenschrillenden Ausnahmezustands hinter einer dünner werdenden Schicht aus Gegenwart. Die jetzt schon fertige Totenmaske der 2020er-Jahre.

«Und morgen die ganze Welt» entfaltet eine geschichtliche Wucht.

Seine stärksten Szenen bezieht der Film aus der Begegnung mit einer Art Antifa-Gespenst. Dietmar war in den Neunzigern mal eine grosse Nummer in der Szene und dann im Knast, weil er «Siemens angegriffen» hat. Jetzt bietet er dem Trio aus Luisa und den beiden Nazijäger-Jungs Zuflucht vor der Polizei im miefigen Einfamilienhaus seines verstorbenen Vaters, wo er allein lebt, zwischen nicht gespültem Geschirr und abgelaufenen Chipspackungen. Er geniesse die Ruhe, sagt er, nach all der Zeit in WGs und der Doppelzelle, aber die Einsamkeit, die er ausstrahlt, ist erdrückend. Er habe beweisen wollen, dass er «ein ganz ein Harter» sei, sagt er. Seine Genossen hätten Karriere gemacht, während er im Knast war, seien ja auch alle nicht dumm gewesen. «Letztlich hatten wir auch nur ein paar einfache Antworten auf eine komplexe Welt.»

«Und morgen die ganze Welt» entfaltet eine geschichtliche Wucht, leidet aber unter gelegentlichen Schwächen im Drehbuch. Der machomännlichste der Nazijäger-Jungs etwa stolziert als ein überdeutlicher Lebendbeweis durch den Film, dass auch manche Linke gern jung und stark sein wollen. Im Zentrum aber steht eine Frage, ein Abgrund, in den man Luisa schaudernd und ohne zu zögern folgt. Bella ciao, bella ciao.

Ab 29.10. in den Kinos.

13 Kommentare
    Beat Gruenfeldt

    In Deutschland ist Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

    In Israel natürlich auch.

    Wenn diese Festlegung aus dem Land kommt, in dem die extremsten Verläufe hinsichtlich Vertreibung, Enteignung und Genozit dokumentiert wurden, dann ist an dieser Festlegung nicht zu rütteln.

    Dagegen anzugehen ist - so schwer das persönlich einzusehen und umzusetzen ist, da eine Gesellschaft politisch, religiös und wirtschaftlich auf unterschiedlichen Standpunkten steht - für alle verpflichtend.

    Wegsehen und dulden ist passive Unterstützung. In Deutschland lies diese gesellschaftliche Haltung dem Holocaust freien Lauf.

    Faschisten waren, sind und bleiben Verbrecher!