Eishockey

Schöne Aussichten auf Fluss und Karriere

13 NHL-Spiele lang musste Mirco Müller auf das nächste Aufgebot der New Jersey Devils warten. Aber in den entscheidenden ­Spielen zur Playoff-Teilnahme stand der Verteidiger aus Winterthur wieder auf dem Eis.

Familientreffen am Hudson River: Mirco, Christina, Roland und Alina Müller.

Familientreffen am Hudson River: Mirco, Christina, Roland und Alina Müller. Bild: Kristin Redmond

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Wenn Mirco Müller aus seiner Wohnung in New Jersey schaut, sieht er jenseits des Hudson River das Empire State Building. «Nicht schlecht», lächelt der 23-jährige Winterthurer. Manhattan ist nah, die Fähre bringt ihn von Hoboken in ein paar Minuten an den Terminal vor dem World Financial Center. Abstecher auf die andere Seite des Flusses sind immer reizvoll, nicht zuletzt, wenn Besuch aus der Heimat da ist.

Doch Mirco Müllers Lebensmittelpunkt spielt sich anderswo ab: am gleichen Ufer, in New Jersey, eine halbe Autostunde von seiner schönen Wohnlage entfernt, im Prudential Center der New Jersey Devils.

An einem normalen Eishockeytag ohne Match fährt er hin, trainiert, isst dort morgens und zu Mittag. Mitte Nachmittag ist er zurück in seiner Hochhauswohnung. Von da an wäre Zeit für einen Ausflug mit Nachtessen in Manhattan oder fürs Entspannen zu Hause. Bei Heimspielen stehen ein kürzeres Training und ein Mittagsschlaf an; zwei Stunden vor Matchbeginn treffen sich die Devils in der Arena.

An die Auswärtsspiele fliegt das Team, meistens einen Tag davor, im eigenen Jet. «Die Reiserei ist nicht so schlimm, wie man es sich vielleicht vorstellt», erklärt Müller. «Alles ist sehr komfortabel, wir haben grosse Sitze, das Essen ist gut. Nicht zu vergleichen mit einem normalen Flug.» Und die Distanzen sind im Osten deutlich kürzer als im Westen, wo er die letzten drei Saisons unterwegs war.

Bei den San Jose Sharks trat Müller in drei Jahren zu 54 Spielen in der National Hockey League an. Was er an Kalifornien am meisten vermisst, ist das milde Wetter. Ansonsten gefällt es ihm da, wo er jetzt ist, bestens. Das hängt auch mit dem neuen sportlichen Erfolg zusammen.

2003 hatten die Devils den letzten ihrer drei Stanley-Cups gewonnen, seit 2012 fand das Playoff ohne sie statt, vor einem Jahr schlossen sie die Eastern Conference auf dem letzten Platz ab. Auf die laufende Saison hin kündeten sie eine «neue Ära» an. Zu den vielen frischen Spielern gehörten zwei Schweizer: Mirco Müller, der Verteidiger, und Nico Hischier, der Stürmer und Nummer-1-Draft.

Hischier zog den (Schweizer) Fokus bisher auf sich. «Er hatte eine starke Saison», sagt Müller. «Für einen jungen Spieler war er immer sehr konstant.» Hin und wieder trifft er den 19-jährigen Walliser privat. Aber eigentlich haben die beiden ein anderes Umfeld.

Im gleichen Stadtteil wie Müller wohnt Hischier in einem Gebäudekomplex, in dem vier weitere junge Teamkollegen hausen. Müller lebt zusammen mit seiner Freundin Kristin, einer Kanadierin aus Vancouver, deren Vater in den Achtzigerjahren 191 NHL-Spiele für die Edmonton Oilers und die Los Angeles Kings bestritt. Craig Redmond, auch er ein Verteidiger, stand in Kanadas Olympiateam von 1984, das in Sarajevo hinter der UdSSR, der Tschechoslowakei und Schweden Platz vier belegte. Und er war Teil des spektakulärsten Deals der NHL-Geschichte: Als Wayne Gretzky 1988 von den Oilers zu den Kings wechselte, ging Redmond mit weiteren Spielern den umgekehrten Weg.

Hischier stand, als Einziger des Teams, alle 82 Spiele der Regular Season auf dem Eis, er trumpfte mit 20 Toren und 32 Assists auf. Müller musste sich erst zurückkämpfen. Nach einem gelungenen Saisonstart brach Mitte November gegen die Chicago Blackhawks das linke Schlüsselbein. Zwei Monate später war er wieder bereit, er trat die zwei vertraglich erlaubten Spiele in der AHL an, ehe er fortan nur noch für harte Trainings auf dem Eis stand. Meistens trainierten sie zu zweit oder dritt – jene Devils, die keinen Platz im Aufgebot hatten.

13 NHL-Spiele lang dauerte das Leiden und Warten. «Im Kopf ist es am härtesten. Denn man will endlich spielen, wenn man schon gesund ist», sagt Müller zum Geduldsspiel. «Es war nicht das erste Mal, dass ich da durchmusste. Ich nahm es Tag für Tag und versuchte, weiterhin Spass am Eishockey zu haben. Man muss einfach das Beste daraus machen.»

Und dann, nach einem Monat Durchbeissen: «Plötzlich war ich wieder dabei.» Erklärungen, weshalb man spielt oder eben nicht, gibts im nordamerikanischen Profihockey in der Regel nicht. Spätabends nach einem Match las Müller im SMS, dass sein Name auf dem Aufgebot fürs Spiel des folgenden Tages steht.

Das Comeback glückte auf Anhieb, was nicht selbstverständlich ist. «Ich habe mich gut gefühlt, und es ging von Spiel zu Spiel besser.» Von Coach John Hynes habe er «viel Vertrauen erhalten», bemerkt Müller. Er rechtfertigte es. «Etwas überraschend, aber sehr positiv» seien seine Einsätze im Boxplay gewesen. Müller begann in der dritten Reihe, rückte in die zweite auf, um im letzten Spiel der Regular Season als Ersatz im ersten Block aufzutreten. Defensiv beging er kaum Fehler. Innert kurzer Zeit hat er sich im Team etabliert. Allerdings: Gewähr, dass es so weitergeht, besteht nie.

«Defensiv spielt er sehr solid und zuverlässig.» Roland Müller, der Vater, sagt dies, auch andere urteilen so über Mirco. «Er opfert sich und ist sich nicht zu schade, sich in Schüsse zu werfen. Ein Defensivverteidiger. Offensiv hat er noch Steigerungspotenzial. Aber das weiss er, und daran arbeitet er auch.» Vier Assists stehen in seiner Offensivstatistik der 29 Spiele, die er für die Devils bisher bestritten hat.

Roland Müller sass im Prudential Center, als die Devils am 5. April, im zweitletzten Spiel, mit dem 2:1-Sieg über die Toronto Maple Leafs die erste Playoff-Qualifi­kation seit 2012 schafften. Das Timing passte, die Arena an der «Fan Appreciation Night» war voll und die Stimmung aussergewöhnlich euphorisch. «Die Leute haben uns angepeitscht», freut sich Mirco Müller. «Eindrücklich» sei es gewesen, so Roland Müller, diesen entscheidenden Match gesehen zu haben. «Wir haben es uns verdient», sagt Mirco Müller zum Playoff-Platz, «der ein sehr gutes Zeichen für unsere junge Mannschaft ist». Eine Feier gabs am gleichen Abend nicht. «Es geht ja noch weiter», sagt er. Der Trainer sei in die Kabine gekommen, habe seinen Spielern gratuliert. «Er sagte, dass er stolz auf uns sei.»

In den zwölf Tagen, an denen er Mirco besuchte, habe Roland Müller «eine sehr interessante Phase mit wichtigen Spielen» erlebt. Zwischendurch gabs Zeit für Ausflüge nach Manhattan oder Kontakte mit anderen Spielern und Angehörigen. Die zwei Damen des Hauses blieben diesmal in Winterthur, zumal Alina Müller, die Topskorerin des Olympiaturniers 2018, sich auf die Matura vorbereiten muss. Der Vater war zum dritten Mal in New Jersey. Diese Saison hat er keine weitere NHL-Reise vorgesehen. Ausser: «Wenn die Devils in den Final kommen, würde ich es mir nochmals überlegen...»

Mirco Müllers erstes Playoff-Spiel endete in der Nacht auf Freitag mit einer 2:5-Niederlage bei den Tampa Bay Lightning. Neun weitere Devils gaben ebenfalls ihr Debüt. Der Winterthurer stand, ungewöhnlich angesichts der letzten Spiele, bei zwei Gegentoren auf dem Eis. Die Fortsetzung der Best-of-7-Serie folgt heute Samstag erneut in Florida. Nächste Woche stehen zwei Spiele im Prudential Center an.

Tampa, die aktuelle Nummer 1 der Eastern Conference und Stanley-Cup-Finalist 2015, setzte sich gegen jene Mannschaft durch, die nur mit einem Punkt Reserve den Sprung ins Playoff vollbracht hatte. Das ist die eine Sicht der Statistik. Die andere: In drei Vergleichen der Regular Season mit Tampa haben die Devils dreimal gewonnen. «Natürlich ist Tampa stärker besetzt als wir. Aber bisher lagen sie uns, sie spielen ein ähnliches Hockey mit viel Tempo.» Mit dem Auftritt im Playoff allein «wollen wir uns nicht zufriedengeben», betont Müller. «Denn wirklich gewonnen haben wir noch nichts.»

Eine weitere Saison läuft sein Einwegvertrag mit den Devils. Dann kommt Mirco Müller als Free Agent auf den Markt. Die Karriereaussichten sind nach wie vor schön. Was seine nächste Station ist, lässt sich nicht voraussagen. Zunächst geniesst er dieses Playoff und den Blick über den Hudson River. ()

Erstellt: 14.04.2018, 09:35 Uhr

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