Das dicke Ende kommt noch

Immer mehr Schweizer sind fettleibig. Der Bund will Ernährungsempfehlungen für Senioren abgeben – aus Angst um die Pflegekosten.

Je älter man wird, desto schwieriger wird der Kampf gegen die Kilos: Wohlgenährte Senioren am Strand.

Je älter man wird, desto schwieriger wird der Kampf gegen die Kilos: Wohlgenährte Senioren am Strand. Bild: Getty Images

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Heinrich von Grünigen kämpft mehr als sein halbes Leben gegen Übergewicht. 180 Kilogramm wog die Radio-Legende vor vier Jahren. Dann brachte er die Kilos runter auf 100. Doch aller Willensstärke und Disziplin zum Trotz nahm von Grünigen wieder zu. «Je älter ich werde, desto schwieriger ist es, nur schon das Gewicht zu halten», sagt der 77-Jährige.

Mit Faulheit oder Masslosigkeit hat das wenig zu tun. Von Grünigens Zmorge besteht aktuell aus einem Apfel oder einer Kiwi, das Zmittag aus Fleisch und Gemüse, zum Znacht gibt es Gemüse. Die kohlenhydratarme Diät macht er in Kombination mit Akupunktur. Wie viele stark Übergewichtige hat er schon unzählige Diäten ausprobiert. Meist mit mässigem Erfolg, dafür umso grösserem Jo-Jo-Effekt.

«Es geht nicht um Schuld oder Versagen»

Von Grünigen spricht offen über seine «Übergewichtskarriere». Denn er hat eine Mission. Er will das Bild der Fettleibigen in der Öffentlichkeit verändern. Etwas gegen die Stigmatisierung tun, die bereits im Kindesalter losgeht. Seit fast siebzehn Jahren ist er Stiftungsratspräsident der Schweizerischen Adipositas Stiftung (Saps) und sagt: «Es geht nicht um Schuld oder Versagen.» Adipositas oder Fettleibigkeit sei eine Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung.

11,3 Prozent der Schweizer über 15 Jahren sind betroffen, wie die Resultate der nationalen Gesundheitsbefragung zeigen. Das sind rund 800'000 Menschen mit einem Body Mass Index (BMI) über 30. Bei der ersten Erhebung 1992 lag die Quote noch bei 5,4 Prozent. Auf über acht Milliarden Franken belaufen sich die direkten Kosten für Diäten oder Operationen und die indirekten Kosten wegen Arbeitsausfall, Invalidität oder vorzeitigem Tod.

Rentner liegen bei Alkoholund Süssigkeiten vorne

In den vergangenen Jahren wurde viel in die Prävention investiert, gerade bei Kindern. Mit Erfolg: Laut einer ETH-Studie war die Zahl übergewichtiger und fettleibiger Kinder zuletzt rückläufig. Anders sieht es bei den Senioren über 75 Jahren aus. Jeder achte von ihnen ist gemäss Gesundheitsbefragung adipös. Vor 25 Jahren war es jeder 15. In den Daten finden sich auch gleich mögliche Gründe. So erzielt aktuell niemand höhere Werte beim chronischen Alkoholkosnum wie die Generation über 75. Dafür liegt diese ganz hinten, wenn es darum geht, Gemüse und Früchte zu essen.

«Bei Süssigkeiten wiederum sind Senioren ganz vorn», sagt Ernährungsberaterin Beatrice Conrad. Das liege nicht am Wissen. «Jedem Kind ist bekannt, dass ­Gemüse gesund ist.» Aber es gebe spezifische Gründe, warum sich Senioren zum Teil unausgewogen ernähren. «Viele von ihnen sind allein. Da sinkt die Motivation, am Abend ein ausgewogenes Menu zu kochen.» Oft lasse auch die Kraft zum Rüsten nach, die Zähne würden schlechter. «Man isst lieber eine Quarktorte statt einen Apfel. Und das Gemüse wird weich gekocht statt roh gegessen.» Besonders hartnäckig sind bei Senioren die Gewohnheiten. Ernährungsberaterin Conrad betont: «Es ist schon ein grosser Erfolg, wenn jemand nach Jahrzehnten täglichen Konsums auf gezuckerte Getränke verzichtet», sagt sie.

Adipositas-Stiftungspräsident von Grünigen kennt die vielen Versuchungen. «Sie lauern überall», sagt er. Zum Beispiel, wenn über Ostern Enkel zu Gast sind. «Da denkt man: Ein winziges Stück Kuchen kann ja nicht den Weltuntergang bedeuten.» Aber schon die kleinste Abweichung vom Pfad der Tugend schlage sich sofort in Form von mehr Kilos nieder. Auch als Senior gilt deshalb für von Grünigen: «Der Kampf geht weiter.»

Spezialbetten im Spital, grosse Öfen im Krematorium

Hand bieten will die eidgenössische Ernährungskommisson (EKK). Sie hat Ende 2018 einen Bericht zur Ernährung im Alter verfasst und kommt zum Schluss: Die Zahl der übergewichtigen Senioren wird weiter steigen. Deshalb will die EEK diesen Mai konkrete Ernährungsempfehlungen für ältere Menschen publizieren. Die Wichtigste: Bedingt durch den Muskelabbau braucht der Körper ab 50 Jahren deutlich mehr Proteine, dafür weniger Kalorien pro Tag.

Reto W. Kressig, Ärztlicher Direktor der Universitären Altersmedizin Felix Platter in Basel, fordert eine Kampagne des Bundes. «Es ist wichtig, dass Menschen ab 50 ihre Ernährung umstellen.» Werde die nächste Generation älterer Menschen, die Babyboomer, gleich schwer und pflegebedürftig wie die aktuelle, brauche es tausende zusätzliche Betten in Institutionen.

5000 Patienten werden jährlich stationär im Felix-Platter-Spital behandelt. Die Zahl der Übergewichtigen steigt laufend, jene der Adipösen ist noch stabil. Neben besonders breiter und tragfähiger Spezialbetten sind auch belastbarere Gehböckli, Rollstühle oder Duschstühle im Einsatz. Und je schwerer ein Senior ist, desto grösser ist der medizinische und pflegerische Aufwand. Zum Aufsitzen, aufstehen oder umlagern braucht es stets zwei Betreuer. «Das verdoppelt den Aufwand für die tägliche Grundpflege», sagt Kressig.

«In den Krematorien sind die Ofenöffnungen teils zu klein.»Hannes Schneider, Feuerbestatter

Auch Roland Kunz, Chefarzt Akutgeriatrie und Palliative Care im Zürcher Spital Triemli, betont den Mehraufwand in der Pflege übergewichtiger Patienten im höheren Alter. «Nach akuten Erkrankungen oder einer Operation sind sie einerseits schwieriger wieder zu mobilisieren», sagt er. «Andererseits sind sie anfälliger für Komplikationen wie beispielsweise eine Lungenentzündung.» Dadurch verlängert sich häufig die Behandlung, und sie ist teurer.

Es ist umstritten, wie viele Personen an den Folgen von Adipositas sterben. Ein Thema ist die Volkskrankheit aber auch bei Bestattungen. «Das beginnt schon bei der Bergung von Verstorbenen», sagt Hannes Schneider, Präsident beim Schweizerischen Verband für Feuerbestatter. «Bei stark übergewichtigen Personen braucht es zum Teil sechs Personen, um sie aus einem hohen Stockwerk nach unten zu tragen.»

Für Erdbestattungen brauche es ab und zu Särge in Übergrösse. «Und in den Krematorien sind die Ofenöffnungen teils zu klein», sagt Schneider. Dann müsse man auf Städte wie Bern, Basel oder Zürich ausweichen, wo auch stark übergewichtige Personen eingeäschert werden können.



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Erstellt: 20.04.2019, 22:33 Uhr

Hohe Limite für Übergewichts-Operationen soll fallen

Etwa 5000 Menschen lassen sich jährlich in der Schweiz chirurgisch gegen Übergewicht operieren. Es könnten deutlich mehr sein. «Wir kämpfen mit hohen Hürden, insbesondere wenn es um die Kostengutsprache für Operationen geht», sagt Renward Hauser, Adipositas-Chirurg und Stiftungsrat bei der Saps. Eingriffe bei Adipösen seien oftmals die einzige wirkungsvolle und nachhaltige Methode, um das Gewicht in den Griff zu bekommen. «Stark Übergewichtige sind keine Charakterlumpen, die sich die Kilos einfach angefressen haben, sondern ernsthaft krank.»

Mindestens ein BMI von 35 ist aber heute Voraussetzung, damit die Krankenkassen einen chirurgischen Eingriff gegen Übergewicht bezahlen. Ebenfalls müssen die Betroffenen mindestens zwei Jahre mit Diäten hinter sich haben. Hauser kämpft dafür, dass die Anforderung gelockert werden. «Die geforderte 24-monatige Diätkarriere ist ein medizinisch nicht begründbarer Unsinn und meines Erachtens eine vorsätzliche, zumindest eventualvorsätzliche Körperverletzung auf Staatsgeheiss», sagt er. Auch beim Body-Mass-Index über 35 brauche es Anpassungen.

Dies fordert auch die Swiss Society of Morbid Obesity. Letztes Jahr führte die Organisation Gespräche mit dem Bundesamt für Gesundheit. Nun hat sie ein Gesuch ausgearbeitet, damit Krankenkassen zumindest bei Patienten mit schlecht kontrollierbarem Diabetes und einem BMI über 30 die Operationen bezahlen. Der Antrag werde noch diesen Monat beim Bund eingereicht, heisst es auf Anfrage.

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