Kloten auswärts (8)

Im Ambrì-Land bei den vereinten Ticinesi

Der südlichste Klotener Spielort in der neuen Hockey-saison ist ein Ort des Transits. Biasca liegt unweit des NEAT-Südportals. Die meisten Hockeyspieler wollen hier nur eins – weg. Am liebsten nach Ambri, Lugano oder neuerdings nach Davos.

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Die Kioskfrau lacht über den Deutschschweizer, der sie mitten im Hochsommer auf Eishockey anspricht. «Hier ist Ambrì», sagt sie dann wie aus der Pistole geschossen. Dabei befinden wir uns in Biasca gleich neben dem Bahnhof. Und hier auf halbem Weg zwischen den beiden traditionsreichen Tessiner Klubs Ambrì und Lugano gibts einen aufstrebenden eigenen Verein. Aber der spielt halt «nur» in der zweitobersten Liga. Eishockey ist im Tal jedenfalls populär und in Biasca so oder so.

Wobei das Dorf nicht eindeutig nur einem, sondern gleich drei Tessiner Tälern zugeordnet werden kann. Es liegt da, wo das Bleniotal (Richtung Lukmanierpass/Disentis) die Riviera (Richtung Bellinzona) und die Leventina (Richtung Airolo/Gotthard) zusammenkommen. «Regione Tre Valli» wird die Gegend am neuen Spielort des EHC Klotens denn auch genannt, erklärt in der Biascarena etwas später Eismeister Damian Risi. Dessen Vater heisst zwar Bruno – aber nein, der sei nicht die einstige Sprintrakete unter den Bahnradfahrern.

Raketenstatus haben hier in Risis Eishalle die Eishockeyspieler des heimischen HCB. Denn Biasca trägt seit dem Aufstieg in die zweithöchste Schweizer Eishockeyliga vor zwei Jahren den Zusatz «Ticino Rockets». Und die wollen in ihrer dritten Saison nun nochmals eine Zusatzstufe zünden und Schub geben. Das jedenfalls ist die Absicht der Klubführung und des neuen Sportchefs Sébastien Reuille.

«Fige ist ein guter Typ. Als ich in Kloten Profi wurde, stand er noch auf dem Eis. Er hat jetzt als Sportchef sicher ein starkes Team beisammen.»

Sébastien Reuille, Sportchef, Spieler und Mitarbeiter Geschäftsstelle HC Biasca Ticino Rockets

«Wir müssen ein Team aufbauen, das fighten kann und sich auch für die Playoffs qualifiziert.» Das klingt wie eine Warnung an die Gegner aus der Deutschschweiz und der Romandie. Bislang mussten die Gäste sich nicht sonderlich fürchten vor den Rockets, die in der vergangenen Saison nicht über den letzten Platz in der Meisterschaft hinauskamen.

Auch diese Saison wirds keinen Absteiger aus der im Volksmund stets «Nati B» genannten «Swiss League» geben. Ab übernächster Saison aber schon. Genau so wie der Aufstieg in Biasca kein Thema ist — weil das einem Farmteam wie den Rockets nicht erlaubt ist — so soll der Abstieg auch kein Thema sein. Aber Reuille ist nicht entgangen wie es den Zürcher Unterländern eine Stufe höher ergangen ist. «Klar habe ich mitverfolgt, wie Kloten abgestiegen ist», sagt der Romand. Jedes Spiel der Ligaquali-Serie habe er am Fernseher gesehen. «Ich hatte ja eine enge Beziehung zu beiden Teams – Kloten und Rappi.»

Erinnerungen an Kloten, den ersten Profivertrag und Fige

Als aufstrebendes Talent, hatte der heute 37-jährige Reuille vor rund 22 Jahren in Kloten angefangen und später auch für Rapperswil gespielt. Inzwischen ist er als frischgebackener Sportchef des HCB um die besten Talente bemüht. Reuille ist aber zugleich immernoch als Spieler aktiv. Er hat in Lugano, im «Sottoceneri», südlich der geografischen Fan-Trennlinie am Monte-Ceneri-Pass einen Zweiwegvertrag für eine weitere Saison in der Nati-A erhalten.

«Ich trainiere jeden Tag in Lugano und bin bereit, wenn sie mich brauchen.» Als Kloten im April gegen den Abstieg kämpfte, spielte Reuille gegen den «Z» um den Meistertitel. Falls er in der neuen Saison keinen Platz mehr in der ersten Mannschaft der «Bianconeri» bekommt, werde er für die Rockets in der Nati-B auflaufen, erzählt der Luganesi in seinem Büro unter dem Dach der Biascarena mitten im Ambrì-Land.

Seinen ersten Schweizermeistertitel holte sich Reuille übrigens mit den Klotener. Der Romand erinnert sich noch gut, wie er 1997 in der Elite-A-Stufe der besten Junioren des Landes feiern durfte. «Ich war damals extra nach Kloten gekommen, weil es dort die beste Juniorenabteilung der Schweiz gab.» Im Zürcher Unterland spielte er zunächst in der Nati B für den EHC Bülach und erhielt aber bald seinen ersten Profivertrag als Kloten-Stürmer in der Nati-A. «Ich sass damals auf der Tribüne im Schluefweg und habe mir ein Meisterschaftsspiel angeschaut.

Da hatte sich Fige (Felix Hollenstein Anm. d. Red.) verletzt. Noch am selben Abend erhielt ich ein Telefonanruf, dass ich am nächsten Morgen ins Training der 1. Mannschaft kommen soll.» Es folgten drei Saisons am Schluefweg bevor Reuille via den HC Thurgau am oberen Zürichsee bei den Lakers in Rapperswil landete. Schliesslich ist Reuille im Südtessin heimisch geworden. Mit Lugano gewann er 2006 seinen zweiten Schweizermeistertitel, diesmal als gestandener Hockeyprofi.

Wenn es um die Zukunft geht, spannen Erzrivalen zusammen

Dass Reuille nach nunmehr elf Saisons im Trikot der Luganesi jetzt im Ambrì-Kerngebiet tätig ist, kommt einer kleinen Sensation gleich. «Euer Zürcher Derby ist im Fall nicht vergleichbar mit dem Derby hier im Tessin», sagt er in breitem Dialekt mit zürcherischer Färbung. Und er weiss wovon er spricht. Jahrelang wurde Reuille in Ambrì ausgepfiffen und hat erlebt wie man sich auch privat aus dem Weg geht, wenn jemand für die «falschen» Farben schwärmt in der Tessiner Hockeywelt.

Aber jetzt ist der Luganesi gar von der Führung der «Biancoblù» aus Ambrì als Sportchef beim gemeinsamen Farmteam in Biasca eingesetzt worden. Das ehrt ihn und zeigt, dass auch die ärgsten Gegner zusammenspannen können, wenn es um die Zukunft geht. Denn der HC Ambrì hält die Aktienmehrheit am «Rockets»-Projekt.

«Wir wollen jungen Spielern hier in der zweithöchsten Liga die Chance geben Erfahrungen zu sammeln. Jeder, der einen Profivertrag bekommt, ist für uns ein Erfolgsversprechen.» Auf diese Saison hin ist neu auch der HC Davos als Partnerclub dabei und lässt ständig vier Elite-Junioren in Biasca spielen. Und so kämpft der Ex-Klotener Reuille mit den Talenten aus der Leventina, dem Sottoceneri und dem Landwassertal gemeinsam um Punkte und verhilft ihnen zu Profiverträgen.

Eismeister Risi freut sich derweil schon auf den EHC Kloten als traditionsreichen Namen unter Biascas Gegnern. Und er hofft auf viele Fans. Denn er weiss wie ruhig es in der Halle ist, bei einem Zuschauerschnitt von gerade mal 197 Fans pro Spiel wie in der letzten Saison.«Ich kann den Gästesektor auf der Tribüne im Fall noch ausweiten. Kloten könnte uns schon 1000 Zuschauer bringen.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 10.08.2018, 13:40 Uhr

HCB Ticino Rockets

Vereinsgeschichte
Der Vorgängerverein des heutigen HC Biasca Ticino Rockets wurde 1987 als HC Iragna gegründet. Daraus wurde 2005 der HC Iragna Tre Valli, woraus nochmals zwei Jahre später der HC Biasca Tre Valli wurde. Nach dem sportlichen Aufstieg 2016 in die zweithöchste Spielklasse, stiegen die beiden Tessiner A-Teams Ambrì und Lugano in Biasca ein und gründeten eine gemeinsame Aktiengesellschaft (Mehrheit liegt bei Ambrì mit 51%). Ausserdem ist auch der Verein GDT Bellinzona daran beteiligt. Ziel ist es, eine regionale Mannschaft zu installieren, die in der Nationalliga B spielt und die besten Talente ausbildet für den Sprung in die Nationalliga A. Zwei Saisons im B brachten eine gewisse Ernüchterung. Die letzte Saison endete auf dem letzten Platz. Neuerdings ist auch der HC Davos als weiteres Top-Partnerteam in Biasca beteiligt.

Biascarena
Kapazität: ursprünglich bis zu 3800 Plätze; Baujahr: 1992

Zuschauerschnitt 2017/18
rund 197 Fans

Bekannte Personen
Jan Cadieux, Chefcoach (seit 2017), davor Luca Cereda (jetzt Ambrì-Headcoach), Tomas Tamfal (Assistenztrainer; Ex-Kloten), Pauli Jaks (Goalietrainer), Sébastien Reuille (Spieler/Sportchef, ex-Kloten), Clarence Kparghai (Spieler, ex-Kloten), Jason Fritsche (Spieler, Sohn von John Fritsche Ex-Ambrì-Star)

Einwohnerzahl Biasca
rund 6500 Personen

Nächste Beiz
Nebst dem Ristorante im Stadion gibts auf halbem Weg zum Bahnhof die «Zanzi-Bar» oder am Bahnhof das Albergo della Posta oder das Nazionale.

Kloten spielt hier am: Fr 26. Oktober, 20 Uhr; So 27. Januar 2019, 16 Uhr.

www.tirockets.ch

Der Weg zur Biascarena. (Bild: d-maps, Grafik: mb)

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