So stark wachsen die Gesundheitskosten

Die Bevölkerung altert, die Löhne steigen: Für das Schweizer Gesundheitswesen bedeutet das nichts Gutes, wie neue Zahlen zeigen.

Die Pflege älterer Personen ist teuer: Eine Mitarbeiterin der Spitex versorgt eine Klientin. Foto: Keystone

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Es ist ein Sorgenkind: das Schweizer Gesundheitssystem. Jedes Jahr nehmen die Ausgaben zu, was in erster Linie mit dem wachsenden Anteil der älteren Bevölkerung zu tun hat. Aber auch steigende Löhne führen zu höheren Kosten. Beide Faktoren haben zur Folge, dass die Gesundheitsausgaben zwischen 2019 und 2021 um jährlich 3,3 bis 3,6 Prozent zunehmen dürften. Das ergibt die neuste Prognose der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF.

Schon 2017 kostete das Gesundheitswesen laut dem Bundesamt für Statistik insgesamt 82,8 Milliarden Franken (definitive Zahlen werden mit einer zweijährigen Verzögerung veröffentlicht, weil erst dann Quellen wie Betriebsrechnungen oder die Finanzstatistik zur Verfügung stehen). Das waren pro Kopf 10'774 Franken jährlich oder umgerechnet 816 Franken monatlich.

Treten die KOF-Prognosen ein, wird das ganze System im Jahr 2021 schon über 94 Milliarden teuer sein. Die Gesundheit jeder Schweizerin und jedes Schweizers kostet dann im Schnitt fast 900 Franken pro Monat.

Wer zahlt das alles? Der grösste Teil wird von der obligatorischen Krankenversicherung und den anderen Sozialversicherungen (u.a. AHV, IV) gedeckt. 2017 machten ihre Beiträge rund 40 Prozent der gesamten Kosten aus. Ein Fünftel wird durch die öffentliche Hand (Bund, Kantone und Gemeinden) finanziert. Und fast ein Drittel zahlen die Privathaushalte selbst für Leistungen, die von den Krankenkassen nicht gedeckt sind.

Die wachsende Bedeutung der Gesundheit lässt sich auch an den Ausgaben der privaten Konsumenten ablesen. Im Jahr 1993 betrug der Anteil der Kategorie «Gesundheitspflege» am Warenkorb (den wichtigsten von den privaten Haushalten konsumierten Waren und Dienstleistungen) 10 Prozent, heute sind es schon über 15 Prozent. Dafür wird für andere Produkte wie zum Beispiel Lebensmittel relativ immer weniger ausgeben.

Gleichzeitig ist auch die Gesundheitsausgabenquote des Bundes gestiegen, also das Verhältnis der Gesundheitsausgaben zum Bruttoinlandprodukt. Lag die Quote vor dreissig Jahren noch bei unter 9 Prozent, sind es mittlerweile über 12 Prozent. Im Jahr 2021 dürfte sie gemäss den Prognosen der KOF sogar schon 12,9 Prozent betragen. Das könne ein Indiz dafür sein, dass ein System nicht genug effizient und zu teuer sei, schreibt dazu das Bundesamt für Statistik.

Heute sind mehr als 281'000 Personen (gerechnet in Vollzeitäquivalenten) im Gesundheitswesen beschäftigt. Weil es ein personalintensiver Sektor ist, bewirken steigende Löhne höhere Kosten. Darüber hinaus beeinflusst die Lohnentwicklung auch die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen, da sich die Konsumenten bei steigendem Einkommen höhere Ausgaben für ihre Gesundheit leisten können.

Der Gesundheitssektor entwickelt sich zu einem immer wichtigeren Zweig der Schweizer Wirtschaft. Der Anteil der Beschäftigten im Gesundheitswesen an der Gesamtbeschäftigung betrug im Jahr 1992 noch 4,8 Prozent, im Jahr 2017 schon 7,3 Prozent.

«Kostenbewusste Versicherte müssen mehr belohnt werden.»Felix Schneuwly, Krankenkassenexperte

Aus Sicht von Krankenkassenexperte Felix Schneuwly ist die Gesundheitswirtschaft deshalb nicht bloss ein Kostenfaktor, sondern generiert auch Wertschöpfung. Konkret hat der Anteil des Gesundheitssektors an der gesamten Wertschöpfung auf inzwischen 7,3 Prozent (2017) zugenommen. «Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen ist das Gesundheitswesen krisenresistent. Deshalb wirkt es sich in der sich abzeichnenden Konjunkturabschwächung stabilisierend aus», sagt Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis, der die KOF-Studie finanziert hat.

Nichtsdestotrotz gilt es laut dem Experten, die Systemfehler im Krankenversicherungsgesetz zu beheben: «Kosten- und qualitätsbewusste Versicherte, die mit der Wahl eines alternativen Modells auf Effizienz und Qualität der medizinischen Versorgung setzen, müssen mit fairen Prämien belohnt werden», kritisiert Schneuwly. Die Krankenkassen hätten heute per Gesetz zu wenig Spielraum zur Förderung der integrierten Versorgung.

Erstellt: 19.11.2019, 10:00 Uhr

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