Eishockey

Eine Steigerung, die nötig war

Seit Montag, 18.30 Uhr, ist die Schweiz an der Eishockey-WM definitiv Viertelfinalist. Die Kanadier sorgten mit dem klaren Erfolg über Norwegen dafür, dass schon vor dem letzten Match die Klassierung unter den besten acht Teams von 2017 feststand. Schon jetzt weist sie vier Punkte mehr als 2016 auf.

Vieles richtig gemacht: Die Schweiz hat das wichtigste Ziel an diesem Turnier erreicht.

Vieles richtig gemacht: Die Schweiz hat das wichtigste Ziel an diesem Turnier erreicht. Bild: Keystone

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Die Gefahr des Vergessens ist gross. Deshalb muss es erwähnt werden: Noch nicht allzu lange ist es her, dass der Kopf des Nationaltrainers gefordert wurde, wenn die Viertelfinals verpasst wurden. Und zwischendurch war die Ungeduld im Schweizer Eishockey gar so gross, dass selbst ein Viertelfinalplatz einigen Herren zu wenig war.Wenn den Schweizern jetzt zum vierten Mal in den letzten acht Jahren der Vorstoss unter die besten acht Teams an einer WM gelungen ist, darf man sich darüber freuen.

Aber in den grossen Jubel ausbrechen – das wäre dann, mit der Vorgeschichte aus den konstanten Jahren unter Ralph Krueger und dem Wirbel um die Ablösung von Silbercoach Sean Simpson, verfehlt. Diese Viertelfinal-Qualifikation war schlicht eine Steigerung, die nötig war.

Für Coach Patrick Fischer, der nach dem 3:4 gegen Frankreich mit dem Rücken zur Wand stand und der eine weitere Niederlage (gegen Weissrussland) nicht hätte überstehen dürfen. Und es war eine nötige Steigerung für die Gremien, die seit 2014 Trainer einstellten, entliessen, nicht einstellen konnten und Notlösungen als der Weisheit letzter Schluss verkauften und verkaufen mussten.

Der Beizug Albelins

Das Schweizer Hockey hat in den letzten Jahren, statt auf dem Erfolg der Silbermedaille aufzubauen, vor allem gefrevelt. Glen Hanlon war keine gute Wahl, aber er erreichte die Viertelfinals. Das Theater um seine Nachfolge hat seinen Nachfolgern die ganze Sache nicht erleichtert.

Patrick Fischer erfreute seine Weggefährten der letzten WM nicht unbedingt, als er sich entschloss, ohne sie weiterzugehen. Ein guter Beschluss hingegen war, dass er seine Spielweise – vor allem wegen des Beizugs von Tommy Albelin – anpasste.

Allerdings brauchte er dazu erst noch die Erkenntnisse des «katastrophalen» Deutschland-Cups, die ihn zur Räson brachten. Den Worten eines Verteidigers, der über 1000 NHL-Partien absolviert hat, konnte sich Fischer nicht verschliessen. Zum eigenen und zum Vorteil der ­Nationalmannschaft.

Steigerungspotenzial

Seither spielt das Nationalteam realistisch genug, um WM-Spiele zu gewinnen. Perfekt ist die Spielweise noch nicht, sonst hätte es die Punktverluste gegen Slowenien und Frankreich nicht gegeben. Die Unterzahlarbeit hat weiterhin Steigerungspotenzial. Aber die Schweizer Auftritte sind nicht so destruktiv, dass es ­unmöglich ist, grosse Nationen selbst in deren Zone in Verlegenheit zu bringen.

Die WM 2017 belegt, dass über Sieg und Niederlage der Schweiz nicht in erster ­Linie die Anzahl der aufgebotenen NHL-Spieler entscheidet. Denis Malgin, der einzige NHL-Mann, fiel eher ab (aber er ist auch erst 20 Jahre jung). Entscheidend waren (und sind) Spielsystem, Taktik und Einstellung.

Wenn sich die Spieler in ihren Rollen sicher fühlen, dann können sie sich steigern. Die Schweizer präsentierten bis jetzt einen hervorragenden Mix mit acht WM-Debütanten. Die Neulinge wie Vincent Praplan, Fabrice Herzog, Romain Loeffel, Joël Genazzi, Pius Suter und Roman Untersander übertrafen die Erwartungen. Tanner Richard ­hatte gute und weniger gute Momente.

Gewinner und Verlierer

Mit Leonardo Genoni verfügte die Schweiz endlich wieder über einen Torhüter, dessen Abwehrquote deutlich über 90 Prozent lag. Er ist einer der Routiniers, die über sich hinauswuchsen. Dass das Trio Reto Schäppi, Cody Almond und Thomas Rüfenacht Spiele entscheiden konnte, ist eine Folge der klaren Aufgabenzuweisung.

Ein weiterer Gewinn der klaren Strukturen ist auch, dass die Schweizer im System Formbaissen von vermeintlichen Schlüsselspielern auffangen konnten. Rafael Diaz war weit davon entfernt, so gut zu sein wie im Playoff-Halbfinal mit Zug gegen Davos. Er spielte eher so wie im Final gegen Bern. Nach sechs Partien ist er der Einzige mit einer Minusbilanz. Damien Brunner und Jonas Hiller sind zwei weitere Bestandene, welche die Erwartungen nicht erfüllten. Reto Suri spielte keine Rolle.

Dass die Schweizer in sechs WM-Partien – inklusive zwei gegen Grosse – stets mindestens einen Punkt geholt haben, ist ein Zeichen von Konstanz. Zwei Punkte pro Spiel im Schnitt sind ein guter Wert. Es scheint, als ob das Schweizer Eishockey wieder Boden unter den Füssen hat. Und Patrick Fischer mit seinem Team sehr ­gute Karten in den Händen.

Erstellt: 15.05.2017, 23:17 Uhr

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