Grönborg und Jalonen – Freunde werden sie nie

Hipster Rikard Grönborg, ZSC-Coach, muss die Spieler für sich gewinnen, sein grossväterlich wirkendes Pendant beim SCB, Kari Jalonen, darf sie nicht verlieren.

ZSC-Coach und Hipster: Rikard Grönborg. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus)

ZSC-Coach und Hipster: Rikard Grönborg. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus)

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Als ich am Sonntagnachmittag im Hallenstadion die ernsten, kontrollierten Gesichter der beiden Coaches studierte, fragte ich mich, in wessen Schuhen ich lieber stecken würde. Auf der einen Seite der grossväterlich wirkende Kari Jalonen, der die Welt ruhig durch seine Brille betrachtete. Auf der anderen der perfekt gekleidete Hipster Rikard Grönborg. Beide strahlten mit ihrem Auftreten dasselbe aus: «Ja, ich habe alles unter Kontrolle. Vertraut mir, es wird funktionieren!» Das sollte es auch. Ich weiss aus Erfahrung: Der Trainerjob in Zürich ist der gefährlichste, jener in Bern der komplexeste. Für beide brauchst du eine dicke Haut. Aber eben: Welcher würde mich mehr reizen?

Der erste Schritt für jeden Trainer ist es, die Spieler davon zu überzeugen, ihm zu folgen. Zwei Meistertitel in drei Jahren zeigen, dass Jalonen dies geschafft hat. Aber das bedeutet nicht, dass die Spieler seine Methoden mögen. Abstammend vom kälteren, harscheren Hockeyumfeld in Finnland, ist sein Stil autoritär. Wenn ihn ein Spieler fragt, wieso er dies oder das tun müsse, wird die Antwort oft lauten: «Weil ich es so sage.» Doch das wird jetzt nicht mehr reichen.

Der Berner Meistertrainer Kari Jalonen. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Jalonen muss seinen Werten treu bleiben. Aber es ist für ihn ein Drahtseilakt zwischen einer offeneren Kommunikation und seiner autoritären Art. Und er muss verhindern, dass es Risse gibt im Team. Spätestens bis Weihnachten muss der SCB wieder die verschworene Gemeinschaft sein, die er letzte Saison war. Sonst wird es schwer, das noch zu kitten.

Grönborg könnte der perfekte Mann sein für diesen Job, weil er aus der schwedischen Kultur stammt, die bekannt ist für ihre Integration.

Jedes Meisterteam braucht eine Erneuerung, um oben zu bleiben, und der Verlust von Leonardo Genoni und Gaëtan Haas erschwert Jalonens Aufgabe. Dieses Team ist nicht mehr so gut wie das letztjährige, und jeder Champion hat die natürliche Tendenz, etwas nachzulassen. Die Berner Hockeykultur ist eine des Siegens, aber das kann nicht Tag für Tag das Ziel sein. Sonst zermürbt sich der SCB. Vielmehr müssen der Teamgeist, der Eigenantrieb und die Traditionen dieses Clubs betont werden.

Jalonen profitiert gegenüber Grönborg vom Vorteil, dass er das totale Vertrauen der Führung geniesst. Dieses muss sich der Schwede zuerst erarbeiten. Doch die Umstände sind für ihn ideal, um in Zürich Erfolg zu haben. Was gibt es Besseres, als ein talentiertes Team zu übernehmen, das im Vorjahr kläglich gescheitert ist? Er muss einfach die Spieler um sich scharen und sie spielen lassen. Doch die Lions sind ein störrisches Team, das sich gewohnt ist, selber zu bestimmen, wo es langgeht. Wenn die Spieler nicht für den Coach spielen wollen, dann tun sie es auch nicht.

Grönborg könnte der perfekte Mann sein für diesen Job, weil er aus der schwedischen Kultur stammt, die bekannt ist für ihre Integration. Es sollte ihm gegeben sein, mit den Spielern zusammenzuarbeiten und seine Wünsche auf eine Weise anzubringen, damit es nicht nach einer Drohung klingt. Seine Hauptaufgabe ist es, die Kultur im Team zu verändern: mehr Eigenverantwortung, hohe Erwartungen und die Bereitschaft, sich aufzuopfern. Zu schnell kann er dabei nicht vorgehen. Ich erfuhr selbst, dass das kontraproduktiv sein kann, als ich beim EV Zug zu schnell zu viel wollte. Das Resultat war nicht hübsch.

Wussten Sie, dass alle Schüler in Finnland Schwedisch lernen müssen?

Beide Trainer sollten nicht Arroganz ausstrahlen, sondern Kompetenz. Schweden können arrogant wirken, auch wenn sie damit oft nur ihre Scheu oder Unsicherheit kaschieren, und so muss Grönborg schon früh seine menschliche Seite zeigen und seine Ergebenheit für diese Aufgabe. Bei Jalonen kann seine Kühle zu einem Nachteil werden, wenn es schlecht läuft. Die Dynamik ist bei den beiden eine andere: Grönborg muss die Spieler für sich gewinnen, Jalonen muss schauen, dass er sie nicht verliert.

Als ich in Kanada aufwuchs, sahen wir Hockey-Enthusiasten in den Amerikanern nie eine Bedrohung unserer Vormachtstellung auf dem Eis. Es waren die «bösen» Sowjets, die unser Blut in Wallung versetzten. Ich würde gerne die Gedanken dieser zwei nordischen Antagonisten lesen können an der Bande, wie sie versuchen, gegenüber dem anderen die Überhand zu bekommen. Es ist jedesmal ein Derby, wenn sie sich duellieren.

Wussten Sie, dass alle Schüler in Finnland Schwedisch lernen müssen? Nur schon dieser Fakt würde mich nerven, wenn ich Jalonen wäre. Vielleicht sollte Grönborg zu Jalonen Schwedisch sprechen, als eine Form des passiv-aggressiven Trash-Talks, um ihn aus der Reserve zu locken. Ich bin mir sicher: Diese zwei werden sich nie lieben. Respekt ist das höchste der Gefühle, was wir erwarten können.

Der ZSC schaut nach oben, der SCB nach unten

Wie Sie wissen werden, wenn Sie mich kennen, bin ich fasziniert von den Emotionen, die das Eishockey auslösen kann. Und was man auf dem Eis sieht, ist nur ein Teil der Geschichte. Obschon Kari Jalonen und Rikard Grönborg aussehen wie die Verkörperung der Ruhe und Coolness, kocht es in ihnen. Ich habe in den Schuhen beider gesteckt. Es ist nicht einfach.

Im Moment späht der ZSC nach oben und kann der SCB nur nach unten blicken. Deshalb sind Grönborgs modische Schuhe bequemer. Aber auch sie werden ihn drücken. Je mehr Erfolg er hat, desto mehr Erfolg wird von ihm erwartet werden. Zugs Dan Tangnes hätte auch gerne ein bequemeres Paar Schuhe. Wenn ich es mir recht überlege, steckte ich ja auch einmal in den seinen. Jetzt weiss ich, wieso meine Schuhe so abgewetzt sind und ich neue Sohlen brauche. Weil ich so viel mit ihnen gelaufen bin.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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Erstellt: 09.10.2019, 08:38 Uhr

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