Zum Hauptinhalt springen

Folgen der Corona-Krise für die AltersvorsorgeSo trifft die Pandemie die Pensionskasse der Stadt

Die Verluste an den Börsen trüben die Aussichten für die Altersvorsorge. Auch die ohnehin angeschlagene Pensionskasse der Stadt Winterthur ist betroffen – mit langfristigen Folgen.

Mit Aktien war in diesem Jahr für die Pensionskassen bisher kein Geld zu verdienen. Im Bild: Eine Aktie der Gebrüder Sulzer, fotografiert im Schweizer Finanzmuseum.
Mit Aktien war in diesem Jahr für die Pensionskassen bisher kein Geld zu verdienen. Im Bild: Eine Aktie der Gebrüder Sulzer, fotografiert im Schweizer Finanzmuseum.
Foto: Samuel Schalch

Gibt es eine V-förmige Erholung oder ist die jüngste Rallye nach dem Abschlag an den Finanzmärkten im Frühling bloss eine spekulative Blase? Die Frage, die derzeit Anleger weltweit beschäftigt, geht auch alle Erwerbstätigen etwas an, ist doch ein grosser Teil der Alterskapitalien in Aktien angelegt: 31 Prozent betrug der durchschnittliche Anteil von Aktien am Anlagevermögen der Schweizer Pensionskassen Anfang Jahr.

Entsprechend hoch sind jetzt die Verluste. Bis Ende April haben die Kassen in der Schweiz 4 Prozent ihres Kapitals eingebüsst, der Deckungsgrad sank durchschnittlich sogar um 5 Prozent, wobei die Differenz auch auf die strukturellen Problemen der Altersvorsorge hinweist. Die Zahlen stammen aus einer Studie, welche die Beratungsgesellschaft Complementa Anfang Mai publik gemacht hat.

Ein ähnliches Bild zeichnet auch der Pensionskassenmonitor von Swisscanto, der sich allerdings noch auf die Zahlen von Ende März bezieht. Demnach ist der Deckungsgrad der Schweizer Kassen auf den Stand von Ende 2018 gefallen. Während von den privatrechtlichen Kassen noch immer 91 Prozent einen Deckungsgrad von über 100 Prozent aufweisen, verdoppelte sich bei den vollkapitalisierten öffentlich-rechtlichen Kassen der Anteil derer, die ihre Rentenforderungen rechnerisch nicht mehr bedienen können, auf 25 Prozent.

Erklärungsversuche

Schon länger in der Situation einer Unterdeckung und deswegen ein Sanierungsfall ist die Pensionskasse der Stadt Winterthur (PKSW). Auch sie wurde von der Krise an den Finanzmärkten hart getroffen. Der Abschlag, das sind die guten Neuigkeiten, liegt mit 3,6 Prozent aber unter dem Schweizer Durchschnitt.

Marianne Fassbind, Präsidentin des Stiftungsrats der Kasse, sieht darin eine Bestätigung der neuen, von ihr mitgeprägten Anlagestrategie: «Wir haben ein Rebalancing-Konzept im Einsatz. Das hat sich in der jetzigen Marktphase bewährt.» Die Kasse hat also eine Kursbandbreite definiert. Wird diese unterschritten, werden Wertschriften zugekauft, wird sie überschritten, stösst die Kasse die Aktien ab.

Eine andere Erklärung für das relativ betrachtet bessere Abschneiden der Winterthurer Kasse in der laufenden Krise ist der insgesamt immer noch leicht unterdurchschnittliche Aktienanteil. Zwar lagen – mit Ausnahme von gehedgten internationalen Obligationen – alle Anlageklassen im Minus, der Abschlag fiel aber nebst den Rohstoffen bei den Aktien am heftigsten aus.

Ein herber Rückfall

Unter dem Strich steht die Pensionskasse der Stadt Winterthur mit einem Deckungsgrad von aktuell 90,2 Prozent (Stand Ende April) nur geringfügig besser da als Ende 2018, wobei auch Pensionierungsverluste und die zuletzt vollzogene Senkung des technischen Zinssatzes – also der prognostischen Renditeerwartungen – eine Rolle spielen. Im Tiefzinsumfeld der letzten Jahre hat die Kasse der Stadt wie alle anderen in der Schweiz ihren technischen Zinssatz mehrfach nach unten angepasst. In der letzten Runde von 2,25 auf 1,75 Prozent. Ohne diesen Schritt läge der Deckungsgrad bei 94,5 Prozent (Stand Ende April).

Schlägt die Corona-Krise langfristig auf die Konjunktur durch, wie viele Ökonomen warnen, könne eine weitere Senkung nötig werden. Fassbind sagt: «Wenn nur inländische Obligationenanlagen und Liquidität als Anlageklassen infrage kämen, wäre der technische Zinssatz mit 1,75 Prozent zu hoch angesetzt. Entscheidend wird sein, was mit den übrigen Anlageklassen, wie Aktien und Immobilien, passiert.»

Konsequenzen haben die Entwicklungen an den Finanzmärkten für den städtischen Haushalt. Die seit sechs Jahren andauernde Sanierung der Pensionskasse dürfte sich noch lange weiterziehen. Seit dem letzten September läuft sie mit den maximal erlaubten Beiträgen. Die Mitarbeitenden zahlen 1 Prozent der versicherten Löhne, zudem werden ihre Altersguthaben sogenannt minderverzinst, mit 0,5 statt 1 Prozent. Die Stadt zahlt Sanierungsbeiträge von über 6 Prozent, mit jährlichen Mehrkosten von rund 5,5 Millionen und Gesamtkosten von über 15,5 Millionen Franken pro Jahr.

Alles rechtmässig

Als weitere Folge der Corona-Krise wurde die vom Gemeinderat verlangte Prüfung eines Anschlusses der Winterthurer Kasse an eine grössere Vorsorgeeinrichtung auf frühestens nach den Sommerferien verschoben. Im aktuellen Umfeld sei es wegen der unklaren finanziellen Aussichten nicht sinnvoll, Offerten für einen Anschluss einzuholen, schreibt der Stadtrat in einer kürzlich veröffentlichten Antwort auf einen Vorstoss von EVP, GLP, SVP, FDP und CVP.

Ausserdem äussert sich der Stadtrat zur Frage, ob es rechtmässig war, dass der Stiftungsrat die Erhöhung der Sanierungsmassnahmen in eigener Kompetenz entschieden hat. Ein dazu eigens eingeholtes Rechtsgutachten bestätige das Vorgehen. Der rechtliche Rahmen sei durch die Pensionskassenverordnung abgesteckt, die vom Gemeinderat erlassen und im September 2013 vom Stimmvolk bestätigt wurde.