Beste Feinde sollt ihr sein

Die Leader im Team Movistar machen dem Namen des Hauptsponsors alle Ehre – mit filmmässigen Dramen und Intrigen. Die Vuelta ist aber ihre letzte gemeinsame Posse.

Verkehrt herum: Der designierte Teamleader Quintana (in Grün) fährt Valverde hinterher. Foto: Getty Images

Verkehrt herum: Der designierte Teamleader Quintana (in Grün) fährt Valverde hinterher. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man könnte diese Geschichte durchaus als ausserordentliche Erfolgsstory verkaufen. Und löge nicht einmal. Denn das Team Movistar steht tatsächlich vor einem sporthistorischen Erfolg.

Im Mai gewannen die Spanier die Teamwertung des Giro, 17:36 Minuten vor Astana. Im Juli an der Tour dominierten sie das Klassement, siegten 47:54 vor Trek. In Spanien ist derzeit die Situation nicht ganz so klar, doch die Tendenz ist positiv: Nach der vorletzten Bergankunft am Montag, gewonnen von Jakob Fuglsang, führt Movistar mit 16:11 Minuten. Gewonnen ist die Wertung aber noch nicht, dafür sind Astana und Jumbo-Visma, die Equipe von Leader Primoz Roglic, zu stark.

Schafft Movistar am Sonntag den Hattrick, wäre es erst das zweite Mal in der Radgeschichte, dass eine Mannschaft die Wertung in allen drei grossen Rundfahrten für sich entscheiden würde – einzig dem Team Kas gelang das 1974.

Es gibt bei der Wertung allerdings einen Schönheitsfehler: Der Sieg spricht nicht für, sondern eher gegen das Team. Denn das Klassement ist ein Anachronismus. Während sich bei den besten Teams alle Kollegen für ihren Leader aufopfern und entsprechend meist deutlich nach diesem ins Ziel kommen, kriegen das die ­Movistar-Athleten regelmässig nicht auf die Reihe. Sprich: Jeder fährt für sich ins Ziel, statt die eigenen Kräfte für den anderen zu opfern.

Jeder macht sein Ding

So ist es an der Vuelta, wo eigentlich Nairo Quintana der Leader wäre, Weltmeister Alejandro Valverde sich aber darum foutiert und momentan souveräner Gesamtzweiter ist.

So war es an der Tour de France, wo ebenfalls Quintana auserkoren war, das Team Ineos herauszufordern. Stattdessen brach er als erster Movistar-Fahrer ein. Und als Kollege Mikel Landa einige Tage später Erfolg versprechend eingesprungen war, ein Podestplatz möglich schien, machte Quintana erneut sein Ding – und gewann die Etappe.

Bei Movistar fährt jeder für sich ins Ziel, statt die eigenen Kräfte für den anderen zu opfern.

Selbst am Giro d’Italia wurde die Teamorder durcheinandergewirbelt. Landa hätte der Chef sein sollen. Stattdessen stahl sich Richard Carapaz in einem unbeachteten Moment davon – und gewann das Rennen.

Es ist also nicht so, dass Movistar nicht erfolgreich wäre. Doch fast jede Grand Tour beenden sie unter dem Eindruck, dass da mit ein bisschen mehr Einheit eigentlich noch viel mehr möglich gewesen wäre.

Talentrekrutierung erweist sich als schwierig

Aber die Teamleader können einfach nicht miteinander – und das ist durchaus nachvollziehbar. Quintana ist eine Sphinx, regungslos gegenüber Freund und Feind. Landa ein Grosstalent, das stets am Druck zerbricht. Und Valverde ein gnadenloser Opportunist, der aber seit 15 Jahren Siege liefert und darum unangreifbar ist.

Entsprechend wirken die Fotos, zu denen Quintana, Valverde und Landa regelmässig verknurrt werden – mit gegenseitig über die Schultern gelegten Armen – fast schon ironisch. Sollten sie natürlich nicht sein, die Teamleitung glaubt durchaus, so nach aussen das Bild eines geschlossenen Teamgefüges abzugeben. Das bisherige Highlight war ein Video am Tour-Ruhetag, in dem Landa Quintana im Teambus die Wade massierte, derweil Valverde in die Kamera grinste. Dazu die Botschaft: Wir rollen zusammen.

Doch der Spass an der Selbstzerfleischung des Dreizacks, wie das Trio jeweils vor den grossen Rundfahrten präsentiert wurde, hat ein Ende: Quintana wechselt, wohl auch gestresst vom ständigen Entgegenwirken Valverdes, zum französischen Team Arkea-Samsic. Landa steht künftig bei Bahrain-Merida im Sold. Und Carapaz, den Movistar noch so gerne gehalten hätte, wird künftig bei Ineos sehr gut entlöhnt – um sich dafür an die Teamhierarchie zu halten.

Besonders die Talente aus Kolumbien sind zu begehrt geworden, als dass die Konkurrenz diese alle Movistar überliesse.

Kehrt also erstmals Ruhe und Einheit ein im einzigen spanischen Worldtour-Team? Zweifel bleiben. Zumal sich Movistar schwertut in der Talentrekrutierung. Als einzige spanischsprachige Spitzenmannschaft war man lange die erste Adresse für Fahrer aus Südamerika. Doch besonders die Talente aus Kolumbien sind mittlerweile zu begehrt geworden, als dass die Konkurrenz diese alle Movistar überliesse. Die jüngste Generation von Südamerikanern scheut sich zudem auch nicht mehr, in ein Team zu wechseln, in dem Englisch gesprochen wird.

Nachfolger sind nicht besser

Und da wären noch die Charaktere der künftigen Leader. Etwa jener von Marc Soler, bereits Sieger von Paris–Nizza. Vergangene Woche verwarf er kamerawirksam die Hände, als er geheissen wurde, seine Kräfte für Quintana statt für den möglichen eigenen Erfolg einzusetzen – nicht gerade die Reaktion eines Teamplayers. Und Enric Mas, das andere spanische Talent, das 2020 von Quick-Step kommt, machte dort bereits auf sich aufmerksam, indem er die eigenen Interessen höher gewichtete als die der belgischen Equipe. Aber wer weiss: Vielleicht war dieser Charakterzug ja auch der Grund für seine Verpflichtung.

Erstellt: 11.09.2019, 08:59 Uhr

Artikel zum Thema

Die Franzosen machen an der Tour ernst

Pinot gewinnt auf dem Tourmalet, Alaphilippe ist weiter Leader. Erstmals seit 30 Jahren haben zwei Einheimische wieder eine echte Chance, die Tour zu gewinnen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare