Eishockey

«Ich habe immer dazugelernt»

Nach 21 Jahren als Profi hat EHCW-Stürmer Adrian Wichser letzte Woche seinen Rücktritt erklärt. Im Gespräch erzählt der Winterthurer von Höhen und Tiefen. Und warum er künftig im Nachwuchs tätig sein will.

Die letzten zwei  Saisons seiner Karriere spielte Adrian Wichser  wieder für den EHCW.

Die letzten zwei Saisons seiner Karriere spielte Adrian Wichser wieder für den EHCW. Bild: Enzo Lopardo

Letzte Woche haben Sie als 38-Jähriger die Beendigung Ihrer Spielerkarriere verkündet. Was waren die Gründe dafür?
Adrian Wichser: In erster Linie war es sicher die Gelegenheit, mit dem Nachwuchs beim EHCW und an der neuen Kunst- und Sportschule in Winterthur arbeiten zu können. Letzte Saison habe ich auch nicht mehr oft schmerzfrei gespielt. Für mich hing Ende Saison deshalb etwas in der Luft, ob ich tatsächlich noch weiterspielen will. Dann war aber schnell klar: Neben dem Engagement im Nachwuchs kann ich nicht mehr als Profi weitermachen.

Wenn Sie auf Ihre Karrierezurückblicken: Was bleibtin Erinnerung?
Positive und negative Momente. Positiv sicher die Schweizer-Meister-Titel und der Sieg mit den ZSC Lions in der Champions League. Das war eine unglaubliche Saison. In die Champions League, an der damals tatsächlich die Meister und Qualifikationssieger auch aus Russland teilnahmen, sind wir ohne jeglichen Kredit gestartet. Am Ende stand die ganze Eishockey-Schweiz hinter uns.

«In der letzten Saison habe ich nicht mehr oft schmerzfrei gespielt.»

Gibt es auch Dinge neben dem Feld, die Sie nicht missen möchten?
Vor allem die Menschen, die ich kennen gelernt habe. Das bleibt, auch wenn die Kontakte nicht mehr so häufig sind wie auch schon. Ich war überrascht, wie viele Rückmeldungen ich nach dem Rücktritt bekommen habe. Das ist schon speziell.

Ihre Karriere bestand nicht nur aus Höhepunkten. Verdrängt man das andere?
Sicher nicht. Die Tiefen gehören für jeden Sportler dazu. Daran muss man wachsen, sei es im sportlichen Bereich oder im persönlichen. Mich haben immer wieder Verletzungen aus der Bahn geworfen. Ganz extrem negativ war die Phase, als ich an Borreliose litt. Aber auch da hatte ich beim ZSC Leute wie den Teamarzt Gery Büsser oder Trainer Harold Kreis, die mir viel geholfen haben. Dadurch sind auch menschliche Beziehungen entstanden.

«Andere beenden ihre Karriere mit einem gebrochenen Herzen. Ich mit einem gebrochenen Fuss.»


Wie sind Sie mit dieser Krankheit klargekommen, die ja keine typische Sportlerverletzung ist?
Am Anfang wars sehr schwer, weil man lange nicht herausfand, was es ist. Zuerst dachte man, es sei eine verschleppte Gehirnerschütterung. Ich wurde zu Hause ohnmächtig, konnte nichts mehr essen oder sogar trinken. Das habe ich bis dahin überhaupt nicht gekannt. Erst nach ein paar Wochen stand der Befund Borreliose fest. Teamarzt Büsser erklärte es mir so: Du bist wie ein Ferrari, der im Moment keinen Motor hat. Dieses Bild ist mir geblieben. Was mir lange zu schaffen machte, war eine permanente Müdigkeit. Gut war, dass ich rasch wieder in die Mannschaft integriert wurde. Trotzdem hatte ich während meiner ganzen zweiten Saison in Zürich damit zu kämpfen. Am Ende war ich dennoch an der WM in Russland. Das war ein guter Abschluss.

Sie hatten allerdings einen Rückfall.
Ja, sechs Jahre später waren dieselben Symptome zurück. Damals konnte ich die Krankheit erst mit dem Wechsel in ein neues Umfeld zu Rapperswil-Jona richtig hinter mir lassen.

Gibt es Dinge, die Sierückblickend anders machen würden? Beispielsweise den Sprung in die NHL wagen?
Konkret würde ich nichts anders machen. Ich habe meine Karriere ja immer analysiert und dazugelernt. Die NHL war in jener Zeit noch etwas anderes. Durch Spieler wie David Aebischer oder Michel Riesen ist die Tür für Schweizer gerade erst aufgegangen. Als ich jung war, war Kloten-Trainer Wladimir Jursinow ein wesentlicher Grund für mich, in der Schweiz zu bleiben und nicht in eine kanadische Juniorenliga zu wechseln. Danach war ich im entscheidenden Moment auch oft verletzt. Typisch für mich ist ja auch: Andere beenden ihre Karriere mit einem gebrochenen Herzen. Ich mit einem gebrochenen Fuss.

«Die erste Seite, die ich im Teletext angeschaut habe, war immer die mit dem Resultat von Winterthur»

Zum Abschluss Ihrer Karriere sind Sie zu Ihrem Stammklub, dem EHC Winterthur, zurückgekehrt. Wie behalten Sie diese Zeit in Erinnerung?
Als sehr schöne Zeit. Für mich hat sich damit der Kreis geschlossen. Das bleibt hängen. Es war auch schön, Leute zu treffen, die schon da waren, als ich den Klub verlassen habe, und jetzt immer noch da sind. Mich hat immer interessiert, was beim EHCW läuft. Die erste Seite, die ich im Teletext angeschaut habe, war stets die mit dem Resultat von Winterthur. Wenn ich Zeit hatte, kam ich auch an die Spiele. Ich habe auch in Winterthur gewohnt, als ich in Zürich und Rapperswil spielte. Es war speziell, nicht mehr aus der Stadt rausfahren zu müssen, um Hockey zu spielen.

Aber es war für einen ehemaligen Meisterspieler und Teilnehmer an der Champions League schon eine andere Heraus­forderung in Winterthur.
Ich wusste, was auf mich zukommt. Wir sind hier keine Vollprofis. Ich sah meine Aufgabe darin, den Jüngeren zu zeigen, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren muss. Es geht darum, die knappe Zeit, in der man zusammen ist, richtig zu nutzen.

«Es geht darum, die knappe Zeit, in der man zusammen ist, richtig zu nutzen und sich nicht mit Dingen beschäftigt, die man nicht ändern kann»

Und das heisst?
Dass man sich nicht zu sehr mit Dingen beschäftigt, die man sowieso nicht ändern kann. Sondern die Zeit da investiert, wo man etwas bewegen kann.

Irgendwann aber kommt das Karriereende für jeden Spieler. Weshalb wollen Sie sich in der Zeit danach mit der Ausbildung von Nachwuchsspielernbefassen?
Ich war früher schon gerne mit Kindern auf dem Eis. Seit ich selber Vater bin, hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass ich mit Nachwuchsspielern arbeiten möchte. Schon letztes Jahr habe ich beim ehemaligen EHCW-Spieler Beat Lautenschlager, der bei Kloten die Minis trainiert, etwas geschnuppert, um herauszufinden, ob das für mich etwas wäre. Es war interessant, die Fortschritte der Kinder über ein ganzes Jahr zu beobachten. In dem Alter sind die Spieler auch sehr dankbar.

Das sind also Schülerinnen und Schüler im Oberstufenalter, mit denen Sie auch an der neuen K+S-Schule in Winterthur zu tun haben werden. Was wollen Sie ihnen vor allem beibringen?
Das ist ein Alter, in dem man recht viel lernen kann, im technischen und einzeltaktischen Bereich. Das ist später nur schwer nachzuholen. Das andere ist: Ich habe in meiner Karriere Hochs und Tiefs erlebt. Diese Kinder sind dabei, sich für so eine Karriere zu entscheiden. Da kann ich mit meinen Erfahrungen schon helfen.

«Ein 08/15-Programm für jeden führt im Eishockey nicht unbedingt zum Erfolg.»

Die Schule beginnt nach den Sommerferien. Wie wird Ihr Alltag dann aussehen?
Diese Planung entsteht im Moment erst. Viel hängt davon ab, wie viel zusätzliche Eiszeit zur Verfügung steht. Auf dem Eis geht es um Grundsätzliches: Schlittschuhlaufen, Passen, Schiessen. Interessant wird für mich sicher auch, die Sportschüler an den Spielen zu beobachten und individuell zu coachen. Das kommt in einem normalen Mannschaftstraining oft zu kurz. Ein Trainer, der für ein ganzes Team sorgen muss, kann nicht immer auf Einzelne Rücksicht nehmen. Im Eishockey haben wir in dieser Beziehung in der Schweiz sicher Verbesserungspotenzial. Ein 08/15-Programm für jeden führt nicht unbedingt zum Erfolg.

Und dasselbe machen Sie auch im Nachwuchs des EHCW?
Die konkrete Ausgestaltung ist noch offen. Sicher werde ich in vielen Nachwuchstrainings anwesend sein und die Spieler auf Dinge hinweisen, die mir auffallen. Auf jeden Fall will ich Ansprechpartner für Spieler sein, die sich neben dem Eis verbessern wollen. Für die jungen Spieler gibt es künftig vielleicht auch Möglichkeiten für polysportive Tätigkeiten in der Zwischensaison. Das hat Hockeyspieler früher immer ausgezeichnet. Heutzutage hat man fast das ganze Jahr Eis. Da droht die Gefahr, dass die polysportive Ausbildung zu kurz kommt.

Für die Arbeit an der K+S-Schule und für den Nachwuchs des EHCW werden Sie in einem 50-Prozent-Pensum angestellt. Wie planen Sie, die restliche Zeit auszufüllen?
Schwer zu sagen. Im Sommer wird es im Eishockey eher weniger zu tun geben, im Winter dafür umso mehr. Konkrete Pläne habe ich für die freie Zeit noch nicht. Bekanntlich interessiere ich mich sehr für Pferderennen. Diese Szene habe ich auch während meiner Karriere immer verfolgt. Sicher werde ich künftig im Sommer eher mal nach England oder Irland an ein Rennen reisen. Aber da meine Tochter im Schulalter ist, wird sich auch das in Grenzen halten.

(Der Landbote)

Erstellt: 13.04.2018, 09:56 Uhr

Zur Person

Adrian Wichser hat seine Karriere beim EHC Winterthur begonnen. 1997 wechselte er als 17-Jähriger zum EHC Kloten. 2003 wurde er mit dem HC Lugano Schweizer Meister, 2008 mit den ZSC Lions, mit denen er im Jahr danach die Champions League gewann.

In der NLA spielte der Center später zudem für Rapperswil-Jona, in der NLB für Thurgau und in den letzten beiden Saisons wieder für Winterthur.

1998 wurde er in der neunten Runde der NHL-Draft als insgesamt 231. Spieler von den Florida Panthers gewählt, spielte aber nie für sie.

Mit der Nationalmannschaft nahm Wichser an fünf Weltmeisterschaften und an den Olympischen Spielen 2006 in Turin teil. Er absolvierte 99 Länderspiele. Letzte Woche gab er seinen Rücktritt als Spieler bekannt.

Künftig wird der Winterthurer in einem 50-Prozent-Pensum einerseits die Eishockeyschüler an der neuen Kunst-und Sportschule unmittelbar neben der Zielbau-Arena ausbilden, andererseits als Skills-Coach auf allen Stufen der Nachwuchsabteilung des EHCW tätig sein.

Adrian Wichser 2001 im Dress des EHC Kloten.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!