Er rennt für ein besseres Leben

Er gehört zu den Schnellsten der Welt, seit 2007 bricht Tadesse Abraham Rekorde für die Schweiz. Seine Karriere hatte jedoch einen schweren Start.

An der EM  in Berlin diesen August holte er
die Silbermedaille: Der Schweizer Marathonläufer Tadesse Abraham. Foto: Walter Bieri

An der EM in Berlin diesen August holte er die Silbermedaille: Der Schweizer Marathonläufer Tadesse Abraham. Foto: Walter Bieri Bild: Keystone

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Schon als Kind war er der Schnellste. Auf dem Schulweg mass er sich mit seinen Kameraden und rannte allen um die Ohren. Doch an einem offiziellen Wettlauf teilnehmen – das wollte Tadesse, der Bauernjunge aus Eritrea, nicht. «Weshalb auch?», fragte er seinen Freund. «Weil es für alle Teilnehmer des Rennens während der Trainingswochen in der Schule Gratisfrühstück gibt», erwiderte dieser. Und Tadesse, der selten genug im Magen hatte, zögerte nicht länger: Mit 15 lief er in Asmara, der Hauptstadt Eritreas im Nordosten von Afrika, für ein paar Brote und Tee seinen ersten Wettkampf. Er landete auf dem dritten Platz.

Das war der Anfang einer grossen Sportkarriere. Heute, zwei Jahrzehnte und eine Einbürgerung später, läuft Tadesse Abraham, 36, für die Schweiz und gehört zu den schnellsten Marathonläufern der Welt. 2016 wurde er Halbmarathon-Europameister, holte im gleichen Jahr als Marathon-Siebter in Rio ein Olympisches Diplom und diesen August an der EM in Berlin die Silbermedaille. «Tadesse ist ein dankbarer und bescheidener Mensch», sagt sein Trainer Urs Zenger, der Abraham seit seiner Ankunft in der Schweiz 2004 begleitet. «Und er ist ein grosser Sportler, der haushälterisch mit seinen Kräften umgeht, langfristig plant und zielorientiert ist.»

Ein Ziel hatte Tadesse stets vor Augen. Doch waren es nie Medaillen, denen er hinterherjagte, sondern Dinge, die sein Leben erleichterten. Als Teenager lief er für ein Frühstück. Als Nachwuchsathlet für gesponserte Schuhe. Als Flüchtling, um der bedrohlichen politischen Lage in seiner Heimat zu entkommen. Und als Asylbewerber in der Schweiz lief er, um dank der Preisgelder nicht von der Sozialhilfe abhängig zu sein. Seit er denken kann, rennt Tadesse Abraham für ein besseres Leben.

Er lief unermüdlich in seinen kaputten und behelfsmässig geflickten Turnschuhen.

Gefunden hat er es in Genf, wo er mit seiner Frau Senait, 43, und Sohn Elod, 7, wohnt. Die Familie ist sein Mittelpunkt, «das Wichtigste in meinem Leben». Dieses Wochenende hat sie ihn nach Uster ZH begleitet, wo Tadesse Abraham mehrere Jahre lebte. Am Vortag holte er beim Greifenseelauf die Goldmedaille. Auch die Brüder Michele, 25, und Habtega, 33, die ebenfalls in Europa leben, sind gekommen sowie Senaits Pflegebruder Jean-Marie, 42, und dessen Sohn Jason, 6. Jetzt ist die Familie im Stadtpark. Die Männer spielen Fussball und geniessen das Zusammensein. «Der Grossteil unserer Familie ist in Eritrea, und wir haben nur uns, darum sind Momente wie dieser umso wichtiger», sagt Habtega Abraham. Wann immer möglich fährt er bei grossen Läufen am Streckenrand neben seinem Bruder her und feuert ihn an.

Zehn Kilometer Schulweg

Radfahren – das tat auch Tadesse als Teenager lieber, als zu laufen. Doch nachdem das Velo bei einem Unfall kaputtgegangen war, musste er wohl oder übel den Schulweg – zehn Kilometer hin und nochmals zehn zurück – zu Fuss bewältigen. Manchmal war er spät dran und musste rennen. Daraus wurde eine Gewohnheit, später ein Wettbewerb mit seinem Freund. Und dann, 1997, für ein paar Brote ein Training zum ersten offiziellen Wettlauf.

Tadesse Abraham hörte nicht auf zu trainieren und lief unermüdlich in seinen kaputten und behelfsmässig geflickten Turnschuhen. Ein Jahr später trat er bei einem nationalen Wettlauf an, wo er erstmals auf eritreische Top-Athleten traf. Der junge Tadesse sah ihre schönen Kleider, die neuen Schuhe, und er dachte: «Wenn ich schneller werde, bin ich gleich wie die, dann habe ich auch solche Laufschuhe.»

Mit diesem Ziel vor Augen ging er an den Start und lief die 3000 Meter, so schnell er konnte. Der Neuling wurde auf Anhieb Dritter und sorgte bei den Zuschauern für Erstaunen. Der Präsident des eritreischen Laufclubs wollte ihn in sein Team holen. Doch Tadesse folgte dem Rat seiner Eltern und machte zuerst die Schule fertig. Zudem musste er wie alle männlichen Jugendlichen in Eritrea schon als Schüler für drei Monate ins Militär und sich zum Soldaten ausbilden lassen.

«Vielleicht war es egoistisch, meine Familie ohne eine Nachricht zurückzulassen, aber ich musste weg.»

Zu jener Zeit war die politische Lage in Eritrea für die Menschen ebenso schwierig wie heute. Das repressive Regime unterdrückt Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung. In Eritrea gibt es keine freie Presse, und wer das Regime kritisiert, kommt in Haft. Am meisten leidet die Bevölkerung unter dem unbefristeten Nationaldienst: Junge Erwachsene werden vom Militär eingezogen und müssen für einen geringen Sold Dienst leisten, dessen Ende nicht absehbar ist. Davor hatte Tadesse Abraham Angst. Er wusste, ein Beitritt zum nationalen Läuferteam könnte ihn vor dem Militärdienst bewahren. «Darum wollte ich Profi werden.»

2001 schloss er sich dem nationalen Club an und lief fortan auch an internationalen Wettkämpfen. Doch das mulmige Gefühl, das er hinsichtlich der politischen Lage hatte, blieb. Er fühlte sich ständig überwacht. Auf Auslandsreisen mit dem Team musste er seinen Pass abgeben, und der Chef wollte stets informiert sein, wo er war – im Zimmer, beim Essen, sogar auf der Toilette. «Das fand ich nicht normal, wir sind doch Menschen», sagt Tadesse Abraham. Darum entschied er sich 2004 zur Flucht. An der Cross-WM in Brüssel setzte sich der damals 22-Jährige unbemerkt vom Team ab. Diese Möglichkeit erschien ihm sicherer als der beschwerliche Weg von Eritrea über den Sudan und Libyen, den seine jüngeren Brüder später nahmen. «Vielleicht war es egoistisch, meine Familie ohne eine Nachricht zurückzulassen, aber ich musste weg», sagt er.

Über Frankreich reiste er in die Schweiz, ein neutrales Land, wie er aus der Schule wusste, und landete in einer Asylunterkunft in Uster. «Ich lebte in einer Zivilschutzanlage, einem Bunker, ohne Licht und frische Luft, aber ich war glücklich, dass ich es hierher geschafft hatte.» Und traurig zugleich. Denn er kannte niemanden, war einsam. Nachts, in der Dunkelheit des Bunkers, fasste Tadesse Abraham einen Entschluss: «Ich will Freunde finden und alles lernen über die Kultur dieses Landes und über die Menschen, die hier leben.»

Die Beine waren sein Kapital

Um sich zu beschäftigen und unter Leute zu kommen, verkaufte er am Zürcher Bellevue das Strassenmagazin «Surprise». Und er ging auf die Leichtathletikanlage, die direkt neben seiner Unterkunft lag, um mit anderen zu laufen. Er schloss sich dem Leichtathletikclub Uster an und lernte abseits der Laufbahn bei gemeinsamen Reisen und Abendessen die Gepflogenheiten der Schweizer kennen. Er lernte die Sprache, fand Freunde und bekam zwei Jahre nach seiner Einreise auch eine Arbeitsbewilligung.

«Dank der Schweiz konnte ich alle meine Träume als Läufer erfüllen»: Tadesse Abraham. Foto: Keystone

Vorerst jedoch lebte Tadesse Abraham von der Sozialhilfe. Aber er wollte selber für seinen Lebensunterhalt aufkommen, und er wusste: Seine Beine waren sein Kapital. Er wollte sie einsetzen und für Preisgelder laufen. Ab 2007 verschrieb sich Tadesse Abraham dem Spitzensport. Er trainierte härter als zuvor und arbeitete für Schweizer Athleten als Tempomacher. Die Strassenläufe und Halbmarathons, an denen er teilnahm, entschied er regelmässig für sich. Ab 2009 lief er auch die Marathondistanz über 42,195 Kilometer – «weil sich beim Marathon mehr Geld verdienen lässt».

Mit neuer Kraft zum Rekord

Je schneller Tadesse Abraham wurde, desto mehr wuchs der Druck. 2014 drohte der Sportler daran zu zerbrechen. Er war inzwischen ein junger, verheirateter Vater und frisch eingebürgert. Die ganze Schweiz schaute auf den Favoriten aus Eritrea, der an der Leichtathletik-Europameisterschaft in Zürich erstmals für die Schweiz an den Start ging. Interviews, Mikrofone, Kameras – das war er nicht gewohnt. «Ich war blockiert und lief nicht gut.» Der EM-Favorit wurde bloss Neunter und fiel in ein tiefes Loch. Wie sollte er künftig mit dem Druck umgehen? «Ich war verzweifelt, wusste nicht weiter und stand kurz davor, meine Karriere zu beenden.»

Doch die Familie war an seiner Seite, redete ihm gut zu. «Tade, du bist ein Kämpfer, mach weiter und sei ein Vorbild für deinen Sohn», sagte seine Frau Senait. Also liess er sich von einem Mentaltrainer begleiten und lernte, beim Laufen die Erwartungen der anderen auszublenden. So fand er neue Kraft und lief 2016 zu Höchstform auf, als er mit 2:06:40 den Schweizer Marathonrekord von Viktor Röthlin brach. Im gleichen Jahr wurde er Halbmarathon-Europameister und zog an die Olympischen Spiele nach Rio.

Als er sich in Äthiopien auf diesen Wettkampf vorbereitete, hing in seinem Zimmer eine Schweizer Flagge, «denn dank diesem Land konnte ich alle meine Träume als Läufer erfüllen». Er sitzt jetzt mit Sohn Elod, der mit seinen sieben Jahren auch schon erfolgreich kurze Wettläufe absolviert, auf dem Spielplatz in Uster. Er zeigt ihm den Ort, wo er vor 14 Jahren ein neues Leben anfing. «Die Schweiz ist jetzt meine Heimat.»

Und Eritrea? Die Eltern und vier seiner Geschwister leben noch dort. Sie verfolgen Tadesses Wettläufe am Fernseher, telefonieren häufig. Zurückgereist ist der Sportler nie, und das, obwohl er es mit dem Schweizer Pass könnte. Allerdings weiss er nicht, ob man ihn wieder ausreisen liesse. Das will er nicht riskieren. «Mein Sohn braucht mich hier.» Und doch schlägt sein Herz noch immer auch für die alte Heimat. «Ich bin stolz auf meine Wurzeln, sie haben mich stark gemacht», sagt Tadesse Abraham. «In Eritrea habe ich gelernt, für ein besseres Leben zu laufen.»

Erstellt: 22.10.2018, 15:53 Uhr

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