Schweiz B zittert sich zum Sieg

Cedric Itten liefert die Geschichte des Spiels und führt die Schweiz mit seinem Kopftor zum 1:0 gegen Georgien.

Ein Debütant trifft als einziger: Cédric Itten erzielt das 1:0. Video: SRF

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Auf dem Papier ist es eine Pflichtaufgabe. Schweiz gegen Georgien verspricht eine klare Sache zu sein, zumal für eine Mannschaft, die für sich in Anspruch nimmt, nächsten Sommer an die EM-Endrunde zu gehören.

Doch dann wird es eine unglaublich zähe Aufgabe für eine Mannschaft, die in völlig neuer Besetzung einen ganz schlechten Auftritt hinlegt. Es braucht schliesslich ein Tor von Cedric Itten, damit sie sich zum 1:0 zittern kann. Der St. Galler Stürmer steht bei seinem Debüt sieben Minuten auf dem Platz.

Dank ihm kann die Schweiz beruhigt nach Gibraltar fliegen. Am Montag genügt da ein Punkt, um sich aus eigener Kraft für die EM zu qualifizieren. Sollte Irland gleichzeitig gegen Dänemark nicht gewinnen, kann sie sich gar eine Niederlage leisten.

Vor diesem Spiel gegen Georgien haben sich in den letzten Tagen die Verletzungen so weit gehäuft, dass mit Shaqiri, Schär, Embolo, Mehmedi und Freuler die Hälfte des üblichen Stamms fehlt, dass mit Gavranovic, Zuber, Klose und Drmic erfahrene Spieler aus der zweiten Reihe ebenfalls ausfallen.

Und als wäre das noch nicht genug, meldet sich Haris Seferovic nach dem Einlaufen in der Kälte des Kybunparks ab. Es zwickt ihn offensichtlich in der Wade.

Was Vladimir Petkovic schliesslich in den Match gegen Georgien schicken kann, ist eine bessere B-Auswahl, und selbst die ist auf Spieler angewiesen, die mit Handicaps aus ihren Clubs angereist sind. Granit Xhaka hat bei Arsenal wegen seines Konflikts mit dem eigenen Anhang die letzten vier Spiele verpasst. Ricardo Rodriguez ist bei Milan seit dem 21. September gleich acht Mal nicht mehr gebraucht worden. Albian Ajeti ist bei West Ham eine Randfigur mit vier Einsätzen von total 90 Minuten. Und da ist noch Renato Steffen, der beim VfL Wolfsburg diese Saison auf 235 Minuten in der Bundesliga kommt.

Das Beispiel Vargas

Ruben Vargas hat die Ehre, Seferovic im letzten Moment zu ersetzen, Vargas hat beim FC Augsburg einen erstaunlichen Aufstieg hinter sich und gehört beim Bundesligisten zum Stammpersonal. Gegen Georgien geht er mit der Erfahrung von 16 Länderspiel-Minuten auf den Platz, gesammelt gegen Gibraltar.

21 ist er erst, er kann nicht leugnen, dass er von der Aufgabe überfordert ist, selbst gegen die Nummer 90 der Weltrangliste. Eine Szene kurz vor der Pause sagt viel. Da tritt er ausserhalb des Sechzehners im Dribbling gegen einen Georgier in den Boden und verliert den Ball. Ihm fehlt die Präsenz des Routiniers Seferovic.

Petkovic baut auf ein 3-4-2-1, an dem er in letzter Zeit Gefallen gefunden hat. Die Kräfte mit offensiver Ausrichtung kommen auf 23 Spiele und 2 Tore, Seferovics Bilanz liest sich ganz anders: 64 Spiele, 18 Treffer.

Nur eine Chance

Der Anfang ist noch ordentlich. Zakaria schiesst, der Goalie lässt den Ball abprallen, Rodriguez schiesst, der Goalie lässt abprallen, Xhaka schiesst, der Goalie lässt erneut abprallen. Es ist bezeichnend: Sie versuchen es alle aus der Distanz, und das steht für die Schwierigkeiten der Schweizer, sich in den georgischen Strafraum vorzuarbeiten. Dafür fehlt es ihnen an Verdrängung, an Dynamik, schlicht an Klasse. Und darum ist es kein Zufall, dass sie nur bei einem Corner wirklich gefährlich wird. Nico Elvedi kommt zum Kopfball, und Kiteischwili kann auf der Torlinie retten.

Petkovic steht sonst an der Linie, schaut zu und macht nichts, er ändert in der Pause nichts, und er lässt seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit im gleichen grauenhaften Trott weiterwursteln. Die Zuschauer werden langsam unruhig, als eine Stunde gespielt ist und Levan Schengelia, die Nummer 9 von Konyaspor, zum zweiten Mal innert kurzer Zeit zum Abschluss kommt. Es sind gute Positionen, zum Schweizer Glück fallen seine Schüsse ungenau aus.


Die Bilder zum Spiel


Es dauert, bis Petkovic reagiert und Ajeti endlich vom Platz holt, es hätte auch Steffen, Edimilson, Vargas oder Zakaria treffen können. Alle sind sie schlecht, zum Teil sehr schlecht. Petkovic erkennt erst mit einiger Verspätung, dass er eine neue Dimension ins Angriffsspiel bringen muss. Cedric Itten ist seine Lösung, 1,89 m gross und damit prädestiniert, auch einmal einen Kopfball zu gewinnen.

Das Publikum feiert Itten, er ist der lokale Vertreter der St. Galler Mannschaft, die derzeit die Super League mit ihrem schwungvollen Fussball bereichert. Dass er an diesem Abend zum Hoffnungsträger wird, sagt alles über den Auftritt der Schweizer, über ihre erschreckende Hilf- und Ideenlosigkeit: Itten, im nächsten Monat 23, hat noch keine Sekunde fürs Nationalteam gespielt.

Sieben Minuten nach Ittens Einwechslung passt Xhaka zu Zakaria, der setzt zur Flanke an, weil jetzt endlich einer im Strafraum lauert, der damit auch etwas anfangen könnte. Seine Flanke findet Itten, es muss wohl so sein, damit dieses Spiel doch noch eine besondere Geschichte erhält. Itten steht frei und macht, was ein Torjäger machen muss: Er trifft mit seinem Kopfball zum 1:0.

Und bis es auch das Tor zum Sieg ist, müssen die Schweizer noch ein paar bange Minuten überstehen. Waleri Qazaischwili tanzt gleich an vier Schweizern vorbei und wird erst von Yann Sommer gestoppt. Dann ist das Spiel zu Ende. Und mit ihm das Zittern.

Schweiz - Georgien 1:0 (0:0)
Kybunpark, St. Gallen. 16'400 Zuschauer (ausverkauft).
SR Makkelie (NED).
Tor: 77. Itten 1:0.
Schweiz: Sommer; Elvedi, Akanji, Rodriguez; Lichtsteiner, Zakaria, Xhaka, Steffen; Fernandes (84. Sow), Vargas (78. Fassnacht); Ajeti (71. Itten).
Georgien: Loria; Kakabadse, Kaschia, Grigalawa, Chotscholawa; Kiteischwili (84. Papunaschwili), Kankawa; Schengelia, Qasaischwili, Dawitaschwili (85. Gwilja); Kwilitaia (82. Lobjanidse).
Bemerkungen: Schweiz ohne Drmic, Embolo, Freuler, Gavranovic, Klose, Mehmedi, Schär, Seferovic, Shaqiri und Zuber (alle verletzt), Georgien ohne Ananidse, Tabidse und Tschakwetadse (alle verletzt). Länderspiel-Debüt von Cedric Itten. 19. Pfostenschuss Kwilitaia. Verwarnungen: 29. Chotscholawa (Foul). 31. Kankawa (Foul). 74. Steffen (Foul).


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 15.11.2019, 23:26 Uhr

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