«Der Schlendrian hat Einzug gehalten»

ZSC-Geschäftsführer Peter Zahner erklärt die Trennung von Arno Del Curto, den jüngsten Trainerverschleiss und die Gründe, wieso es auf allen Ebenen kriselt.

Der Blick zurück und nach vorne: Peter Zahner.

Der Blick zurück und nach vorne: Peter Zahner. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wie fielen die Reaktionen aus auf die Trennung von Arno Del Curto?
Geteilt. In Zürich gab es schon ­einige, die den Entscheid falsch fanden. Vor allem solche, die 1992 noch erlebt hatten. Uns war bewusst: Wir könnten es uns einfacher machen, wenn wir mit Del Curto weiterfahren würden. Rein, was die Wirkung in der Öffentlichkeit angeht. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Zukunft der ZSC Lions. Ausserhalb von Zürich überwogen die Reaktionen jener, die unseren Entscheid nachvollziehen konnten.

Sportchef Sven Leuenberger sagte, ihm sei klar gewesen, dass die Zeit für Del Curto zu knapp sei, sein Eishockey zu installieren. Wieso hat man ihm diese Zeit jetzt nicht gegeben?
Es gab Gründe, die dafür sprachen, Del Curto zu behalten. Und Gründe, die dagegen sprachen. Wir führten Gespräche mit allen Beteiligten, haben alles durchleuchtet und gelangten in der Gesamtanalyse zur Überzeugung, dass wir einen Trainerwechsel vollziehen wollen. Aber ich kann an dieser Stelle nicht die einzelnen Gründe aufführen. Das wäre nicht zielführend.

Brauchten Sie einen Monat, um herauszufinden, dass die Resultate nicht stimmten? Was wird Del Curto sonst vorgeworfen?
Ich möchte da wirklich nicht ins Detail gehen. Das wäre nicht opportun. Gewisse Dinge muss man erklären. Aber es gibt Grenzen.

Playoff verpasst, mit der Trennung von Del Curto weiter Goodwill verspielt. Haben Sie Angst, dass Sie das bei den Saisonkarten spüren werden?
Ich gehe davon aus, dass wir das spüren werden, ja. Aber es gibt auch Punkte, die dafür sprechen, wieder eine Saisonkarte zu kaufen. Wir haben eine sehr umfassende Analyse gemacht. Und daraus werden nun die Schlüsse gezogen. Wir greifen nächstes Jahr wieder an. Zudem werden wir die langjährigen Saisonkartenbesitzer im neuen Stadion (ab 2022) prioritär behandeln. Sie werden das Recht haben, zuerst ihren Sitzplatz auszuwählen.

Wie erklären Sie sich die völlig verpatzte Saison?
Ich bin froh, wurden wir 2018 Schweizer Meister. Aber der Titel hat gewisse Dinge zugedeckt. Ich weiss noch, wie ich in Lugano nach Spiel 7 sagte, dass wir die 50 Spiele der Qualifikation trotzdem genau analysieren müssen.

Was Sie aber nicht getan haben.
Doch, aber nicht mit der letzten Konsequenz, die nötig gewesen wäre. Viele sagten: Das Team sieht sowieso komplett anders aus. Wir haben einen neuen Trainer, neue Ausländer, neue Schweizer Spieler. Wir analysierten schon, aber im Erfolg hat man zu wenig Mut für Veränderungen.

Der Meistertitel war also ein Pyrrhussieg?
Jetzt haben Sie Ihre Headline! Wie gesagt: Ich bedaure den Titel nicht. Aber er führte dazu, dass wir das, war vorher war, zu ­wenig konsequent durchleuchtet haben. Und die ganze Misere begann dann schon im Cupspiel in Bülach, als wir uns unglaublich schwertaten gegen ein Mysports-Team. Da spürte man bereits: Es fehlt die Bereitschaft, an die Grenze zu gehen. Man hatte oft das Gefühl, das Team spiele mit 70, 80 Prozent. Die Champions-League-Spiele gegen Frölunda und Oulu waren die Ausnahme.

Wie kann es sein, dass diese Bereitschaft fehlte?
Vielleicht sass der eine oder andere in der Kabine, schaute sich um und dachte: Wow, was für eine Mannschaft! Und glaubte, es laufe automatisch. Der Schlendrian hielt Einzug. Die Spieler sagten selber in der Analyse, sie hätten die Situation unterschätzt. Sie sind sehr selbstkritisch, schieben die Schuld auf niemanden ab. Das ist ein erster guter Schritt für eine bessere Zukunft. Sie zeigten nicht mit dem Finger auf jemand anderen.

«Wir wussten: Wir könnten es uns ­einfacher machen, wenn wir mit Arno Del Curto weiterfahren.»Peter Zahner

Das müssen die Spieler gar nicht, das tut ja schon der Club, indem er die ganze Zeit den Trainer wechselt.
Entschuldigung, das ist polemisch! Wenn ein Vertrag ausläuft und nicht erneuert wird, haben wir den Trainer nicht entlassen. Wir haben Del Curto nicht entlassen. Kossmann, Crawford und Hartley auch nicht.

Aber es ist immer der Trainer, der die Zeche zahlt. Oder gibt es auch Massnahmen bei Spielern?
Mit Massnahmen meinen Sie, dass wir uns von Spielern trennen, die einen Vertrag haben?

Ja.
Zurzeit ist der Schweizer Spielermarkt völlig ausgetrocknet. Der findet von Oktober bis Dezember statt. Wenn wir jetzt einen Spieler wegschicken würden, müsste ­etwas Gravierendes vorgefallen sein: eine absolute Disziplinlosigkeit oder ein extremes Fehlverhalten, das mit unseren Werten nicht vereinbar ist. Das gab es nicht.

Jeder Coach, der zum ZSC kommt, weiss: Die Spieler sind am längeren Hebel. Sie haben Fünfjahresverträge und ­werden bleiben. Egal, was ist.
Ist das nur in Zürich so? Ich glaube nicht. Es ist nicht unser Ziel, jedes Mal um Weihnachten den Trainer zu wechseln. Im Gegenteil. Als ich am 1. Dezember 2007 bei den ZSC Lions begann, schrieb ich das Erfolgsrezept nieder. Es heisst: Kontinuität. Bei den Spielern kann man zwei bis fünf Änderungen pro Jahr machen. Dann gibt es die operative Ebene mit Geschäftsführer, Sportchef und den Coaches und die strategische Ebene mit dem Präsidenten und dem Verwaltungsrat. Auf zwei dieser drei Ebenen sollte Kontinuität herrschen. Wir haben zuletzt leider bei den Coaches keine Kontinuität gehabt. Das ist nicht gut. Aber wenn das Verfehlen des Playoffs etwas Gutes hat, dann das: Es kam vieles zum Vorschein.

Zum Beispiel?
Dass uns die Einstellung abhandengekommen ist, täglich besser zu werden. Und zwar überall: in der Kabine, auf dem Eis, in der ganzen Organisation. Es kann sein, dass wir zu viel verwaltet und zu wenig gestaltet haben. Auch im Nachwuchs. Die Konkurrenz hat aufgeholt oder uns überholt. Und wir waren als grosse Hockeyorganisation zu wenig mutig, um über den Zaun zu schauen. Uns wurden im Nachwuchs ständig Spieler abgeworben. Wir hingegen waren zu passiv, haben zu sehr nur auf eigene Spieler gesetzt. Wir müssen auf die Jungen zugehen, die uns auffallen. Ihnen aufzeigen, was wir bieten können.

Leuenberger trat an, um die Kultur zu verändern. Mit ihm wurde der ZSC einmal Siebter und einmal Neunter. Wie ­beurteilen Sie seine Arbeit?
Leuenberger machte vor einem Jahr sehr gute Transfers. Das sahen alle so. Auch die Journalisten. Niemand sagte, man hätte Bodenmann, Hollenstein, Cervenka oder Noreau nicht holen sollen. Und er hat klare Vorstellungen. Ich finde, er hat gute Arbeit geleistet. Aber was uns nicht gelang, war, eine DNA herauszubilden. Wofür stehen wir? Sind wir einfach die, die sagen: Wir beginnen ein Spiel und schauen, wie es läuft? Wir stellten in der Analyse fest: Wir verloren die Saison im ersten Drittel der Partien. Da kommt mir der berühmte Satz in den Sinn: Wir waren nicht bereit. Wenn du das sagen musst, ist das verheerend.

Ist Leuenberger zu nahe an den Trainern?
Es ist seine Aufgabe, nahe am Sport zu sein. Er ist ja Sportchef, nicht Bürochef. Die Frage ist, ob er die Trainer beeinflusst. Ich glaube nicht. Der Sportchef muss ein Sparringspartner sein für den Trainer. Aber am Schluss entscheidet nur der Trainer.

«Vielleicht sass der eine oder andere in der ­Kabine und dachte: Wow, was für eine Mannschaft!»Peter Zahner

Bleibt Leuenberger?
Ja.

Wie weit sind Sie bei der ­Trainersuche?
Leuenberger führt eine Liste mit potenziellen Kandidaten. Und er führt erste Interviews.

Wird es entweder ein NHL-Coach oder ein Schwede?
Die Nationalität ist nicht entscheidend. Entscheidend sind die Persönlichkeit und die Ansichten über die Entwicklung des modernen Eishockeys.

Ist es ein Thema, einen Meistertrainer zurückzuholen?
Es wäre nicht opportun, wenn ich dazu etwas sagen würde.

Ralph Krueger wäre nun frei.
Dazu kann ich auch nichts sagen.

Wie können Sie den Goodwill der Leute zurückgewinnen?
Wir müssen glaubhaft darlegen, dass wir jeden Tag besser werden wollen. Wir müssen auf allen Ebenen eine Schippe drauflegen. Und das muss sich auswirken in leidenschaftliche Leistungen des Teams. Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die Analyse nun zu Massnahmen führt, die wir umsetzen. Da werde ich den Finger draufhalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2019, 11:17 Uhr

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