Hochreines Kokain überschwemmt den Schweizer Markt

Keine andere illegale Droge bringt so viele Konsumenten in die Spitäler. Die Notfälle häufen sich.

«Der Puls rast, der Blutdruck ist hoch, man ist extrem aufgeregt»: Kokain ist auch in der Schweiz zur Massenware geworden. Foto: Keystone

«Der Puls rast, der Blutdruck ist hoch, man ist extrem aufgeregt»: Kokain ist auch in der Schweiz zur Massenware geworden. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Klischee geht so: Nur Manager und Models, Künstlerinnen und Werber konsumieren Kokain. Und natürlich Banker. Doch es trifft längst nicht mehr zu. Die aufputschende Droge ist zur Massenware geworden.

Ein ehemaliger Händler sagt: «Wenn man schaut, wie viel konsumiert wird und wer alles konsumiert, dann ist das schon sehr krass. Früher war Kokain sehr teuer, niemand konnte es sich leisten. Heute konsumieren sogar Putzfrauen Kokain. Und Polizisten. In jeder Schicht wird mittlerweile gekokst, wirklich in jeder.»

Die Menge an Kokain, die zum Kauf bereitsteht, in der Schweiz, in Europa, weltweit, ist so gross wie noch nie. Und noch nie war der Stoff so rein. Hierzulande ist der durchschnittliche Reinheitsgrad von Kokain in den letzten acht Jahren von 33 auf 62 Prozent gestiegen. Zum Teil werden in den Städten gar Werte von 80, 90 oder – wie jüngst im Zürcher Drogeninformationszentrum – 100 Prozent getestet. Das bedeutet, dass der in der Schweiz verkaufte Stoff immer weniger Streckmittel enthält und immer mehr dem ursprünglichen Produkt aus den südamerikanischen Labors gleicht.

Anbauflächen der Kokafelder wachsen explosionsartig

Die Erklärung ist einfach: In Kolumbien, wichtigster Kokainproduzent, haben sich die Anbauflächen in den letzten acht Jahren vervierfacht. Zurückzuführen ist dies hauptsächlich auf die Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc-Rebellen. Seither spritzt die Regierung keine Herbizide mehr, um die Ernte zu vernichten. Und die Menge der Anbauflächen schiesst in die Höhe. Auch in Peru, Nummer zwei der Herstellerländer, und Bolivien, Nummer drei, wird immer mehr produziert. Weltweit 2000 Tonnen sind es pro Jahr, 2011 war es noch halb so viel.

Zum höheren Reinheitsgrad tragen auch die neuen Schmuggelmethoden bei. Es ist den Drogenkartellen gelungen, in das globale Handelssystem einzudringen, um immer grössere Kokainmengen über den Atlantik zu transportieren. Der Schiffscontainer ist zum beliebtesten Versteck der Schmuggler geworden (zur Recherche).

Ihre neue Methode nennen die Fahnder Rip-off, zu deutsch: Abzocke. Sie besteht darin, die Siegel bereits beladener Container zu knacken und Hunderte von Kilogramm Kokain inmitten ganz normaler Waren zu verstecken – bei gefrorenem Fisch, Obst, Holz etwa. Manchmal sind es gar Tonnen. Danach verschliessen sie die Container mit gefälschten Siegeln wieder. Die Folge der Kokainschwemme: Die Abnehmer in Europa und der Schweiz haben immer mehr Stoff zu verkaufen, während die Zahl der Konsumenten – zumindest in der Schweiz – relativ stabil bleibt.

Die Kokainpreise sind relativ stabil

«Der Konsum ist nicht explodiert», sagt ein Deutschschweizer Polizist, der auf Drogenfahndung spezialisiert ist. «Es sind dieselben Konsumenten wie zuvor.» Doch weil mehr Kokain vorhanden sei, kriegten sie nun eben viel reineren Stoff. Auch Thilo Beck, Chefarzt des Zürcher Zentrums für Suchtmedizin Arud, sagt: «Wir sehen keinen Anstieg im Konsum.» 2018 veröffentlichte die Stiftung Sucht Schweiz zusammen mit der Universität Lausanne den sogenannten Marstup-Bericht. Demnach konsumieren zwischen 0,5 und 2,5 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer Kokain, je nach Art der untersuchten Bevölkerung (ländlich oder städtisch) und der Analysemethode (Erhebung oder Abwasser).

Relativ stabil sind – in ganz Europa – auch die Kokainpreise. Sie liegen in der Schweiz seit rund 15 Jahren bei 85 bis 100 Franken pro Gramm. Je näher am Ankunftshafen in Europa, desto höher der Reinheitsgrad des Kokains: In Antwerpen, einem der Haupthäfen, die Schmuggler nutzen, liegt er bei 90 Prozent. Sie verkaufen das Kokain an Grosshändler, die es an Zwischenhändler weiterverkaufen. Diese liefern es sodann in ihre nationalen Märkte. Unterwegs wird der Stoff grosszügig gestreckt – alle wollen Geld verdienen.

Allein in Kolumbien hat sich die Anbaufläche in den letzten acht Jahren vervierfacht: Kokainherstellung in der Nähe von Cali. Foto: Patrick Tombola / Laif

Doch seit einiger Zeit verletzen Neueinsteiger die Spielregeln. Das zeigen Recherchen des Tamedia-Recherchedesks mit seinen Partnern vom Journalistenkollektiv European Investigative Collaboration (EIC). Albanische Banden konkurrenzieren etablierte Händler mit sehr reinem Kokain, das sie direkt bei niederländischen Grosshändlern einkaufen. Wenn nicht gar vor Ort in Südamerika. (Wie ein Drogenboss per Privatjet 600 Kilogramm Kokain in die Schweiz transportierte, lesen Sie hier: zur Recherche)

«Das albanische Milieu verkauft immer mehr Koks», bestätigt ein Westschweizer Polizist, der auf Drogenhandel spezialisiert ist. «Der Preis für Heroin ist gestiegen. Deshalb konzentrieren sie sich auf Koks – in besserer Qualität zum gleichen Preis. So gewinnen sie Marktanteile. Die Afrikaner und die Südamerikaner müssen sich anpassen.» Auch der Lausanner Kriminologe Pierre Esseiva betont den zunehmenden Einfluss der ­Albaner. Sie hätten direkte Kontakte nach Amsterdam und Rotterdam – und «damit Zugang zu Produkten von extrem guter Qualität zu einem guten Preis».

Vergiftungsgefahr bei schwankendem Reinheitsgrad

Was aber bedeutet ein höherer Reinheitsgrad für die Konsumentinnen und Konsumenten? «Kokain ist auch in reiner Form schädlich», sagt Hugo Kupferschmidt, Direktor der Notfallgiftberatungsstelle Tox Info Suisse. «Aus pharmakologischer Sicht ist es aber grundsätzlich besser, wenn ein Stoff so rein wie möglich ist. Der Konsument weiss dann genau, was er hat, und kann gezielt dosieren.»

Nur: Schwankt der Reinheitsgrad des Kokains stark, kann es zu gefährlichen Überdosierungen kommen. Auch sind dem Kokain oft problematische Streckmittel beigemischt. Das häufigste ist laut dem Zürcher Drogeninformationszentrum (DIZ) Levamisol, ein Entwurmungsmittel für Tiere. Häufige akute Nebenwirkungen beim Menschen sind Erbrechen und Durchfall, auch allergische Reaktionen und Sprechprobleme können auftreten. Zu den gefährlichsten Nebenwirkungen gehört aber die Vaskulitis, die durch den Verschluss kleiner Blutgefässe zum Absterben von Hautarealen führt. Laut DIZ ist das Gesundheitsrisiko von Streckmitteln «schwer abschätzbar». Dabei handle es sich vor allem um Langzeitfolgen.

Ein Zollbeamter prüft in Chiasso beschlagnahmtes Kokain. Foto: Keystone

Laut Hugo Kupferschmidt, Spezialist für Vergiftungen, hat also nicht der hohe Reinheitsgrad schädliche Auswirkungen auf den Körper, sondern «die Überdosierung einerseits und der chronische Konsum von unterschiedlich gestrecktem Kokain andererseits». Man könne im Einzelfall nur vermuten, ob die Ursachen gesundheitlicher Probleme im reineren Kokain oder in den Streckmitteln lägen. An den meisten Schweizer Spitälern würden die Substanzen nur dann getestet, wenn Zweifel an der konsumierten Droge bestünden. Oder wenn die Symptome der Patienten medizinisch nicht erklärbar seien.

Fest steht: Keine andere illegale Droge in der Schweiz und in Europa bringt so viele Konsumenten in die Notaufnahme der Spitäler. Und die Fälle nehmen zu. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums des Inselspitals Bern, vermutet, dass die Konsumenten immer häufiger überdosieren und mit anderen Drogen mixen: «Wir stellen einen deutlichen Trend fest. Behandelten wir 2013 noch 22 Patienten mit Kokainvergiftungen, werden es dieses Jahr deutlich über 100 Patienten sein.» Die häufigsten Symptome einer Kokainüberdosierung sind laut dem Notfallmediziner Bluthochdruck, Herzrasen, starke Unruhe, Kopfschmerzen oder Bewusstseinsveränderungen.

In Grossbritannien haben sich die Todesfälle durch Kokain verdoppelt.

Exadaktylos und seine Kollegen analysieren seit Jahren die Drogenstatistik der Notaufnahme. In einer Studie aus dem Jahr 2016 berichteten die Ärzte über einen Todesfall, der in direktem Zusammenhang mit Kokain stand. Gleichzeitig beobachtet der Chefarzt eine Bagatellisierung des Kokainkonsums: «Die Konsumentinnen und Konsumenten, die wir im Notfallzentrum behandeln, nehmen Kokain häufig nicht als gefährlich wahr. Es gehört für sie einfach dazu.»

Auch das Unispital Basel hat 2014 und 2015 in zwei einjährigen Studien seine Notfälle im Zusammenhang mit Kokain untersucht. Das Resultat: Kokain ist – genau wie in Bern – in beiden Studien diejenige illegale Droge, die Patienten am häufigsten in die Notfallstation bringt. Eine Person verstarb. Laut Co-Autor Matthias Liechti ist die Zahl der Kokainnotfälle seither gestiegen – von rund 75 auf rund 100 Fälle pro Jahr. 2018 waren es 109 Fälle. Das ist am Unispital Basel Rekord.

Auch ein Vergleich von 26 europäischen Spitälern bestätigt den Befund. In Grossbritannien haben sich die Todesfälle durch Kokain verdoppelt. In der Schweiz bleiben sie auf sehr niedrigem Niveau in etwa stabil.

Nur rund 15 bis 20 Prozent der Konsumenten werden abhängig

«Überdosierungen sind selten, doch sie kommen vor», sagt Thilo Beck, Chefarzt des Zürcher Zentrums für Suchtmedizin Arud. «Man muss trotz allem festhalten, dass sich, gemessen an der Menge an Leuten, die Kokain konsumieren, relativ wenig schwere Zwischenfälle ereignen.» Festhalten müsse man auch, dass nur die Minderheit der regelmässigen Konsumenten – rund 15 bis 20 Prozent – eine Abhängigkeit entwickle. Und auch diese müsse nicht für alle ein Problem sein. «Es gibt sogenannte kompensierte Abhängigkeiten. Das ist dann der Fall, wenn die Konsumenten damit umgehen können, dass sie abhängig sind. Und wenn sie dabei weder gravierende gesundheitliche noch soziale Schäden davontragen.»

Psychiater Beck fordert ein radikales Umdenken: weg vom Problemkonsumenten, hin zum Normalkonsumenten. Kokainkonsum sei ein Phänomen, das man mit Repression nicht in den Griff bekomme. Es werde versucht, ihn zu verhindern, und doch werde tonnenweise produziert, transportiert, importiert, verkauft und konsumiert. «Um die Konsumenten zu schützen, versuchen wir auch noch, die Qualität des Kokains mittels Drogentests zu beurteilen», sagt Beck. «Das ist schlicht absurd.»

Der Chefarzt wirft dem Staat Mutlosigkeit vor. Statt nach Lösungen zu suchen, die den Konsumenten wirklich helfen würden, schaue er weg. Seit Jahren spricht sich Beck für eine Legalisierung von Kokain aus. Und schlägt konkret vor: Preis nicht zu hoch, Preis nicht zu tief, Information der Konsumenten über Stoff, damit verbundene Risiken und möglichst sicheren Gebrauch, keine Werbung. «Dann können sie entscheiden, ob sie das Risiko auf sich nehmen wollen oder nicht», sagte Beck letztes Jahr der «Wochenzeitung». Auch jetzt betont er: «Den Leuten, die süchtig werden, müssen wir schnell und unkompliziert Unterstützung anbieten. Wir müssen ihnen mit adäquaten und gut verfügbaren Therapieangeboten helfen, den Konsumdrang besser zu steuern.»

Kokain ist als Droge salonfähig geworden. Dabei geht für Notfallmediziner Exadaktylos eines vergessen: «Kokain ist eine hochgefährliche Droge, die ein sehr hohes psychisches Abhängigkeitspotenzial birgt und sehr gefährlich für Herz und Kreislauf sein kann. Der Puls rast, der Blutdruck ist hoch, man ist extrem aufgeregt. Es ist, als wäre man ständig am Rennen. Die Wahrnehmung verändert sich, erschöpft den Körper irgendwann total und macht wahnsinnig Angst.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 10.11.2019, 09:19 Uhr

Für den Bund hat die Drogenbekämpfung keine Priorität

2015 legte das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement seine «kriminalpolizeilichen Schwerpunkte» für das ihm angeschlossene Bundesamt für Polizei (Fedpol) fest. Priorität haben seither der Terrorismus, die Motorradbanden und sogar der Handel mit Kulturgütern. Der Kampf gegen den internationalen Drogenhandel steht nicht mehr im Vordergrund. Darauf angesprochen, bestätigen zwei Polizisten, dass der Bund sich ausgerechnet dort seit Jahren zurückhalte. «In den letzten vier oder fünf Jahren hatten Drogen nicht mehr die gleiche Priorität», sagt ein Polizist, der das Fedpol gut kennt.

«Es gab einen Strukturwandel, der dies widerspiegelt.» Der zweite Ermittler bedauert, dass ausgerechnet der Bund eine kleinere Rolle spiele. «In allen anderen Staaten der Welt gibt es eine starke Bundespolizei, die für Drogen zuständig ist, aber nicht in der Schweiz.» So liege die Bekämpfung des Drogenhandels hauptsächlich in der Verantwortung der Kantone.

Fedpol räumt auf Anfrage zwar ein, dass es seine Prioritäten in den letzten Jahren neu ausgerichtet hat. Doch man habe den Kampf gegen Drogenkriminalität keineswegs aufgegeben. «Die ehemals als Kommissariat Betäubungs-mittel bekannte Abteilung ist nicht aufgelöst worden», sagt Sprecher Thomas Dayer. Sie habe ihren Zuständigkeitsbereich auf die organisierte und schwere Kriminalität ausgedehnt. Zwei ihrer Polizeidienststellen kümmerten sich weiterhin um «die meisten Fälle im Zusammenhang mit dem Drogenhandel».

Sylvain Besson

Artikel zum Thema

Wie Banden Kokain in Schweizer Schiffen nach Europa schmuggeln

Kriminelle nutzen eine neue Transportmethode: «Rip-off» – Kokain versteckt in Containerschiffen. Davon betroffen ist auch eine Genfer Firma. Mehr...

Behörden beschlagnahmen in Basel 600 Kilo Kokain

Dem Fedpol gelang in Zusammenarbeit mit Europol ein gigantischer Drogenfund. Drei Personen wurden in der Schweiz verhaftet. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.