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Cinque Terre im Corona-Sommer«So wie jetzt sieht es hier sonst nur im Spätherbst aus»

In den Cinque Terre, den berühmten Fischerdörfern an der ligurischen Küste, macht der hier sonst übliche Massentourismus eine Pause. Die Natur erholt sich, die vom Tourismus abhängigen Einheimischen beten und hoffen.

Normalerweise ist hier während der Hochsaison kaum ein Durchkommen: Vernazza im Corona-Sommer 2020.
Normalerweise ist hier während der Hochsaison kaum ein Durchkommen: Vernazza im Corona-Sommer 2020.
Foto: Giuseppe Wüest

Bei der Einfahrt in den kleinen Hafen von Vernazza schaltet Cesare den Motor seines Bootes aus und greift zu den Rudern. Touristenführer Diego Savani, der mit im Boot sitzt und uns auf einer Tagestour die schönsten Ecken der Cinque Terre zeigt, schmunzelt: «Diese Weisung zum Schutz des Ortes kommt ihm ganz gelegen: Er ist ungemein stolz auf seine Arme.»

Starke Arme: Bootsführer Cesare rudert in den geschützten Hafen von Vernazza.
Starke Arme: Bootsführer Cesare rudert in den geschützten Hafen von Vernazza.
Foto: Giuseppe Wüest

Beim Blick zu dem winzigen Strand, der Hafenpromenade und der Schiffsanlegestelle wird er gleich wieder ernst: «Das ist schon ein trauriger Anblick, so wenig Leute.» So wenig Leute? Am Ministrand von Vernazza ist kaum ein Flecken frei, die Cafés neben der Kirche sind gut zur Hälfte besetzt, und an der Anlegestelle warten bestimmt an die hundert Touristen aufs nächste Schiff. «Das ist nichts im Vergleich zu normalen Sommern», sagt Bootsführer Cesare. Er selber zum Beispiel sei im Sommer normalerweise ausgebucht und tuckere mit seinem Boot sozusagen im Akkord von Dorf zu Dorf. Jetzt komme er pro Tag auf vielleicht sechs, sieben Fahrten. «Es ist Hochsaison!», ruft Diego und zeigt auf die Hafen-Piazza, von der die Hauptgasse zu den Touristenshops und -lokalen des Ortes abgeht: «In normalen Sommern ist hier kaum ein Durchkommen, und die Leute stehen für einen Sitzplatz in einem der Cafés Schlange. So wie jetzt sieht es hier sonst nur im Spätherbst und im Winter aus…»

Nur die Natur profitiert von der Krise

Da weniger Schiffe und Boote als sonst verkehren, ist das Wasser dieses Jahr besonders klar: Blick auf die bunten Häuser von Vernazza.
Da weniger Schiffe und Boote als sonst verkehren, ist das Wasser dieses Jahr besonders klar: Blick auf die bunten Häuser von Vernazza.
Foto: Getty Images

Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore: Die Cinque Terre, diese weltberühmten fünf Fischerorte, die nur per Bahn oder Schiff zu erreichen sind und die sich mit ihren bunten Häusern und zahlreichen Kirchen auf einer Länge von etwa 12 Kilometern an der steil abfallenden Küste der italienischen Riviera reihen, leben vor allem vom (Massen-)Tourismus und ein klein wenig vom Weinbau. «Das Ausbleiben der Touristen aus Europa, Amerika und Asien trifft die Cinque Terre und die anderen Orte an der ligurischen Küste hart», sagt Diego Savani: «Für die Natur bedeutet die Corona-Krise eine willkommene Verschnaufpause. Da vor der Küste nur wenig Boote und Schiffe verkehren, ist zum Beispiel das Meerwasser so klar wie seit vielen Jahren nicht mehr. Aber die meisten Menschen hier sind schlicht und einfach abhängig vom Tourismus.»

Er hat die Saison 2020 abgehakt: Touristenführer Diego Savani.
Er hat die Saison 2020 abgehakt: Touristenführer Diego Savani.
Foto: Giuseppe Wüest

Er selber zum Beispiel, der im eine halbe Bahnstunde südlich gelegenen La Spezia lebt und als Guide beim Parco Nazionale 5 Terre angestellt ist, habe diese Saison bis weit in den Juli hinein keinen einzigen Gast herumführen können. «Um den Ausfall etwas abzufedern, haben wir den ganzen Sommer über in La Spezia spezielle Stadtführungen für Einheimische angeboten. Ein Tropfen auf den heissen Stein…» Da weit und breit keine Besserung der Situation in Sicht sei, gelte es nun, den Rest des Jahrs irgendwie zu überstehen. «2020 müssen wir abhaken. Hoffen wir auf 2021», meint er.

2020 abhaken und hoffen auf 2021

Abhaken und Hoffen: Davon hatte ein paar Stunden zuvor bereits Damiano Cassola gesprochen. Er betreibt in der Kleinstadt Levanto, dem nördlichen Tor zu den Cinque Terre, das Dreisternhotel Garden und ist auch Präsident der örtlichen Tourismusvereinigung Consorzio Occhioblu: «Wir haben unser Hotel nach dem Lockdown-Ende Mitte Juni wiedereröffnet und hatten in den ersten paar Wochen eine Auslastung von 30 bis maximal 50 Prozent. Jetzt im August sind zwar viele Zimmer belegt, aber mit dem Ende der Sommerferien in Italien sacken nun die Buchungszahlen gleich wieder zusammen.» Für September und Oktober, normalerweise zwei «sehr gute Monate», sehe es trist aus, sagt Cassola: «Die ausländischen Gäste fehlen weiterhin. Und die Italiener verreisen nur im Sommer, im Herbst bringt man sie nicht weg von zu Hause.» An die laufende Saison habe er jedenfalls keine Erwartungen mehr: «Beten und hoffen wir, dass es nächstes Jahr wieder besser wird.»

Der Strand von Levanto: Weniger Dichtestress als sonst, die privaten Strandabschnitte sind nur auf Voranmeldung zugänglich, und die Abstände zwischen den Sonnenschirmen sind grösser als in anderen Jahren.
Der Strand von Levanto: Weniger Dichtestress als sonst, die privaten Strandabschnitte sind nur auf Voranmeldung zugänglich, und die Abstände zwischen den Sonnenschirmen sind grösser als in anderen Jahren.
Foto: Giuseppe Wüest

Wie Vernazza und die anderen Cinque-Terre-Orte wirkt auf den ersten Blick zwar auch Levanto keineswegs unbelebt: Die Geschäfte und Lokale in der teilweise autofreien Altstadt sind gut besucht. Die öffentlich zugänglichen Bereiche des langen Stadtstrandes ebenso. Und bei allen privaten Strandabschnitten verkünden grosse Schilder «completo» – ausgebucht. «Der Eindruck täuscht», sagt Damiano Cassola: «Bei den privaten Stränden, zu denen man derzeit nur auf Voranmeldung Zugang erhält, sind die Abstände zwischen den Liegestühlen viel grösser als sonst.» Und die Leute, die man am Strand oder beim Flanieren durch die Gassen sehe, seien zu einem schönen Teil Ausflügler aus La Spezia: «Sie verbringen einen Tag am Strand, geniessen danach ihren Spritz in einer der vielen Bars, essen abends vielleicht auch noch in einem Restaurant – und fahren mit dem Zug wieder nach Hause. Gut, das ist für Levanto natürlich besser als gar nichts. Aber die Hotels haben nicht viel davon.»

Levanto, erzählt etwas später Touristenführer Diego Savani im Zug auf dem Weg von Vernazza nach Manarola, wo wir eine Wandertour unternehmen wollen, sei der ideale Basisort für einen Besuch der bekannten Küstendörfer: «Dank der Bahn, die zwischen Levanto im Norden und La Spezia im Süden verkehrt, ist man innert weniger Minuten an jedem beliebigen Ort.»

Topfebener Radweg, steile Rebberge

Tunnel und kleine Badebuchten: Der topfebene Veloweg von Levanto.
Tunnel und kleine Badebuchten: Der topfebene Veloweg von Levanto.
Foto: Giuseppe Wüest

Und die eine oder andere Attraktion gebe es hier auch: «Direkt am Meer zum Beispiel wurde eine stillgelegte Bahnstrecke auf einer Länge von 6 Kilometern zu einem Velo- und Fussgängerweg umgebaut. Mit einem Mietvelo oder zu Fuss gelangt man so bequem zur einen oder anderen kleinen Badebucht.» Und dies, betont er, ohne ins Schwitzen zu geraten: «In den vielen Tunneln auf der Strecke ist es immer angenehm kühl. Zudem ist der Weg – in dieser ausgesprochen hügeligen Region eigentlich unvorstellbar – topfeben.»

Das «Amphitheater» von Manarola: Terrassenförmiger Weinanbau.
Das «Amphitheater» von Manarola: Terrassenförmiger Weinanbau.
Foto: Gianni Cipriano (The New York Times)
Aussichtsreiche Wanderung: Auf dem Wein-Höhenweg bei Manarola.
Aussichtsreiche Wanderung: Auf dem Wein-Höhenweg bei Manarola.
Foto: Getty Images

Dass ebene Wege in der Gegend tatsächlich krasse Ausnahmen sind, erfahren wir etwas später in Manarola. Von dort führt einer der zahlreichen Wanderwege der Cinque Terre durch steile Hänge in eine terrassierte Weinlandschaft, die Manarola halbkreisförmig umschliesst. «Man nennt diese Hänge mit ihren uralten Trockenmauern auch das Amphitheater von Manarola», erzählt Diego Savani.

Nach einem schweisstreibenden Aufstieg oben am Rand des «Amphitheaters» angekommen, kann man sich in Volastra an einem Brunnen erfrischen. Oder aber in der Cantina Del Vin Bun den lokalen Weisswein aus den Rebsorten Bosco, Vermentino und Albarola kosten, bevor es eine gute Stunde lang auf dem aussichtsreichen Wanderpfad in stetem Auf und Ab nordwärts in Richtung Corniglia geht. Dort gehts wieder hinunter zum Meer und per Bahn weiter in den nächsten Ort. Oder man bleibt einfach auf dem Höhenweg und wandert weiter bis nach Vernazza. Wir entscheiden uns für Letzteres, setzen uns dort eine weitere Stunde später in eines der Cafés direkt am Wasser und schauen dem laut Diego Savani gar nicht so regen Treiben zu. Ein paar Minuten später rudert Cesare in den kleinen Hafen. Er strahlt. Und die drei Touristinnen in seinem Boot schauen ganz begeistert.

Die Reise wurde unterstützt von den SBB und Enit, der italienischen Zentrale für Tourismus.